Elfriede Vavrik: Nacktbadestrand

Dieses Buch atmet, es stöhnt und bebt. Wunderschön. [1]

Die 79jährige Ich-Erzählerin, bis vor wenigen Jahren noch Besitzerin eines kleinen Buchgeschäftes, leidet unter Schlaflosigkeit. Auch der Griff ihres Gartengerätes, den sie eifrig konsultiert, kann ihr nicht wirlich helfen, im Gegenteil muss er ihr Frustration des öfteren ausbaden und landet dann hart an der Wand.

Vavrik sucht einen Arzt auf, mit dem sie über ihr Problem reden will, auch über das, bei dem besagter Griff ihr keine tiefergehende Linderung bringt. Und dieser hört sich ihr Anliegen an, rät von teuren Pillen ab und rennt mit seinem Ratschlag bei der sexuellen Phantasien durchaus aufgeschlossenen Dame sozusagen ein offenes Tor ein:

„Und was ist mit Geschlechtsverkehr? Das könnte ihr Problem beheben und wäre wesentlich gesünder.“

Derart bestärkt geht die körperlich noch durchaus ansehnliche Erzählerin in die Offensive: sie schaltet eine Kleinanzeige, mit der sie einen jüngeren Mann sucht. Die Anzeige bleibt (trotz des hohen Altes, das auf Anraten der Anzeigendame etwas reduziert wurde…) nicht ohne Resonanz, es melden sich solche und jene Herren, wobei „jene“ gleich aussortiert werden, da die schriftlich fixierten Angebote über das an, mit und in der Dame geplante sexuelle Feuerwerk nicht richtig zündet. Verständlicherweise.

Es bleiben genug Männer übrig….

Es ist ein Sammelsurium Gerontophiler, mit denen sie in der folgenden Zeit Kontakt bekommt. Vom Jüngling, dem sie neben dem Bett auch noch großmütterliche Fürsorge zukommen läßt über den Knacki, der sie nach 20 frauenlosen Jahren fast durch die Matratze rammt bis hin zu einem Koprophagen, dem sie dann seine Wünsche doch nicht erfüllt – die Naivität, mit der die Erzählering jede neue Bekanntschaft eingeht und zu nach sich zu Hause einlädt, wo sie dann das A und O (in umgekehrter Reihenfolge…) körperlicher Liebe kennenlernt, ist schon erstaunlich. Nachdem dann die erste Welle ungezügelter Liebes- und Leibesfreuden abgeebbt ist, findet sie sich in geordneteren, schwach polyandritischen Verhältnissen wider, nämlich in einem Fünfecksverhältnis….

Soviel dazu.

In den Buchtext eingestreut sind außerdem leicht pornographisch angehauchten Geschichtchen, die Vavrik zum eigenen Vergnügen, aber auch im Auftrag, schreibt. Dem einen mögen sie gefallen, dem anderen nicht.

In stilleren Stunden denkt die Autorin an ihre Vergangenheit. Zweimal unglücklich verheiratet sieht sie – schon zweifache Mutter – zum ersten mal einen nackten Mann, ihren Liebhaber. Das Liebesleben mit ihren Ehemännern war alles andere als aufregend und die letzten 40 Jahre lebte sie ohne Mann. Sie schildert auch die Momente, in denen ihr der Tabubruch, den sie mit ihrem Lustbegehr eingeht, bewusst wird und die alten Reflexe, sprich schlechtes Gewissen, wieder vorkommen. Bis zum Schluss erzählt sie ihren Söhnen nichts von ihrem Doppelleben. Andererseits:

„… sah ich in den Spiegel. Es klingt vielleicht verrückt, aber für mein Gefühl war ich in den besten Jahren. Ich war alt, aber ich sah mir genau das auch an. Während ich früher manchmal richtig verstört gewesen war, wenn ich mein Spiegelbild unversehens in einem Fensterglas oder einen Kaufhausspiegel sah, weil ich von mir selbst ein ganz anderes, viel jugendlicheres Bild hatte, war ich jetzt viel mehr eins mit meiner Erscheinung. Ich gefiel mir. Ich mochte mich. Ich fand mich attraktiv. …. ich spürte das Leben in mir, die Leidenschaft, die Lust auf neue Abenteuer….“

Das Buch von Vavrik kann einem gefallen, muss es aber nicht, literarisch jedenfalls bietet es nichts besonderes. Es spricht jedoch ein Thema an, zugegebenermassen sehr offensiv und für manchen Leser wohl auch aggressiv [5], vor dem sich unsere Gesellschaft drückt, nämlich gelebte Sexualität im Alter und dazu zitiere ich aus einer Kritik von Felicitas von Lovenberg, die letztes Jahr in der FAZ abgedruckt wurde und die ignoranter und diskriminierender eigentlich nicht sein kann. Dort schreibt sie (die hoffentlich nie alt werden wird) nämlich“..mit einem ähnlich nah an der Ekelschwelle angesiedelten Thema für ältere Frauen und jüngere Männer…“ [4].

