Judith Zander: Dinge, die wir heute sagten

Cresspahl-Land. Die Große Weite, the middle of nowhere. Das häßliche Endlein der Welt. Der Ort, an dem die Zeit wohnt, die Zeit, die diejenigen, die es nicht verstehen, als Langeweile wahrnehmen. Und so, wie in diesem Landstrich die Zeit wohnt, nimmt sich Zander alle Zeit der Welt, alle Zeit, die sie braucht, um ihre Geschichte der Menschen des kleinen Dorfes Bresekow in Vorpommern bzw. Neubrandenburg zu erzählen.

Die Begebenheit, an der sie ihre Geschichte andockt, ist der Tod der alten Anna Hanske, der als solcher selbst nicht so ungewöhnlich ist, als daß dieser, der Tod nämlich, ein Schicksal ist, dem nun wirklich niemand von uns allen entkommen kann. Nicht das Hinscheiden von Anna H. also ist der Keim des Romans, sondern das Erscheinen ihrer Tochter Ingrid, jener nämlich, die vor zwanzig Jahren, am Ende der 70er, republikflüchtig geworden war. Zur Beerdigung ihres Vaters gefahren nach Berlin (West), des verstorbenen Theo Hanske, der Jahre zuvor, viele Jahre zuvor, in jener Zeit um den 17. Juni war (der heute kein Nationalfeiertag mehr ist) selbst die Republik und seine Familie hinter sich und zurückließ. Die republikgeflüchtete Ingrid Hanske heiratete schließlich Michael, einen Iren, den sie in Berlin kennenlernte, in einer Zeit, in der sie sich im freien Fall befand, in einer Zeit, in der sie nichts dabei fand, wenn des morgens Geld auf ihrem Nachtisch lag. Nicht, daß sie es verlangt hätte, aber willkommen war es. Ob sie an Henry dachte in dieser Zeit? Henry, ihr zurückgebliebenes Kind, das sie zurückgelassenen hatte, das jetzt das einzige war, was Anna Hanske erinnerte an Ingrid, ihre Tochter. Und den Anna Hanske um alles in der Welt nicht weggeben wollte…

Diese Ingrid ist also mit ihrem Mann Michael und ihrem Sohn Paul zur Beerdigung ihrer Mutter nach Bresekow gekommen. Und so wie Hefe drög vor sich hinliegenden Teig zum Leben erweckt und gären läßt, wird durch ihr Erscheinen die Erinnerung lebendig an all das, was seinerzeit und zuvor und danach in Bresekow geschehen ist und über das nicht geredet, sondern in Gemeinsamkeit geschwiegen wurde.

Man sollte sich aber nicht täuschen lassen. Zwar nimmt Zander den Tod der Anna Hanske und den Besuch ihrer Tochter zum Anlass, einen Ort (exemplarisch) über sich und seine Geschichte räsonnieren zu lassen, doch steht die besondere Geschichte der Ingrid, geb. Hanske nicht im Mittelpunkt, sie ist „nur“ eine unter anderen. Im Gegenteil erscheint mir Ingrid eine der blassesten Figuren zu sein, mit tragischem Schicksal zwar, aber in ihrem Verhalten fast autistisch zu nennen, so verschlossen und abweisend nach außen wird sie von Zander dargestellt. Ihr Leben nach ihrer Flucht in den Westen bleibt weitgehend im Dunkeln, uns geht es hier genauso wie den überraschten Einwohnern von Bresekow. Ebenso unbekannt ist es den Einwohnern, wie auch sie diesen auch schon früher nicht die Geschichte der unfreiwilligen Zeugung des Henry erzählte, wohl ahnend, daß man ihr die Schuld geben würde.

