Ernö Szép: Die Liebe am Nachmittag

3. Februar 2011

Ich bin sechsundvierzig geworden. Vor zwei Monaten.
Mir ist etwas so Schönes widerfahren.

Natürlich, ich wollte wissen, was dieses Schöne, nein, genauer: so Schöne denn gewesen war… und so wanderte dieser feine, leicht melancholische Roman aus dem Ungarn zwischen den Kriegen mit mir in mein Bücherland…..

Der Erzähler Mihály ist Schriftsteller, Theaterkritiker, Feuilletonist, er lebt und arbeitet in Budapest. Er ist unverheiratet, aber hat ein Verhältnis mit der verheirateten Dame, die er nur 5fleur nennt, nach dem Parfum, das sie benutzt. Es ist kein tiefgehendes Verhältnis, es ist eine Liaison, die beiden das bringt, was sie suchen, Entspannung und auch das Spiel ihrer Körper. Zeit für die Dame kann Mihály nur am Nachmittag aufbringen, er muss schreiben, schreiben, schreiben, denn er lebt in chronischem Geldmangel. Schulden hat er überall, beim Schneider ebenso wie beim Schuhmacher, in der Wäscherei oder wo immer er auch Dienste in Anspruch nehmen muss. Und das muss er, denn das Leben in Budapest, zumindest in einer gewissen gesellschaftlichen Schicht, ist teuer und von einem dekadenten Hauch umgeben. Kleider machen Leute und er kennt die Erfahrung, nicht mehr eingeladen zu werden, weil seine Gaderobe zu schäbig wirkt, er nicht länger kaschieren kann, daß sie schon öfter getragen ist, als es seinem Ansehen gut tut…..

Diesem Mihály begegnet zwischen Tür und Angel im Theater die blonde Elevin Iboly, mit der er fast zusammenstößt und der es gelingt, dem Widerstrebenden, dem das Mädel herzlich egal, nein, eigentlich lästig ist, ein Gespräch abzuluchsen. Und, obwohl er selbst nicht weiß, warum, er wimmelt das Mädchen auch in der folgenden Zeit nicht ab, er trifft sich ab und zu mit ihr zum spazieren gehen. Iboly ist nicht, für ihn nicht, besonders schön, ihrer Kleidung sieht man einfachen Verhältnisse an, aus denen sie stammt, ebenso ihren Manieren und ihrer Sprache. Es entspinnt sich nun, man kann es sich denken, langsam und behutsam eine ganz leichte, auch ein wenig traurige Liebesgeschichte zwischen den beiden, von der Sprache her sehr fein umgesetzt. Es sind oft nur unvermittelte, kleine Bemerkungen im Text (z.B. ein in einen Gedanken eingeflochtenes“…später, wenn ich bei ihr bleibe…„), die Szép seinem Mihály in den Mund legt und die andeuten, daß dessen Gedanken sich immer mehr mit Iboly beschäftigen. Er nimmt sich ihrer an, verbessert ihre Kleidung, „straft“ sie für Fehler, die sie macht und malt sich aus, wann und wie es wohl am besten geschehen solle…. er legt es nicht darauf an, das zu erreichen, obwohl er sich sicher ist, daß Iboly ihm folgen würde…

Ich habe geschrieben, daß diese ein wenig auch eine traurige Liebesgeschichte ist, denn aufgrund des großen Altersunterschiedes und des unsicheren Lebensumstände von Mihály (der nebenher auch die Dame 5Fleur nicht aufgegeben hat) ahnt man als Leser früh, daß ihm und Iboly kein gemeinsames Glück beschert werden kann. Es ist zum Schluss Mihály, der Ibolys Liebe nicht ausnutzt und der (aus heutiger Sicht sehr bevormundent) für ihre (vermeintlich) sichere Zukunft sorgt….