Wahr ist sicher, daß wir alle durch andere Bilder geprägt sind. Mir kam beim Lesen des Buches unwillkürlich die Courbet-Ausstellung [7], die ich neulich besuchte, in den Sinn. Dieser rief ja seinerzeit auch heftigen Widerspruch hervor, weil er nicht den Archetyp „Frau“ in seiner idealen Vollkommenheit malte wie seine früheren Kollegen (Darstellungen der Eva oder der Göttinnen der Antike mit ihren idealisierten Körpern [6]), sondern reale Frauen mit realen „Problemzonen“ (ich zitiere hier die sehr charmante Führerin durch die Ausstellung). Und genauso sind wir heute durch den Mainstream konditioniert, der ob in Werbung oder z.B. Fotokunst, den jungen, am Ideal orientierten makellosen Körper zeigt, z.T. sogar in der Art mittelalterlicher Malerei (ein Beispiel hier). Fotographen widmen sich nur selten älteren oder gar alten Menschen, so wie es hier z.B. Anja Müller [8] macht und man merkt an sich selbst, wie eingefahren die Sehgewohnheiten sind und wie sehr man sich doch auf solche Aktbilder einstellen und seine ästhetischen Vorurteile überwinden muss. Aber das nur so am Rande als Gedankensplitter…. Und ähnlich festgezurrt sind oftmals die Ansichten über Sex im Alter. Es wird Zeit, das zu ändern und Vavriks Buch ist sicher ein ansehnlicher Paukenschlag zum Thema!

Facit: An dem Buch ist nicht wichtig, was darin beschrieben wurde, sondern, daß es geschrieben wurde.

Links und Anmerkungen:

[1] eine begeisterte Leserin (?)….
[2] ein Fernsehauftritt von E. Vavrik (youtube-Video)
[3] FAZ vom 29. Juni 2010
[4] das „ähnlich nah“ bezieht sich auf Roches „Feuchtgebiete
[5] es ist interessant, sich beim Versandhändler einfach die Kundenrezensionen durchzuschauen, allein deren Überschriften, die das gesamte Spektrum von „Hui“ bis „pfui“ abdecken….
[6] Dürers „Eva“ oder die „Venus“ von Botticelli
[7] Beitrag hier im Blog
[8] „Sechzig plus“ von Anja Müller, Verlagsankündigung (etwas nach unten scrollen)

Elfriede Vavrik
Nacktbadestrand
Ullstein TB, 2011, 188 S., mit Abb.

Das Buch ist der pinke Beitrag zu Alexandras Farbsonnen-Challenge.

13 Kommentare zu „Elfriede Vavrik: Nacktbadestrand

  1. was ist euer problem?die arme alte frau entdeckt ihre libido wieder. das musste einfach gedruckt und gelesen werden, damit es endlcih selbstverständlich wird. außerdem ist es nicht so ekelhaft wie feuchtgebiete, sondern durchaus erotisch geschrieben. damit das mal klar ist!

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  2. Also, mein Vergleich mit den Bücherverbrennungen war sicher etwas zu hart, den nehme ich zurück. Was bleibt, ist mein Missfallen daran, dass die Kommentarverfasserin sich öffentlich derart grob von einem Buch distanziert und es rundherum abwertet, ohne auch nur das klitzekleinste Argument dazuzugeben.
    Diese Art des Fingerzeigens finde ich persönlich peinlicher als ein Buch, das Ross und Reiter nennt, auch wenn das Ross eine Rössin ist.

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  3. Früher wurden bestimmte Bücher öffentlich verbrannt, heute kann man sie in den Müll werfen und das dann auch irgendwie öffentlich machen. Der Unterschied ist nur ein gradueller. Man will, das „sowas“ nicht existiert, weil es nicht existieren darf, und die Menschheit oder Teile davon davor schützen. Und selber als Gutmensch dastehen.

    Von Voltaire soll der Satz stammen (aus der Erinnerung zitiert): „ich kann nicht gutheißen, was du sagst, aber ich werde mit allen Mitteln dafür kämpfen, dass du es sagen darfst.“ Das scheint mir eine gute Losung und besser als Bücherverbrennung, äh, Pardon, -Kompostierung.

    Ich habe Elfriede Vavriks Buch ein wenig überflogen, nicht immer alles gelesen, ich finde sie auch stellenweise unnötig pornografisch, aber meinetwegen…
    Nabelschauen hat es schon immer gegeben, unsere Zeit hat es drauf, da noch weiter zu gehen als frühere Zeiten. Die Originalfotos der alten Dame (bekleidet!) sollen dem Buch Dokumentationscharakter verleihen, auf jeden Fall branchenunüblich. Vermutlich hat das ein Extrahonorar eingebracht.

    Für mich noch interessant, dass Ullstein zunächst einen kleinen Wiener Verlag als „Vorkosterin“ das Risiko hat ausprobieren lassen um dann, als die Sache nach Erfolg roch, groß einzusteigen. Wie mutig!