Vielmehr entwickelt sich im Lauf des Buches die Geschichte eines gottverlassenen Ortes in der DDR zzgl einiger Jahre nach der Wende, die einen Zeitraum von drei Generationen umfasst. Stellvertretend konzentriert sich Zander auf „wenige“ Familien, deren Mitglieder in immer ausführlicher werdenden inneren Monologen ihr Gedächtnis offenlegen. Anna Hanske und Maria Wachlowski (so unzertrennlich in der Kindheit, daß sie nur „Annamaria“ hießen, eine Nähe, die sich dann später zwischen den jungen Frau im Nichts verlieren sollte…) sind die Frauen aus der Großelterngeneration, die den Krieg miterlebt haben, die Rückkehr (oder den Tod) ihrer Männer, Brüder und auch Kinder. Annas Mann, Theo, kommt aus dem Krieg zurück, von ihm hat sie Ingrid. Der ältere Bruder Peter ist von Anna Hanske aufgenommen worden, ein Flüchtlingskind, dessen Mutter starb. Peter ist die Leitfigur für die jüngere Schwester, die sich von ihm verlassen fühlt, als dieser dem Ort den Rücken zukehrt

Eine weitere wichtige Rolle spielt Paul, der zweite Sohn von Ingrid, der so aussieht wie der junge Paul McCartney und der der Schwarm und die erste Liebe wird von Ella und ihrer Freundin Romy.

Die Wachlowski-Sippe wird von Hartmut, dem Sohn fortgeführt, der mit Britta verheiratet ist, und deren Tochter Ella. Letztere ist zornig und rebelliert gegen die Zwänge, denen sie sich ausgesetzt sieht. Aber ausgerechnet Ella freundet sich mit Romy an, einer Zugezogenen, deren Mutter Sonja den örtlichen Jugendclub leitet, die so ganz anders ist in ihrer Art und doch wieder nicht, denn die Perspektivlosigkeit und die Trostlosigkeit macht beiden Mädchen zu schaffen, nur daß sie anders darauf reagieren.

Und dann gibt es noch die ganze Bagage um Ecki und Konsorten, die Tag und Nacht an der Elpe herumhängen, saufen, randalieren, die Zeit totschlagen, allgemein auch dem nationalen Gedankengut zugänglich.

Das ist eine ganze Menge an Personal, das Zander uns Lesern da zumutet und den öfter zu lesenden Rat, mit Zettel und Bleistift im Anschlag zu lesen, kann ich nur unterstützen, weil man sonst wirklich den Überblick verliert.

Der Roman hat keine Handlung im eigentlichen Sinn. Zander läßt ihre Figuren, erst zögerlich, kurz angebunden („Fischköppe sind garnicht so mundfaul, sie reden nur eher nach innen“ so Zander in der Welt) im Verlauf dann immer weiter ausholend Begebenheiten aus ihrer Erinnerung erzählen. Oft gegenüberstellend aus verschiedenen Wahrnehmungen, weitausholend, in der Sprache den Charakteren angepasst, den Bogen von Plattdütsch bis zum geschraubten Hochdeutsch spannend. Dies macht den Reiz aus, vermittelt Authentizität und Glaubwürdigkeit. Es ist anfänglich etwas sperrig, weil man die Personen erst kennenlernen muss, Zander stellt sie uns nicht vor, sie sind einfach plötzlich da und man muss sich im Lauf des Erzählten manchmal erahnen, manchmal wird es später auch gesagt, in welchem Verhältnis die Person nun steht zu den anderen, von denen man unter Umständen auch schon wieder vergessen hat, wer sie nun denn sind… (deswegen: Zettel und Blei!). Es sind Episoden aus dem Familienleben, Ängste, Erfolge, Niederlagen, Beschreibungen von Festen, Schilderungen des täglichen Lebens, die in ihrer Gesamtheit den Kosmos von Bresekow bilden, Anklam, das kleine Städtchen in der Nachbarschaft ist schon oft so weit entfernt wie ein Traum. Bei Zander sind die Frauen die Stärkeren oder sollte man sagen, die Männer die noch schwächeren? Theo, der Mann von Anna, läßt diese mit zwei Kindern sitzen, Hartmut und Friedhelm saufen (wie viele andere auch), Henry ist sowieso behindert, … und so legt Zander einer ihrer Frauenfiguren (sinngemäß) in den Mund: „Ein Mann bedeutet heute nicht unbedingt ein Kind. Es sei denn, in Personalunion.“ Selbst Paul, der von dem beiden Mädels Ella und Romy hemmungslos angeschwärmt wird und der wie manchmal wie eine Lichtgestalt wirkt, hat sein dunklen Seiten. So nutzt er, aus welchen Gründen auch immer, z.B. die Gefühle der Mädchen aus, um eine Wette zu gewinnen, ausgerechnet mit Ecki….