Mihály ist ein Getriebener der Umstände. Sein Talent ist da, aber ihm fehlt der Ehrgeiz, dies zu vermarkten. Er reflektiert über sein Leben, über das Älterwerden, ein Hauch von Selbstmitleid ist zu spüren und fehlender Inititiave und Kraft. Oder ist er schon zu sehr Getriebender, als daß er noch handeln könnte? Die Tantiemen jedenfalls für sein durchaus erfolgreiches Theaterstück werden ihm schon in der Verwaltung gepfändet und Geld leihen ihm, dem „Rothschild der Mittellosigkeit“, nur noch die Haie, alle anderen fordern das schon Geliehene nur noch zurück. Seine Klage über die Schulden und die Last, die er zu tragen hat, erinnert fast an Hiob….

„…. auch ich muss hier Geld haben; ich verelende, sinke in die Armut hinab, meine Augen gehen zugrunde, mein Herz und mein Bewusstsein. Man hat mich zu Boden getreten, mich an Armen und Beinen gefesselt, mir einen dreckigen Lappen ins Maul gestopft. Ich habe kein Geld.“

Bei manchen Gelegenheiten erweist sich Mihály als nahezu kontemplativer Beobachter. Sein herbstlicher Besuch auf der Margareteninsel z.B. ist eine wunderschön poetisch geschrieben Passage über seinen Besuch dort beim Herbst, seiner ewig blonden Liebe:

„Es gibt die Frühlingsstille und die Winterstille, auch eine nächtliche Stille. Diese sonnendurchtränkte, herbstliche Nachmittagsstille, wenn die Blätter fallen, sie ist die Stille des Träumens, des Glücks. …“

Es war diese 12. Nacht (Szép nennt die Kapitel seines Romans „Nächte“), die mich für das Buch einnahm und mit dem obigen Zitat aus dieser „Nacht“ will ich auch diese Vorstellung des Buches beenden…..

Nicht vergessen will ich zu erwähnen, daß Szép auch zu denen gehörte, die – so wie von Sándor in seiner „Spurensuche“ beschrieben – von Wallenstein vor der Deportation gerettet worden ist.

Facit: Ein feiner Roman aus einem Ungarn im Umbruch. Die Dekadenz des alten Kaiserreichs ist noch zu spüren und die Weltwirtschaftskrise wirft ihre Schatten schon in die Gesellschaft.

Ernö Szép
Die Liebe am Nachmittag
übersetzt von Ernö Zeltner
dtv, 2011, 304 S.

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11 Responses to “Ernö Szép: Die Liebe am Nachmittag”


  1. dem sei nichts hinzuzufügen ;) ich habe das buch im dezember 2008 gelesen – und weil es mich so beeindruckt hat, sogar dieses unwichtige detail memoriert.

    viele grüße, monika

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    • flattersatz Says:

      danke, für die grüße und die anmerkung!

      ja, die geschichte schleicht sich ganz leise in die aufmerksamkeit und anteilnahme an den schicksalen…. es überrascht mich, daß so viele sich zu dem büchlein äußern und es kennen, aber es freut mich sehr!

      liebe grüße
      fs

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  2. Das klingt sehr vielversprechend, überhaupt bin ich ein Fan der Ungarn: meine unangefochtene Nummer eins ist Antal Szerbs „Reise im Mondlicht“, falls du das noch nicht kennst: unbedingt lesen!

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    • flattersatz Says:

      mir ist auch aufgefallen, daß die ungarn (als thema oder als autoren) einen überproportionalen anteil an meinem bloggeschehen haben..
      danke für den tip und den kommentar!
      lg
      fs

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      • Gilfaen Says:

        Ernö Széps „Die Liebe am Nachmittag“ liegt bei mir noch ungelesen im Regal und wird – angestiftet durch deine vieleversprechend klingende Rezension – bald gelesen werden.

