Nicole Krauss: Das große Haus

Und steckte das Haus des Herrn, den königlichen Palast und..
alle großen Häuser Jerusalems in Brand...
Jedes große Haus ließ er in Flammen aufgehen...

Jer 52,13..

Aber auch eine andere Deutung ihres Buchtitels liefert Krauss, so wie es im Spiegel [2] wiedergegeben wird: „Es beginnt mit einer kleinen Tür, durch die ich gehe, dann entwerfe ich einen ersten Raum, um weiterzukommen, brauche ich eine nächste Tür, und so geht es weiter, Raum für Raum, Tür für Tür“. Der Roman als großes Haus.

Was also sind die Räume hier in dem Roman und die Türen? Die Räume sind die Lebensgeschichten, die uns Krauss erzählt, Geschichten von Menschen und Familien, die durch ein Unheil geprägt wurden in unheilvoller Zeit, denn wie schon in der Geschichte der Liebe nimmt auch hier die Handlung ihren Beginn im Terror Hitlerdeutschlands und im Schicksal der Juden. Es sind Geschichten auch von Menschen, die sich ihren persönlichen Begrenztheiten hingeben im Glauben, etwas Besonderes zu sein, und die spät im Leben erst auf die Frage stoßen: Was ist, wenn ich mich geirrt habe? Und es sind Geschichten von Lieben, die nicht miteinander kommunizieren können, die das beste wollen, aber das Gegenteil erreichen, die fesseln und verkrüppeln anstatt Freiheit zu lehren.

Das Verbindende, die Türen sozusagen zwischen diesen Lebensgeschichten – zumindest dreier von ihnen, denn die vierte ist nur ganz zum Schluss und sehr indirekt angeknüpft – ist ein Möbelstück, ein Trum von einem Schreibtisch, groß, monströs, mit Schubladen, der auf unerklärliche Art und Weise auf das Leben seiner Besitzer Einfluss zu nehmen scheint:

„… ein riesiges, bedeutungsträchtiges Ding, das die Bewohner des Zimmers, in dem er stand, bedrückte, sich als unbelebt ausgab, sich aber ständig wie eine Venusfliegenfalle in Bereitschaft hielt, über sie herzufallen und sie via einer seiner schrecklichen kleinen Schubladen zu verdauen. „

Folgen wir also diesen Türen durch das große Haus, das Krauss gebaut hat:

Ihren Anfang nimmt die Geschichte im Budapest des Jahres 1944. Die dortigen Juden werden zur Deportation zusammengetrieben [3], aus dem Raubzug durch die verwaisten Wohnung wird der sogenannte „Goldzug“ [4]. Zu den Ausgeplünderten, beraubten Familien gehört auch die des wohlhabenden Gelehrten Weisz, der seine Studien an diesem Schreibtisch betreibt. Zu einem Geburtstag schenkt er seinem Sohn eine der Schubladen. Dieser jedoch weiß nichts, was es wert wäre, dort hineingetan zu werden und verschließt die Lade. Sie wird nie wieder geöffnet werden.

Der Tisch, dessen Tischler wir nicht kennenlernen, wird Teil des Goldzuges und ein Mann schenkt ihn einer Frau, einer jungen Frau, einer Flüchtlingin aus Nürnberg, Lotte Berg. Diese war mit einem der Kindertranssporte [5] nach England gekommen, nachdem sie ein Jahr lang mit ihren Eltern unter unsäglichen Bedingungen in einem Lager interniert war. Die Eltern musste sie zurücklassen. Lotte Berg wurde Schriftstellerin an diesem Schreibtisch. Sie heiratete, aber es war eine seltsame Ehe, denn anstatt zu versuchen das Trauma, das sie gefangen hielt, „in den Griff zu bekommen“, definierte sie es als Normalzustand, sie vergrub es in ihrem Innersten und bestrafte jeden Versuch, den ihr Mann unternahm ebenso wie jeden unabsichtlichen Fehler, der in diese Richtung ging, mit Wutausbrüchen oder tagelangem Schweigen. Nichts gab sie von sich preis, und erst in ihrer Demenz, am Ende ihres Weges, erfuhr ihr Mann ihr größtes Geheimnis, das alles in ihm erschütterte.

Jedenfalls erhielt Lotte Berg irgendwann den Besuch eines jungen chilenischen Dichters, den sie – ganz im Gegensatz zu ihrer sonstigen Verschlossenheit – akzeptierte und sie sich ihm gegenüber sehr offen gab. Die Verhältnisse zwischen den Eheleuten war derart, daß der Mann sich auch jetzt nicht getraute, seine Frau zu diesen häufigen Besuchen des Daniel V. zu fragen, und er sehr erstaunt war, daß seine Frau diesem Chilenen ihren Schreibtisch, auf den er durchaus eine ängstliche Eifersucht verspürte, zum Abschied schenkte.