    Flattersatz‘ Rezension fand ich wunderbar gelassen und (vor)urteilsfrei.

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    1. Der Vergleich zwischen den uns allen bekannten Bücherverbrennungen und oben genannter Entsorgung scheint mir doch etwas zu anprangernd zu sein. Sicherlich hat die Leserin ihre Meinung rabiat geäußert, doch es ist ihr subjektives Empfinden und wenn jemand für sich entscheidet, ein Buch, über das er sich geärgert hat, zu entsorgen, dann ist das in meinen Augen nicht direkt vergleichbar mit dem politisch ideologischen Hintergrund der Bücherverbrennungen von damals.
      Ich finde es allerdings auch überaus spannend, dass Bücher eben nicht immer urteilsfrei beschrieben werden, sondern bei dem ein oder anderen auch emotionale Ausbrüche (im Positiven wie im Negativen) bewirken können. Diese Wirkung, die ein Buch auf verschiedenste Leser ausüben kann, macht Literatur neben den Inhalten für mich überaus spannend.

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    2. ich danke dir für deinen ausführlichen kommentar!

      was das verhältnis kompostierung und verbrennung angeht, neige ich aber dann doch mehr zu adas ansicht. mit der staatsideologisch motivierten bücherverbrennung war ja auch die verbannung und verunwertung der autoren verbunden und die rein private müllisierung eines buches ist halt eine privatmeinung, die (du zitierst ihn ja) voltaire mit allen mitteln verteidigt….

      nachdem ullstein die feuchten regionen 2009 ja auch schon verlegt hat, sollte die hemmschwelle für provokatives bei diesem verlag eigentlich recht niedrig liegen… insofern wundert mich das. ist denn die „Edition a“ mit ullstein irgendwie verbunden oder hat ullstein einfach die rechte übernommen, nachdem sich ein erfolg abzeichnete?

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  4. Premiere! Frau Vavrik hat’s geschafft, ich habe das erste mal in meinem Leben ein Buch in den Müll befördert. Nein nein, bin nicht prüde. Aber in diesem Buch stimmt nichts, weder ist der Inhalt lesenswert, noch verdient Frau Vavrik den Titel „Autorin“. Peinlich (für die gesamte deutschlesende Bevölkerung), dass es so ein „Unwerk“ auf die Bestsellerlisten des „Spiegel“ schafft.

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  5. Hmm, wenn es hauptsächlich wichtig ist, dass das Buch geschrieben wurde, nicht aber, was darin bschrieben wird, dann muss ich es nicht lesen.
    Sex im Alter ist für mich nichts, was Anstoß erregt und auch kein „Tabuthema“, welches meine Neugierde weckt. Thema und Buch sind für mich eins: Es ist nichts, was mein Gemüt erhitzen kann, es ist einfach da.

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    1. das ist ja auch ok so. es ist glaube ich auch weniger ein individuelles (du wirst kaum einen menschen finden, der sagen wird, daß er sexualität im alter ablehnt, obwohl die zitierte faz-kritikerin ja schon sagt, daß sie es eklig findet….), als denn ein gesellschaftliches problem. schau dir einfach nur die werbung an oder auch filme oder tv-sendungen: das zielpublikum ist jung und die sendungen sind beherrscht von „schönen“ menschen. alte kommen vor, wenn für inkontinenzartikel geworben wird… das das alter mehr zu bieten hat als dritte zähne und stand-by betrieb als babysitter für die enkel, wird doch fast immer unterschlagen.

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  6. Wäre aber trotzdem nichts für mich, glaube ich. Wenn es letztlich nur auf Sex hinausläuft. Scheint ja die Haupthandlung zu sein?!

    Übrigens sind meine Angaben gespeichert, sodass ich, da ich den Rechtschreibfehler nie bemerkt habe, also logischerweise immer die falsche Adresse angegeben habe… Danke dass du mich drauf aufmerksam gemacht hast!

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    1. Handlung ist gut… hihi….

      na ja, Vavri reflektiert ihr „handeln“ schon und ist sich auch bewusst, daß sie gegen sämtliche Konventionen verstößt. Aber (deswegen habe ich das ja auch zitiert), sie steht auch dazu, daß sie sich mit ihrem Handeln gut fühlt, daß sie zu sich und ihrer Lust steht und damit (vllt zum ersten Mal in ihrem Leben zumindest in dieser Richtung) authentisch ist.

      Natürlich ist das Buch ein kalkulierter Tabubruch auch des Verlages, der sich mit dem zu erwartenden Aufschrei und der sich daran anknüpfenden Diskussion Aufmerksamkeit und Verkaufszahlen erhofft. Ob sich Vavrik damit hat instrumentalisieren lassen, oder ob sie einen ihr inhärenten Drang zum literarischen Exhibitionismus auslebt.. wer weiß das schon….

      Es gibt sicherlich sensiblere Arten, mit dem Thema „Sexualität im Alter“ umzugehen (zum Beispiel der Film „Wolke 9“), aber eine richtige Provokation, wie Vavrik sie liefert, hat ja auch was….

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