Tom McCarthy: 8½ Millionen

Der Ich-Erzähler, namenlos, gedächtnislos. Völlige Amnesie nach einem Unfall aus – im wörtlichen Sinne – heiterem Himmel. Ein reicher Mann danach, ein Mann, dem die Versicherung die titelgebenden 8½ Millionen auszahlt, verknüpft mit der Bedingung, nichts über den Unfall, seinen Hergang zu erzählen oder sonstwie kundzutun.

Natürlich freut sich unser Held, sein Anwalt organisiert alles für ihn, auch einen Börsenmakler, der das Geld anlegt. Alles scheint gut zu laufen, aber Geld allein macht nicht glücklich und auch Catharine, eine alte Bekannte, die ihn besucht, nicht. Denn unser Held fühlt sich nicht mehr echt, nicht mehr authentisch, ein „second-hand“ Leben, in dem er fortan lebt. Durch den Unfall nämlich ist ihm die Fähigkeit abhanden gekommen, einfach zu „sein“, einfach zu „machen“, alles, was er unternimmt, muss er verstehen, in einzelne Schritte zerlegen, deren Abfolge er lernen muss, um sie unfallfrei durchführen zu können. Auch wenn es nur darum geht, eine Karotte in die Hand zu nehmen und zum Mund zu führen. Aus diesem Zwang, zu verstehen heraus, erkennt er, daß alle Menschen um ihn herum nur Rollen spielen, nicht ursprünglich sind, nicht wirklich… nur Robert de Niro in seinen Filmen ist echt, alles an ihm und seinen Bewegungen ist rund und fließend.. was bei näherer Betrachtung nicht verwunderlich ist, denn ein Mensch, der eine Rolle spielt, ist natürlich in einem Film, in dem er eine Rolle spielen muss, authentisch, der Film verlangt das, was der Mensch (in der Sicht unseres Helden) sowieso macht.

Ein Zufallsereignis krempelt das Leben des Erzählers um. Im Bad einer Wohnung, in der er eine ihn ansonsten langweilende Party besucht, sieht er einen Riss im Putz, der in ihm das Bild eines anderen Risses im Putz lebendig werden läßt, den er kennt. Oder kannte. Er hat plötzlich wieder eine Erinnerung, eine Erinnerung an einen glücklichen Ort, einen glücklichen Moment, in der er echt war, authentisch, an dem alles selbstverständlich war.

Er zeichnet den Riss ab, auf einem Stück Tapete, er will ihn verstehen, notiert sich die Farbe des Putzes, jeden Flecken, jede Unebenheit, der Geruch von gebratender Leber fällt ihm ein, er ist glücklich. Und je mehr er sich in seine Erinnerungen fallen läßt, desto mehr kommen wieder. Er weiß nicht wo, aber er weiß, wie das Haus ausgesehen hat, welche Menschen in ihm wohnten, Gerüche, Geräusche, das Licht… der Blick auf das Nachbarhaus… Ein Plan entsteht in ihm, den er fortan mit wachsender Manie verfolgt: er will und wird das Haus seiner Erinnerung um exakt diesen Riss herum nachbauen, die Gerüche und Geräusche darin von den Menschen, die dort wohnten, produzieren lassen, er will das Leben dort, seine Lebensumwelt dort, nachspielen.

Dank der 8½ Millionen, die dank Spekulationsblase ähnlich wie der Fisch bei der Speisung der 5000 nicht abnehmen, ist er in der Lage, alles zu verwirklichen. In Naz findet er einen Menschen, der für ihn die logistische und organisatorische Arbeit übernimmt und der im Lauf der Geschichte ihm immer ähnlicher wird in der Sucht, diese Nachspiele zu organisieren. Denn es bleibt nicht bei dem einen in diesem Erinnerungshaus, andere Begebenheiten, die unserem Helden – warum auch immer – berühren, spielt er nach, läßt aufwendig alles so nachbauen, wie es im Original gewesen ist.

Diese Nachspiele sind für den Erzähler wie ein Paradiesgarten, den er als Schöpfer gestaltet – und er sah, daß es gut war. Er ist glücklich in seinem Nachspielparadies, er analysiert die zugrunde liegenden realen Situationen, bis er sie verstanden hat und choreographiert daraus dann sein Nachspiel. Dies beherrscht er nun ganz nach seinem Willen, er ist der Boss, er gibt das Tempo vor, und zwar ganz im wortwörtlichen Sinn. Er hat die Macht, das Geschehen, das Spiel zu verlangsamen, in der Zeit zu dehnen bis es fast zum Stillstand, es in endlosen Schleifen zu wiederholen und in den besten Momenten spürt er, wie ein Kribbeln sein Rückgrat entlang steigt und ihn mit einem Schauer erfüllt… er wird zum Junkie seiner endogenen Opiate, die ihm das konstruierte Leben, das echter ist als das reale, produziert.

