Natsuo Kirino: Teufelskind

2. Januar 2011

In was für ein Japan führt uns Kirino nur mit ihrem Roman? Es ist, ähnlich wie schon „Die Umarmung des Todes“ nicht das Hochglanzjapan der Wolkenkratzer, der Megacities, das Land mit der alten Kultur des Bushi-Do oder dem religiösen Leben geprägt durch Buddhismus oder Shintoismus. Nein, es ist die dunkle Seite dieses Landes, die stinkende, abartige, die verderbte, die schwärende Wunde im Körper, in der und durch die diejenigen leben, die ihren Platz woanders nicht finden. Es ist das Land der Abwassergräben, der hintersten Hinterhöfe, der Behausungen aus Planen und Brettern, aus Abbruchhäusern und Rattenlöchern…

Zum Beispiel dieses seltsame Ehepaar Kadota, seit 20 Jahren verheiratet, er nennt sie „Mama“ und beide finden höchste Wonne darin, wenn sie ihn in badet und wäscht und auch etwas nuckelt… oder das Ehepaar, wo er aus Neugier die Kleider seiner bettlägerigen Frau anprobiert und den Transvestiten in sich entdeckt.. die ehemalige Prostituierte Emi ist einer religiösen Sekte verfallen und dem Alkohol, in ihrem schäbigen Häuschen irgendwo am Ende der Nebenstraße einer Nebenstraße trifft Aiko nur Adam, den großen, seltsamen, stinkenden Mann, der sich aus gebrauchten Essstäbchen eine Hütte in der Hütte gebaut hat. Sie schüchtert ihn mit ihrer Dominanz ein, schläft wild mit ihm, tötet ihn danach, läßt ihn liegen und geht weiter.

Überhaupt Aiko. In einem kleinen illegalen Bordell aufgewachsen mit Schlägen, Tritten und zuwenig Essen, einem Schlafplatz im Wandschrank, ohne jegliche Liebe und Zuwendung.. am menschlichsten sind noch die weißen Schuhe zu ihr, mit denen sie redet und die ihr auch antworten. Sie sind das einzige, das von ihrer Mutter stammt. Nach dem Tod der Bordellbesitzerin schloss dieses, Aiko kam in ein Heim und auch in eine Schule. Dort war sie die Ausgegrenzte, sie hatte keine Eltern, konnte weder ein Bild noch einen Namen (man benannte sie dann nach einer Inselgruppe) vorweisen und war dadurch sozial auf der untersten Stufe.

Diese Aiko hatte also nichts im Leben gelernt, außer, daß ihr Körper eine gute Währung sein kann, der ihr beim Leben helfen kann und die Vorstellung, daß sie ihre Vergangenheit auslöschen kann, in dem sie die Erinnung daran auslöscht und dafür muss sie die Menschen, die damals um sie waren, ausradieren. Denn, auch das musste sie als Kind bitter lernen, wenn sie ein unbeschriebenes Heft haben wollte, musste sie die Schrift aus einem alten ausradieren….

Und so löscht sie Menschenleben. Es ist leicht, sie hat keine Skupel, kein Gewissen hält die in ihr in vielen Jahren aufgezogende und gehätschelte Bösheit im Zaum. Sie muss zum Töten kein Tabu brechen, weil sie keins hat. Sie ist zudem geschickt, nicht gierig. Zwar stiehlt sie auch, aber so, daß der Verdacht kaum auf sie fällt und wenn, spürt sie das instinktiv und kann sich rechtzeitig aus dem Staub machen. Sie ist gut im Erfinden von Geschichten, dies hat ihr früh zum Überleben geholfen und daher findet sie immer einen Platz, eine Arbeit als Haushälterin, Kellnerin oder Zimmermädchen.

