Herbert Pundik: Die Flucht der dänischen Juden 1943 nach Schweden

Das ist sicherlich ein Büchlein, das in den wenigsten Bücherregalen zu finden ist. Und mir ist auch die Frage gestellt worden: „Wie kommt man denn zu so einem Buch?“, denn „.. so ein Buch…“ ist doch recht speziell, auch der regionale Bezug ist kaum herzustellen, persönliche Betroffenheit besteht desgleichen nicht. Wie also?

Nun, im Roman über die klebstoffaffine Georgie Sinclair läßt die Autorin eine Bemerkung über das Schicksal der dänischen Juden fallen, das insofern bemerkenswert ist, da die allermeisten von ihnen ihrer Vernichtung entgingen. So recherchierte ich und kaufte letztendlich auch dieses Büchlein, denn das Thema interessierte mich. (es gibt übrigrens auch einen Wiki-Artikel zum Thema.) Gelesen habe ich diese Ausarbeitung von Pundik dann nachdem die Spurensuche von Sandor beschrieben hat, wieviel doch ein einzelner Mensch erreichen kann, wenn er nur überzeugt ist davon, das richtige zu tun.

„Ich weiß, was ich zu tun habe.“ Georg Ferdinand Duckwitz

In der Nacht vom 1. auf den 2. Oktober 1943 plante die deutsche Besatzung in Dänemark, alle Juden einzusammeln und zu deportieren. Diese Aktion „misslang“ (aus Nazi-Sicht), von den ca 7000 in Dänemark lebenden Juden wurden „nur“ 500 gefangengenommen und in das KZ Theresienstadt deportiert. Es gelang einer im hohen Maß solidarischen dänischen Bevölkerung in den nächsten Wochen, alle anderen Juden über den Öresund sicher in das neutrale Schweden zu bringen.

Pundik beschreibt in seinen Ausführungen ausführlich auch anhand von Einzelschicksalen, wie diese Flucht organisiert wurde. Schon vor der Aktion der Nazis sickerten entsprechende Gerüchte durch und durch Boten wurden die jüdischen Familien gewarnt, daß die Deportation bevorstehe. So konnten sie rechtzeitig ihre Wohnungen verlassen, die die Deutschen dann leer vorfanden. Die Flüchtligen sammelten sich bei Fischern in ihren Hütten, wurden in Krankenhäusern unter falschem Namen versteckt oder fanden anderswo Unterschlupf. Die Flucht über das Wasser organisierten Fischer auf ihren Booten, in Schweden wurden die Flüchtlinge gut aufgenommen und versorgt.

Pundik beschreibt, daß man auch in Dänemark alles hätte wissen können, wenn man den Signalen der Wirklichkeit geglaubt hätte, dem, was man gehört und auch gesehen hat. Aber die meisten glaubten nicht daran, „.. sondern saßen wie hypnotisiert. …„. Vielen viel es auch schwer, den Warnungen in der Nacht der geplanten Deportation zu glauben und zu fliehen. Aber kann man das verdenken? Das drohende Schicksal sah so ungeheuer aus, daß es schier nicht zu glauben war und zu fliehen hieß, alles zurückzulassen bis auf einen Koffer und ein paar Klamotten….

Zu Hilfe kam den dänischen Juden bei der Evakuierung die Tatsache, daß die Deutschen ihre Deportation aus verschiedenen Gründen, die auch in persönlicher Taktiererei des verantwortlichen Reichsbevollmächtigten Werner Best begründet waren, die Aktion nicht mit der sonst üblichen Konsequenz und Härte durchzogen. Best wollte wohl auch vermeiden, daß der befürchtete Widerstand der Bevölkerung Unruhen in Dänemark hervorruft, dieses komische kleine Land im Norden, das ein Beispiel dafür sein sollte, wie gut man unter deutscher Besatzung leben konnte. Pundik beschreibt z.B. Fälle, in denen deutsche Polzei bei Kontrollen LKW mit Flüchtlingen entdeckten und sie einfach weiterfahren ließen, ganz allgemein waren weder Militär noch Polizei begeistert von der Aktion und verweigerten ihre Mithilfe bzw. versuchten die Deportation in Berlin stoppen zu lassen. Der Polizei war es z.B. teilweise verboten, Türen einzutreten. Sie durfte nur klopfen oder klingeln… Das alles, so positiv es sich auf das Schicksal der Menschen auswirkte, bedeutete natürlich nicht, daß die Deutschen auf einmal ihre Liebe zu den Juden entdeckt hatten. Die Verantwortlichen betrieben einfach ihre eigenen Machtspiele, um ihre Interessen zu wahren und gaben dadurch anderen Gelegenheit, menschlicher zu handeln.