Die Mädchen, Ella und Romy, sind die neue Generation, noch halbwegs die alten Zeiten der DDR in der Erinnerung müssen sie mit den neuen Bedingungen ihrer Heimat als Teil von Deutschland zurechtkommen. Im Grunde ist die Perspektivlosigkeit geblieben, nur die Umstände haben sich verändert. Mehr Geld ist da, man kann mehr kaufen, aber glücklicher ist dadurch auch keiner geworden. Romy geht damit introvertierter um, sie schottet sich ab, hat wenig Kontakte. Ella dagegen rebelliert offener, zeigt ihre Wut und ihre Resignation. Zum Erstaunen aller freunden sich die beiden jungen Frauen an, sie erkennen, daß sie zwar anders sind, aber aus den gleichen Motiven.

Nur die Leidenschaft für die „Büdels“ teilen sie nicht. Romy schwärmt diese genauso wie ihre Eltern an, sie sammelt Devotionalien während Ella das Getue um die Beatles zu den Ohren raushängt. Daß diese zu DDR-Zeiten für die Eltern ein Fenster in den Westen waren, kann sie nicht mehr nachfühlen. Überhaupt die Beatles: sie spielen eine große Rolle in Zanders Roman. Ihre übersetzten Liedtexte werde immer wieder in den Text eingestreut, der Buchtitel ist schon eine Liedzeile und Paul heißt ja nicht umsonst Paul….

Was bleibt nach der Lektüre dieses Buches?

Zuallerst einmal die stirnrunzelnde Frage an mich selbst: hmmm.. was stand da jetzt eigentlich drin, was is´n da passiert? Im Kopf hat sich eine Vielzahl von kleinen Bildchen wie bei einem Puzzle festgesetzt, aber trotz einiger Zettel mit Notizen will es mir nicht gelingen, eine roten Faden hineinzubekommen. Vielleicht muss man es einfach so nehmen: viele Einzelmomente, die sich zwar nicht zu einem geschlossenen Bild, aber zu einem Eindruck zusammenfügen…. Das Ende des Romans ist natürlicherweise – so wie der Anfang durch die Ankunft der Tochter vorgegeben ist – die Abreise der Familie von Ingrid Hanske bzw. von Paul aus Bresekow. Hier ist eine ansonsten unbekannte Eile von Zander spürbar, als ob ihr die Geschichten ausgegangen wären, verflacht das Erzählte in diesem Moment auf das Niveau einer nichterfüllbaren Jugendliebe…. der Erzengel Paul entschwindet „… and nothing is real…“.

Die zweite Frage ist dann, warum hat mir das Buch trotzdem so gut gefallen? Die ist leichter zu beantworten: es ist gut geschrieben, die Charakterisierung der einzelnen Personen durch ihre Sprech- und Denkweise, die ausdrucksstarke Sprache, die Bilder, mit denen Zander das Atmosphärische einfängt…. es gibt Abschnitte in dem Buch, bei denen ich die Zeit vergessen habe, die mich so gefangen genommen haben, daß ich am Ende erstaunt aufschaute und wieder auftauchen musste aus ihnen. Und deshalb mein….

…. Facit: ja, dieses Buch mit Schicksalen aus dem Zentrum des Nichts ist absolut lesenswert

Judith Zander
Dinge, die wir heute sagten
dtv, 2010, 480 S.

2 Kommentare zu „Judith Zander: Dinge, die wir heute sagten

  1. Verehrter Flattersatz,

    endlich konnte ich nun auch deine Rezension zu diesem eindrucksvollen Buch lesen, wie immer mit großer Freude! Und mit Erstaunen stellte ich fest, dass wir zum gleichen Ergebnis gefunden haben…

    Teereiche Grüße zum Sonntagnachmittag,

    Klappentexterin

    Liken

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