Schließlich nascht unser Held – um im Bild zu bleiben – vom Baum der Erkenntnis. Er geht den letzten Schritt. Nachdem er seine Nachspiele bis dahin immer isoliert von der realen Welt mit Darstellern und nachgebauten Gebäuden nachgestellt hat, geht er zurück in die Realität mit seinem Spiel, in eine Situation, in der die Spieler nicht wissen, daß es kein Spiel mehr ist und die Menschen nicht ahnen, daß es ein Spiel ist, in das sie hineingeraten sind…. Nur daß jetzt alles misslingt, denn das „richtige“ Leben ist chaotisch, das kann man nicht verstehen und so bringt der Zufall, der bisher immer aufs penibelste ausgeschlossen wurde, alle Planung zu Fall, vernichtet sein Paradies. Aber es stört ihn auch nicht mehr, alles ist fließend geworden, die Bewegungen, die Abläufe, die Menschen, echt und unmittelbar, das Kribbeln in seinem Rücken kaum noch zu beherrschen….

8½ Millionen ist ein interessante Buch (oder wie Klappentexterin, der ich die Lektüre verdanke, sagt: „glatter Wahnsinn“) über einen ausser Kontrolle geratenen Menschen, der manisch versucht, die Beziehungen und Relationen zwischen Dingen untereinander und zwischen Dingen und Menschen zu verstehen. Der Erzähler nimmt diesen seinen kleinen Zipfel der Welt auseinander, bis er ihn (vermeintlich) versteht und beherrscht und scheitert doch (auch wenn er dies selbst nicht wahrnimmt), weil seine Erkenntnisse nicht verallgemeinerbar sind, sondern nur gekauft. So wie seine Leute eben, die er engagiert.

McCarthy versteht es, die Ereignisse immer weiter auf die Spitze zu treiben, es ist ein immer schneller werdendes Hinarbeiten auf den Höhepunkt der Geschichte, der gleichzeitig das Scheitern aller Bemühungen ist, weil der Wahn der Protagonisten zur brutalstmöglichen Konsequenz ihres Bestrebens alle Grenzen überschreitet. Glatter Wahnsinn eben….

Facit: ein auf jeden Fall sehr interessantes Buch (wie es ja auch von den berufsmäßígen Kritikern sehr gelobt wird), doch mich hat es eigentlich nicht gepackt, da ich mich nie mit irgendwas in dem Buch identifizieren konnte. Mir sind Bücher, die Beziehungen zwischen Menschen zum Thema haben, offensichtlich doch lieber… Was mir nur noch aufgefallen ist, ist, daß McCarthy diesen strukturalistischen Ansatz seines Helden, die Welt zu verstehen, aus einem verletzten (kranken) Hirn entspringen läßt.. vielleicht ist das kein Zufall….

Tom McCarthy
8½ Millionen
Diaphanes, 2009, HC, 304 S.

4 Kommentare zu „Tom McCarthy: 8½ Millionen

  1. Verehrter Flattersatz,

    ach schade, dass dich das Buch nicht so begeistert hat wie mich. Aber immerhin sprichst du ja von einem interessanten Buch und ich denke ebenfalls: Du wirst es so schnell nicht vergessen.

    Wahnsinnige Grüße

    Klappentexterin

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    1. liebe klappentexterin,

      das ist doch das schöne, daß es unterschiedliche meinungen gibt, unterschiedliche vorlieben… das macht doch das leben so reizvoll. außerdem habe ich viel über das buch und die geschichte nachgedacht, das ist doch eine tolle sache!

      nachdenkliche, aber fröhliche grüße
      fs

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  2. Ein bemerkenswertes, in jeglicher Hinsicht „abgefahrenes“ Buch, das einen packt, weil man es nicht glauben kann, das eine gewisses Rasanz entwickelt und das einen am Ende ratlos zurücklässt.
    Wahrscheinlich spaltet es die Leser – das Resumee hier im Vergleich zur Klappentexterin ist ja auch etwas durchwachsener ausgefallen.
    Aber ist es nicht (auch) genau das, was ein gutes Buch ausmacht?
    Es wird trotzdem wahrscheinlich zu den Büchern gehören, die du nicht vergisst… ;-)

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    1. ich denke, mein zurückhaltender kommentar gründet sich darin, daß mir der philosophische ansatz einfach nicht gefällt, die welt dadurch zu verstehen, daß ich sie immer weiter auseinandernehme und immer genauer hinschaue. man verliert das wesen der dinge dabei aus dem sinn, daß, was einen menschen ausmacht. in der geschichte hier sind alle noch nicht einmal schauspieler, sondern nur puppen, marionetten (einige tragen ja nicht umsonst auch masken, verlieren ihre indivualität damit). eine rose verliert ihr wesen, ihre schönheit, ihre anmut und eleganz, wenn ich sie auseinandernehme, seziere, um sie zu verstehen…. vllt ist die geschichte ja sogar (ich habe es im letzten satz ja angedeutet) als kritik an diesem philosophischen ansatz verstehbar…..

      außerdem ist die ganze geschichte ja auch die geschichte eines kranken menschen, dem keiner hilft, den man einfach gewähren läßt, weil er geld hat. auch das gefällt mir nicht so ….

      ganz lieben dank für deinen kommentar!
      fs

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