Iván Sándor: Spurensuche

3. Januar 2011

Ende 1944 wurden in Ungarn von den Nationalsozialisten große Anstrengungen unternommen, die dortigen Juden auszurotten [7]. Die Aktion stand unter der Leitung von Adolf Eichmann. Sie wurde mit tatkräftigster Unterstützung der Pfeilkreuzler [6] in Angriff genommen. Vor der (Welt)Öffentlichkeit sollte eine gewisse Tarnung aufrecht erhalten werden, in dem die Juden offiziell „nur“ zum Arbeitseinsatz in Deutschland getrieben wurden. Jedem, der sehen wollte, war natürlich klar, daß die Art und Weise, wie bei der Deportation vorgegangen wurde, nur eine Schlussfolgerung übrig ließ, im späteren Verlauf der Aktion wurde die Ermordung der Juden auch ganz offen durchgeführt. „Zur Donau“ gebracht zu werden war für die Verfolgten gleichbedeutung mit Erschießung. Zur gleichen Zeit befand sich Budapest in einem militärisch aussichtslosen Kampf gegen die vordringende Rote Armee, den ausdrücklichen Befehlen Hitlers zufolge sollte die Stadt auf jeden Fall ohne Rücksicht auf Verluste gehalten werden.

Auch der damals 14jährige Autor wurde mit seiner Familie und seiner 12jährigen Freundin Vera in einen solchen Marschkonvoi gesteckt und zur Sammelstelle in der alten Ziegelei (vllt dieselbe, die Kertesz in seinem Roman [9] beschreibt) geführt. Dort wurden dann ausnahmsweise alle unter 16 und über 60jährigen aussortiert und sie blieben in der Stadt. Das Verbleiben bzw. Überleben in der Stadt war eine immerwährende Flucht von einem Rot-Kreuz-Quartier in ein nächstes, von einem Schutzhaus in das nächste. Wobei der Begriff „Schutz“ relativ war, da die Pfeilkreuzler sich keineswegs vor Übergriffen hüteten. Immer wieder trifft Ivan in diesen Tagen auf einen Packard mit Diplomatenstatus, erst später erfährt er, daß der Mann, der sich hier Tag und Nacht für die Verfolgten einsetzt, Carl Lutz heißt und schweizerischer Vizekonsul ist. Zusammen mit dem Schweden Wallenberg gelingt es dem Schweizer unter hohem persönlichem Einsatz viele tausend Verfolgte durch z.B. Ausgabe falscher Schutzpapiere zu retten [siehe Links und Anmerkungen, Bildquelle [3]].

Jahrzehnte später macht sich der Schriftsteller Ivan Sandor auf, die Spuren dieser Monate wiederzufinden, zu verfolgen und und so die Erinnerung an die Ereignisse im Winter 44/45 an Ort und Stelle lebendig werden zu lassen. Er durchwandert die Stadt auf den Wegen, die er damals ging, er sieht sie mit heutigen Augen und mit den Augen des 14jährigen, der er damals war. Seine Spuren sind seine Erinnerungen, sind Zettel und Briefe, Bilder und Stadtpläne. Es sind Gespräche und Träume, die er führt und sieht. Es ist seine persönliche Geschichte, mit der er vieles dem Vergessen entreissen will. Für Menschen, die damals und seit dem alle Verwandten verloren haben, ist er der einzige, der noch von ihnen weiß, wenn er nicht davon erzählt, werden sie sein als hätten sie nicht gelebt. Seine Tante Gizi etwa, die unter großen Gefahren als Bote, Kurier und Mensch so vieles für viele Menschen erreichen konnte. Oder Jolan Bors, die saubere Sachen besorgt, Nachrichten überbringt und Äpfel verteilt.