Kirinos Buch erzählt die Geschichte dieser Aiko, dieser armseligen Kreatur, in der eine Kindheit lang nur die Anlage zum Bösen angesprochen wurde und die in tiefster Seele vergraben nach Liebe sucht, nach der Liebe ihrer Mutter, die es ja geben muss, gegeben haben muss, die Schuhe sind ihr dafür Beweis, mehr Beweis fast als ihre eigene Existenz. Ihr Rachefeldzug für die erlittenen Demütigungen ist der pervertierte Versuch, die Erinnerung an ihre eigene Vergangenheit auszulöschen, ohne daß sie eine Vorstellung hat, wie sie, die ja auch nicht mehr jung ist, dann leben will….

Aiko ist ein sehr eindimensionaler Charakter. Sie hat nie gelernt, mehr als eine Sache auf einmal zu planen, vorausschauendes Handeln ist ihr nicht gegeben. Sie ist böse, sonst nichts. Nur in den wenigen Momenten, in denen Kirino sie mit ihren Schuhen, die sie immer bei sich hat, reden läßt, schimmert ein menschliches Wesen durch auf der Suche nach Wärme und Nähe. Aber für ihre Umwelt, die dieses Flehen Aikos sieht, ist es nur ein weiteres Zeichen für deren Minderwertigkeit und wird bestraft.

Im letzten Drittel des Romans, der bis dahin eher sozialkritisch ist, flicht Kirino zusätzlich noch Elemente eines Thriller ein, denn es taucht die Frage auf, wieso eine der ehemaligen Prostituierten mit zwei ihrer Freier Besitzerin der Wäscherei ist, die auf dem Grundstück des alten Bordells steht. Die ehemaligen Kolleginnen, die sich zu einem Förderverein zusammengeschlossen haben, haben Shizuko in Verdacht, sich das Grundstück unter den Nagel gerissen zu haben. Und so schließt sich am Ende des Buches der Kreis. Alle treffen sich wieder an dem Ort, an dem Aikos Leben angefangen hat und wenn diese irgendwo Erlösung finden kann, dann hier.

Der Stil, in dem Kirino diese Geschichte erzählt, ist nüchtern und emotionslos, fast reportagehaft. Gefühle und Wertungen werden nur indirekt kommuniziert, der Schwerpunkt liegt auf der Schilderung dessen, was passiert. So läßt einen auch die Darstellung der Morde seltsam kalt, man nimmt sie zur Kenntnis, ohne Mitleid oder Regung.

Facit: eine verstörende Geschichte einer zerstörten Seele aus einem gestörten Land, die einem als Leser kaum etwas bietet, mit dem man sich identifizieren noch eine Person, in die man sich einfühlen kann. Der nüchterne Schreibstil tut sein übriges. Trotzdem (oder gerade deswegen?) ist das Buch ein spannender Blick in das Schattenreich der japanischen Kultur.

Mehr von Kirino:
Natsuo Kirino: Die Umarmung des Todes

Natsuo Kirino
(Frank Rövekamp (Übersetzer))
Teufelskind
Goldmann TB, 2010, 228 S.

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4 Responses to “Natsuo Kirino: Teufelskind”

  1. Friederike Says:

    Brauchst du das Buch noch? ;)

    Hm also sowas in der Art habe ich aber bei ihr schon erwartet. Ich glaube, ich werde kein Fan von ihrer Literatur.

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  2. Friederike Says:

    Also sammelst du ihre Bücher? Ich habe die „Umarmung des Todes“ als gebundene Ausgabe, aber irgendwie will ichs gar icht behalten auf Dauer…

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    • flattersatz Says:

      nein, friederike, das hat nichts mit kirino zu tun. ich behalte alle bücher, ich tu mich ja schon schwer, mal eins zu verleihen. oder eins, das ich mir ausgeliehen habe, wieder zurück zu geben….. dadurch, daß ich es gelesen habe, gehört es doch irgendwie zu mir dazu….. leihbibliotheken sind mir persönlich zum beispiel ein graus, da verwaiste ich ja mit jedem buch……

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