Und so kam der Tisch letztlich zu Nadia (und dies ist auch der Zeitpunkt, mit dem der Roman beginnt), denn diese, einer wenig liebevollen Familie entstammend, glaubte so sehr an das Besondere in ihr, daß sie sich immer mehr von der Außenwelt in ihre Innenwelt, ihre Schreiberei zurückzog, bis ihre Wohnung eines Tages leer war bis auf einen Stuhl und ein Tischchen. Ihr Freund hatte es nicht mehr ausgehalten mir ihr. Und just zu diesem Zeitpunkt suchte Daniel einen Platz für seine Möbel, denn er wollte nach Chile zurück, das ihn behalten sollte auf eine für die damalige Zeit nicht unübliche Art für Intellektuelle: er verendete in den Klauen Pinochet. Ein halbes Leben lang arbeitete Nadia nun an diesem Möbel als sich eines Tages eine junge Frau bei ihr meldet, Leah Weisz, die sich als Tochter von Daniel ausgibt, die er in der kurzen Zeit seiner Freiheit in Chile mit einer Isrealin gezeugt hätte. Sie, Leah, würde den Tisch nach Jerusalem bringen. Nadia überläßt ihr das Möbel als ob sich damit etwas, was sie im Innersten schon immer gefühlt hat, erfüllt, aber ihr Leben gerät nach diesem Ereignis völlig aus den Fugen und letztlich reist sie dem Tisch nach nach Jerusalem.

Dort eingetroffen findet sie diesen nicht, sondern nur einen älteren Herrn in dem Haus an der Adresse, die Leah ihr gegeben hat. Aber sie hat ein deja-vu in den Straßen der Stadt, sie trifft einen jungen Mann, der der Daniel sein könnte, den sie 27 Jahre zuvor das einemal gesehen hat und der ihre Gedanken seit damals nie verlassen hat. Und sie trifft wohl auch Jovik, dem sie ihre Geschichte erzählt, als Rechtfertigung, als Erklärung, als Beichte.

Jovik gehört der vierten Lebensgeschichte an, dem vierten Raum des Hauses, nur sehr weitläufig mit dem Rest verbunden. Eine Vater-Sohn-Geschichte voll gegenseitigen Unverständnisses, voll von guten Absichten und misslungenen Versuchen, sie umzusetzen.

Aus dem kleinen Jungen, dem der Vater einst eine Schublade schenkte, ist nach dem Krieg der bekannte Kunsthändler Georg Weisz geworden, dessen Spezialiät es ist, verschollene Möbelstücke für seine Klienten wiederzubeschaffen. Und er ist sein eigener Klient, in seinem Jerusalemer Haus läßt er das Arbeitszimmer seines Vater wiedererstehen, Stück für Stück spürt er den im Goldzug verschollenen Einrichtungsgegenständen nach, er findet alle – nur den alten Schreibtisch nicht, bis dann irgendwann nicht mehr geglaubt, eine Spur davon auftaucht und nachher, als er den Tisch dann endlich findet, fällt die Last seines Lebens von ihm ab.

So wie man in manchen unübersichtlichen Räumlichkeiten oder zur Flucht einen gelben Streifen am Boden sieht, dem man folgen kann, so führt das, was ich oben beschrieben habe, ganz schnell durch das Krauss´sche Große Haus. Natürlich ist alles viel komplexer und Krauss wirft nicht nur einen Blick in die Räume, sie leuchtet sie aus, sie untersucht die Schicksale der Menschen, sie analysiert und spürt ihren Motiven nach, ihren verletzten Seelen und den nicht heilen wollenden Wunden. Gegen diese Vereinsamung kommt selbst die Liebe zu einem anderen Menschen nicht an, sie dringt nicht durch durch die Panzer, kann sich nicht verständlich machen. Der Mensch ist einsam und er bleibt es auch zu zweit.

„Das große Haus“ ist kein einfaches Buch. Es ist ein Buch, das nur aus inneren Monologen besteht, es gibt keine wörtliche Rede, Handlungen, die über Beschreibungen von Alltäglichem hinausgehen, sind sehr selten. Und doch [6], es gibt packende Passagen im Text, Stellen in denen man sich auf einem Hochseil gespannt aus Worten Sätzen Absätzen fühlt, daß man nicht rechts noch links schauen will und kann und man dann am Ende, wenn die Schlucht aus Schicksalsschlägen, über die Krauss uns schickt, überquert ist, erleichtert wieder mit dem Atmen anfangen kann – unbewusst hat man die Luft angehalten. Andererseits: es gibt natürlich auch Passagen, die man – individuell unterschiedlich – als Längen empfindet, als übermäßiges Sezieren von Zuständen mit dem Ergebnis, daß man das Problem, die Frage totgeteilt hat….. Die Einzelschicksale der Menschen hängen über den Schreibtisch nur locker zusammen, ich habe den Roman im Grunde als aus 4 weitgehend unabhängigen Geschichten zusammengesetzt empfunden, die einem Grundthema nachspüren: der Verletzlichkeit des Menschen und einer aus diesen Verletzungen resultierenden Einsamkeit Innen und einer Isolation nach Aussen.