        An ungarischen Autorinnen und Autoren kann ich dir, genauso wie synaesthetisch, Antal Szerb empfehlen. „Reise im Mondlicht“ war ein Lesehighlight, stilistisch wunderschön, die Geschichte einer Reise in die eigene Jugend, die Beschreibung von Legenden und Sagen bzw. dem Leben der einfachen Leute in Italien. Ich habe damals in einer Rezension dazu geschrieben: „[Der Protagonist ist] auf der Suche nach Liebe, nach der inneren Ruhe, nach dem Tod. Dies ist nicht nur eine Liebesgeschichte, eine gescheiterte im Endeffekt, sondern auch ein Roman über die Suche nach dem Zustand des Glücklichseins, den der Protagonist nicht erreicht bzw. erreichen kann.“

        Andere ungarische Autoren, die mir noch so einfallen:
        – Sándor Márai: Die Befreiung / Die Glut / Die Nacht vor der Scheidung / …

        – János Székely: Verlockung (Roman über die Gesellschaft in Budapest in den 1920er Jahren, ein großes Zeitpanorama auf der einen Seite, eine Charakterstudie über einen jungen Mann in den Zeiten des Umbruchs auf der anderen.)

        – András Nyerges: Nichtvordemkind! (Budapest in der Zeit nationalsozialistischer Besetzung aus der Sicht eines Kindes erzählt. Bei mir liegt es noch im Regal, allerdings sei es dennoch erwähnt.)

        – László Krasznahorkai: Krieg und Krieg (Steht auf meiner Wunschliste und es handelt sich wohl um eine „Buch-im-Buch“, wie es bei der „Geschichte der Liebe“ von Nicole Krauss auch der Fall gewesen war: Ein Archivar reist nach New York, im Arm ein Manuskript, was sein Leben verändert hat…)

        – György Dalos: Jugendstil (Auch ein Wunschlistenbuch. Laut amazon geht es folgendes: Während einer Reise in seine Geburtsstadt Budapest begegnet Robert Singer, der als Exilungar in Wien lebt und dort als stellvertretender Direktor des Instituts für Jugendstil tätig ist, einem ärmlich gekleideten Mann, der ihn anspricht. Robert kann den »Fremden« zunächst nicht identifizieren und lädt ihn aus Verlegenheit in ein Restaurant ein, wo er sich als sein alter Schulkamerad Feri K. entpuppt. Das flüchtige Wiedersehen nach vierzig Jahren läßt in Robert eine tief verwurzelte Geschichte wieder aufleben, Bilder aus einer längst vergangenen Zeit werden wach?)

        Liebe Grüße,
        Gilfaen

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        • flattersatz Says:

          liebe gilfaen,

          ganz, ganz herzlichen dank für die mühe, die du dir mit der li(e)ste der ungarischen bücher gemacht hast. „Die Reise im Mondlicht“ wird im lauf der woche ja schon bei mir eintreffen, die anderen… da muss ich mal schauen… ;-)

          in meinem eigenen regal gibt es aber noch ungelesenes streichelstück für die seele: Gyula Illyes: „Die Puszta“ (in der greno-ausgabe der Anderen Bibliothek). wahrscheinlich werd ich da erst einmal reinschauen, weil es auch so ein schönes büchlein ist…

          liebe grüße dir auch
          fs

          gerade wurde ich wieder dran erinnert: auch dieser ein Schriftsteller mit ungarischen Wurzeln: Stephen Vizinczey. Von ihm habe ich das „Lob der erfahrenen Frauen“ schon im Blog vorgestellt….

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        • flattersatz Says:

          Wo finde ich denn deine Rezension der Mondlichtreise?? Ich habe meine gerade geschrieben und wäre sehr gespannt, meine mit deinen Eindrücken zu vergleichen!

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  3. @synaesthetisch: ich kenne es :-) du hast recht, unbedingt lesen.

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  4. Verehrter Flattersatz,

    danke für diese entzückende Rezension und die Erinnerung daran, dass ich das Buch auch noch in meinem Bücherland ungelesen zu stehen habe.

    Herzlichst,
    Klappentexterin

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