Daß die Deutschen die Deportation nicht in aller Härte durchführten mindert in keiner Weise den persönlichen Einsatz aller an der Flucht beteiligten Dänen. Jeder, der half, begab sich in große Gefahr und es musste immer auch mit Verrat aus den eigenen Reihen gerechnet werden. Auf diese Art und Weise wurden einige der Flüchtlinge von der Gestapo gefasst.

Pundik, 1943 als Schüler selbst auf der Flucht, beschreibt diese dramatischen Wochen in Dänemark ohne Schwarz-Weiß Malerei, sondern sehr ausgewogen. Er übergeht weder, daß es auf dänischer Seite Kollaboration gegeben hat, noch, daß es zu Hilfe auf deutscher Seite kam. Das Verhalten der Dänen damals zeigt uns heute, daß entschlossenes Handeln, auch einzelner, viel bewirken kann, man muss nur dne Mut finden…..

Das ist überhaupt eine Frage, die ich mir oft stelle, wenn ich solche Berichte lese auch über Männer wie Lutz, Wallenberg oder Schindler. Wie würde ich handeln, wenn ich von Menschen, die über Jahre hinweg von aggressiver Proganda minderwertig gemacht worden sind, um Hilfe gebeten würde, um eine Hilfe, die mich und meine Familie selbst in große Gefahr bringt? Ahnen wir, wie wir handeln würden…..?

Herbert Pundik
Die Flucht der dänischen Juden 1943 nach Schweden
Übersetzung: Johannes Dose
Husum, 1995, brosch. 141 S.

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3 Kommentare zu „Herbert Pundik: Die Flucht der dänischen Juden 1943 nach Schweden

  1. Ich finde es klasse, dass du solche Bücher vorstellst. Bei mir finden sich ja ganze Regale zu der Thematik, aber noch scheue ich mich davor, sie im Blog vorzustellen. Viele Menschen können mit dem Thema generell nicht umgehen, wollen davon auch nichts hören (DER Partykiller schlechthin ist meine Antwort auf die Frage, was ich beruflich mache ;) ); unangenehmes wie den Holocaust und anderes aus der Zeit wollen die wenigsten Menschen hören oder lesen. Aber vielleicht sollte ich dennoch einfach mal einige Bücher vorstellen, die meiner Meinung nach mehr gelesen werden sollten, danke für den Anstoß.

    Ich nehme an, du hast bestimmt „Der SS-Staat“ von Eugen Kogon gelesen, oder? Für mich irgendwie immer noch eines der berührendsten Bücher zum Thema Nationalsozialismus.

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    1. liebe grete,

      hab ganz herzlichen dank für deinen kommentar!

      ja, ich kann dich nur unterstützen, solche bücher hier auch im blog vorzustellen. (du bist in deinem blog die königin, dort kann dir keiner reinreden, was du schreibst und jeder hat die möglichkeit, es nicht zu lesen…). gerade jetzt, wo die direkte erinnerung verblasst und für die nachkommende generation alles zum damals wird und zur reinen historie, ist es um so wichtiger, zeitzeugen und -nisse lebendig zu halten. in sandors spurensuche gab es eine stelle, in der er beschrieb, wie eine schulklasse ein kz besuchte und ein mädchen nachher erzählte, ein paar jungs hätten erzählt, das wäre im nachhinein gebaut worden, um die nazis schlecht zu machen…. nein, es ist wichtig, das wissen am leben zu halten, ob es nun solche erfahrungsberichte sind, sachbücher oder auch roman. davon habe ich ja auch schon einige hier vorgestellt…

      kogon.. natürlich, seit schulzeiten. im letzten jahr war ich auch in buchenwald, ein besuch, der mich sehr mitgenommen hatte….

      .. aha.. beruflich killst du also partys… soso… interessant.. *gg*

      liebe grüße in greteland
      fs

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