Facit: „Das große Haus“ ist sicherlich kein Ferienhaus, eher gleicht es denen, die Krauss in ihm selbst beschreibt: zugewachsen und unzugänglich. Man muss sich den Eintritt erkämpfen und man durchliest es sehr nachdenklich.

[1] Von Nicole Krauss gibts ferner im Blog die Besprechung zu: Die Geschichte der Liebe
[2] der Spiegel 3/2011, S. 126, mittlerweile auch online
[3] vgl dazu z.B. Iván Sándor: Spurensuche
[4] Wiki-Artikel zum „Goldzug
[5] siehe z.B. hier: „Der olle Hitler soll sterben!“
[6] … diese Wendung aus der „Geschichte der Liebe“ [1] habe ich lieben gelernt (ich verwende sie selbst hie und da….ich nehm mir diese Freiheit) und auch in diesem Haus war sie zu treffen, genau dreimal….

Das Buch ist der rote Beitrag zu Alexandras Farbsonnen-Challenge.

Nicole Krauss
Das große Haus
Übersetzer: Grete Osterwald
Rowohlt, 2011, HC 375 S.

5 Kommentare zu „Nicole Krauss: Das große Haus

    1. danke für den link, ich habe ihn mit interesse gelesen… so restlos begeistert war ich ja auch nicht von dem Buch, aber was in der taz angeführt wird an kritikpunkten, klingt ja schon fast, als ob persönliche fehden mit der autorin ausgetragen werden sollten. schon das interview im spiegel, das mittlerweile ja auch online gestellt ist, war ja auf seltsame art zwiegespalten, wobei der person krauss mit deutlicher skepsis zumindest begegnet wurde….

      ich lese halt bücher und beurteile sie nach meinem persönlichen eindruck, von literaturwissenschaftlichen kriterien habe ich keine ahnung, auch ob die autorin in ihrer kreativen phase stillte oder nicht, ist mir praktisch nie bekannt… mehr will ich ja auch garnicht. um des kaisers kleider können sich die fachleute streiten. ein wenig erinnert es mich an die beurteilung von weinen.. manchmal veralber ich die leute, bemerke beim „verkosten“ einen mineralischen abgang und in der mittelnote eine phenolische komponente und beeindrucke damit stark….

      Gefällt mir

      1. Wie der Taz-Artikel schon andeutet: ich denke die Hauptkomponente ist Neid. Denn diese Frau ist gutaussehend, schreibt Bücher, die eine große Resonanz erleben und steht trotzdem nicht im Schatten des ebenso berühmten -oder noch berühmteren- Ehemanns. Da kommen sicher viele aus ihren Ecken gekrochen, die von all‘ dem nur träumen können. Traurig, aber eine zutiefst menschliche Regung.

        Gefällt mir

  1. Danke für den detaillierten Blick in „Das große Haus“, verehrter Flattersatz. Ich muss erst einmal deine Rezension verdauen, weil du all die Schwere aus dem Buch in sie hineingetragen hast, was sich aber wiederum leicht lesen ließ. Man spürt regelrecht, wie du für eine bestimmte Zeit ein Teil dieses Hauses geworden bist.

    Wenn mir also nicht nach einem Ferienhaus ist, weiß ich ja, wo es nun finde.

    Herzlichst,

    Klappentexterin

    Gefällt mir

    1. Die Rezeption des Buches im Feuilleton ist ja auch recht unterschiedlich. Es ist wirklich kein Unterhaltungsroman, aber ob die Schwere des Buches nur eine Scheinschwere ist, die (dem bekannten Scheinriesen ähnlich) schwindet und sich bei näherer Betrachtung wandelt in eine Ansammlung banaler, nicht weiterhelfender „Weisheiten“ (so ein häufiger Vorwurf) oder ob der Roman in seinen Aussagen tatsächlich an Inneres rührt – wer vermag das schon zu sagen, außer dem, der ihn liest und sich ihm so oder so nähert.

      Howgh.

      Ich habe geschreibt. Oder bin ich geschroben? Fragen über Fragen!

      :-)

      detailliert: ja, es ist mal wieder lang geworden. dabei habe ich mich sehr zurückgehalten, Krauss leuchtet wirklich jede Ecke in ihrem Haus aus…..

      hab du einen guten start in dein wochenende!
      liebe grüße
      fs

      Gefällt mir

Datenschutzhinweise: Die Kommentarangaben werden an Auttomatic, USA (die Wordpress-Entwickler) zur Spamprüfung übermittelt und die E-Mailadresse an den Dienst Gravatar (Ebenfalls von Auttomatic), um zu prüfen, ob die Kommentatoren dort ein Profilbild hinterlegt haben. Zu Details hierzu sowie generell zur Verarbeitung Ihrer Daten und Widerrufsmöglichkeiten, verweisen wir Sie auf unsere Datenschutzerklärung. Sie können gerne Pseudonyme und anonyme Angaben hinterlassen.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.