Es ist ein steter Wechsel der Perspektive, den Sandor vollführt. Eben noch als Suchender seinen Spuren nachgehend, erzählt er unvermittelt vom Jungen, der seine Freundin an der Hand diese an die Wand drückt und abknutscht, weil ihm dies als einzige Möglichkeit erschien, den entgegenkommenden Häschern zu entkommen. Er sucht die Häuser auf, in denen sie damals überlebten, die Keller, aus deren Dunkelheit, Enge und Gestank sie kaum auftauchen konnten….. Manches scheint fast unverändert, anderes ist kaum wiederzuerkennen. Baumärkte und Erotik-Shops, wo Jahrzehnte zuvor Menschen zu Tod gejagt wurden… … und immer wieder ist Lutz Retter, stellt sich den Horden entgegen, stellt Dokumente aus, gibt Geld und kann für Unterschlupf sorgen. Retter gegen den Willen seiner Vorgesetzten, die zwar um das Geschehen in Budapest wussten, dies aber erfolgreich ignorierten.

Es ist ein biographischer Bericht mit vielen Unsicherheiten, natürlich. In einer Situation höchster Not, immer wieder kehrender direkter Lebensgefahr selektiert die Wahrnehmung, Ereignisse verschwimmen, überlagern sich, werden anders wahrgenommen oder garnicht. Die lange Zeit tut ein übriges. Es bleiben offene Stellen in Zeit und Raum, die Sandor nicht auffüllen kann, für die es keine Zeugnisse mehr gibt. Die übergeordnete Lage ist klar, sie wird durch Zitate belegt, den persönlichen Weg wiederzufinden dagegen ist harte Arbeit. Sein Leben lang hat er sich darauf vorbereitet, diesen einen Weg des Winters 44/45 noch einmal zu gehen, sich den Fragen nach dem Wie, Wo und Warum zu stellen. Herausgekommen ist dieses Buch.

Facit: ein sehr ergreifendes Buch, eher Dokumentation als Roman, sehr eindringlich und mit vielen Fakten.

Links und Anmerkungen:

[1] Die Vorgänge um die berüchtigten Todesmärsche in Ungarn sind auf dieser Seite über den Schweden Wallenberg ausführlich dargestellt: http://www.raoul-wallenberg.de/, insbesondere in diesem Abschnitt über die Rettungsaktionen. (Die Navigation auf der Webseite ist leider etwas umständlich, aber es lohnt, sich durchzuklicken!)
[2] eine kurze Biographie Wallenbergs
[3] die Website der Carl-Lutz-Gedächtnisstätte in Budapest
[4] die Websuche „Ungarn Todesmärsche“ bringt eine lohnende Anzahl auch von persönlichen Berichten über diesen Aspekt des nationalsozialistischen Vorhabens, das Judentum und die Juden in Europa auszurotten.
[5] Interview mit Sandor über den Roman
[6] Wiki-Artikel zu den Pfeilkreuzlern
[7] „Während der großen Transporte aus Ungarn, mit denen in zwei Monaten fast eine halbe Million Deportierer in Birkenau eintraf, waren die Gaskammern Tag und Nacht in Betrieb. Hunderte von Opfern wurden im Lagerwäldchen erschossen. Da die Kapazität der Krematorien nicht mehr ausreichte, verbrannte man die Leichen in großen Gruben unter freiem Himmel.
Die jüdischen Sonderkommandos, die in den Vernichtungslagen arbeiten mussten, wurden selbst jeweils nach einigen Wochen liquidiert.“ (Gerhard Schoenberner: Der gelbe Stern, Fischer TB 3463, 1982, S. 225)

Andere Bücher mit ähnlichem Thema und Bezug Ungarn:

[8] Kati Marton: Die Flucht der Genies
[9] Imre Kertész: Roman eines Schicksallosen
[10] Béla Szász: Freiwillige an den Galgen

Iván Sándor
Katalin Fischer (Übersetzer)
Spurensuche
Eine Nachforschung
dtv 2009, 340 S.

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2 Responses to “Iván Sándor: Spurensuche”


  1. Mal wieder Danke für diese Buchvorstellung, habe mir das Buch direkt notiert.

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  2. […] der Besprechung bei aus.gelesen Gefällt mir:LikeSei der Erste, dem dieser post gefällt. « Geschichte […]

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