Anna Mitgutsch: Wenn du wiederkommst

Bei diesem Buch hat mich einfach sofort das Cover gefangen genommen. Die Farben, die Stimmung.. es passt alles, und es deutet alles auf ein nachdenkliches, melancholisches Buch hin ….. und so ist es auch, denn der Roman überspannt das jüdische Trauerjahr einer Frau, deren Mann, von dem sie seit vielen Jahren geschieden ist, plötzlich verstarb.

Jerome, ich kann ihn mir gut vorstellen. Um die 60 Jahre alt, korpulent (um das Wort dick zu vermeiden), mit einem schwachen Herzen, das das Wasser nicht mehr aus dem Körper pumpen kann, ein Mann, der es liebte, Mittelpunkt zu sein, die anderen zu unterhalten, jemand, der Sammler war, auch von Frauen, ein Mann, der sich nicht eingestehen wollte, daß er an eine Grenze gekommen war, an der er sich seine Angst vor Krankheit und Tod hätte eingestehen müssen, um sich helfen lassen zu können.

Vor dem Tod verlieren die Wörter ihren Sinn, nur das Schweigen ist angemessen.

Das Buch ist eine einzige Totenklage der Ich-Erzählerin (von der wir nur an einer einzigen Stelle den Namen erfahren, den sie bei der Annahme des jüdischen Glaubens erhielt, Michal) um ihren Ex-Mann Jerome, von dem sie seit 15 Jahren getrennt lebte. Trotz dieser räumlichen Trennung fühlte sie sich ihm innerlich zutiefst verbunden. Die beiden Menschen waren gerade dabei, wieder einen gemeinsamen Weg zu beschreiten, sie, die „Mann und Frau nach eigener Definition“ waren, als dieser Tod alles zerstörte. Nun sitzt die in Europa als Schriftstellerin lebende Ich-Erzählerin in dem ehemalig gemeinsamen Haus in Boston, das für sie mit Erinnerungen getränkt ist, zusammen mit Ilana, der Tochter und ist ihrer Trauer ausgeliefert, sie, die im Kreis der anderen Verwandten und der Freunde und Bekannten keinen Status hat, der man sogar das Recht auf Trauer abspricht. Sie wird geschnitten und erfährt fast nur negative Gefühle, von Nichtbeachtung bis Verachtung, war sie es doch, die seinerzeit den Mann und die Tochter verließ (auch wenn sie selbst dies anders empfunden hat). Nur wenige anerkennen ihr Recht auf Schmerz, viel öfter als „ihr wart ein Paar, er hat dich immer geliebt“ hört sie ein „er hat nie von dir gesprochen“ sie ist ein Fremdkörper in der Trauergesellschaft, die sich in der Schiwa [1] jeden Tag bei ihr einstellt.

Die Erzählerin kämpft mit dem Tod, sie will wissen, was das ist, wann der Moment ist, an dem das Leben gerade nicht mehr, der Tod gerade eben da ist. Was passiert in diesem Augenblick, was mag der Sterbende fühlen, wie mag sich Jerome gefühlt haben, eben noch einen Witz erzählt und dann greift die Faust um sein Herz und drückt es zu. Ist sein Leben noch einmal als Film an ihm vorbei gegangen und welche Rolle hat sie in diesem Film gehabt? Aber so wie jedes Ding, so man es auseinandernimmt und immer weiter in seine Bestandteile zerlegt bis nichts mehr übrig bleibt vom Ursprünglichen, bis sich alles, ob schön oder häßlich, verflüchtigt und aufgelöst hat, sein Wesen verliert, so wenig können sie und Ilana durch dieses Sezieren des einen Moments den Tod begreifen, der in ihr Leben gefahren ist.

Es ist nicht nur Jerome gestorben, mit ihm starb auch das Leben der Protagonisten, die sich jetzt ein neues finden muss, die überhaupt ins Leben zurückfinden muss, denn alles in ihr ist rückwärts gerichtet, in die Vergangenheit, in die Erinnerung. Mitgutsch läßt ihre Hauptperson den Roman hindurch alle Phasen der Trauer durchleiden, von der Verdrängung über den Zorn bis hin zu dem vermeintlichen Sehen des Gestorbenen auf der Straße, dem Parkplatz. Es ist unendlicher Schmerz in ihr, sie blutet aus, kein Schlaf, den sie mehr findet, kein Essen mehr und kein Trinken, sie kennt keine Gefühle mehr als nur den Schmerz der endgültigen Trennung, als die unendlich graue Trauer, die sich in ihr breitmacht, sie innerlich verzehrt und auffrisst. Zwiesprache führt sie mit dem Toten, der ihr am Tisch gegenüber sitzt, dessen Bild an der Wand hängt, mit dem ironischen Moment im Auge, dessen Anblick ihr soviele Erinnerungen beschert. Sie betrachtet die Sachen ihres Mannes im Haus, diejenigen, die die Verwandten noch da gelassen haben bei ihrer eigenen Sichtung, alte Briefe, Fotos, viele auch von den Frauen, um deren Gunst sich ihr Mann seinerzeit bemühte, meist mit Erfolg.

In der Zwiesprache, die die Erzählerin mit sich selbst und dem Toten hält, schält sich aus den Erinnerungen ein Bild einer Beziehung heraus, die durch eine tiefe Verbundenheit geprägt war, durch ein wortloses Verständnis, durch große emotionale Nähe. Aber diese Erinnerung erhält im Lauf der Tage Risse, manchmal blitzt unter der Oberfläche eine dunkle Dimension auf. Die Erzählerin findet Bilder der Liebschaften ihres Mannes, von denen sie zwar immer wusste, die sie aber ignorierte. Jetzt sind die Fragen da und die Zweifel – und auch der Schmerz. Sie sieht auf den alten Bildern eine junge Mutter, die nicht glücklich ist, sondern verhärmt aussieht, verkniffen. So hat sie sich doch garnicht in Erinnerung… Auch Jerome war nicht nur der strahlende Held ihrer Erinnerung, es drängt sich auch der Mann ins Bild, der beruflich als Anwalt hätte brillieren können, der aber zum Schluss Schwierigkeiten hatte, geldringende Aufträge zu bekommen. So wie das Dach ihres alten Zuhauses im strömenden Regen Risse bekommt und das Wasser die Wände hinabläuft, so bekommt ihr Bild von ihrem Leben Risse und verliert an Sicherheit. Die Erinnerung schützt sie nicht mehr, die Bilder, die sie in Sicherheit wogen, zerreissen.

Als er aufhörte, mich als seiner Königin zu huldigen, weil das Objekt seiner Verehrung
sich in seine Ehefrau verwandelt hatte, widersetzte er sich mit passiver Sturheit,
die nie erörtert wurde, jeder Ausgabe, die mich betraf. Und jetzt erst,
nach dreißig Jahren errreicht mich das ganze Ausmaß der darin verborgenen Geringschätzung.

Für die Erzählerin kommt somit so etwas wie die Zeit der Abrechnung mit allen Kränkungen der letzten 35 Jahre, für den verächtlichen Blick, mit dem sie bedacht worden ist, die Schmähungen, die sie sich anhören musste, das Ignoriertwerden von ihrem Mann, daß ihr Mann sie über Jahre hinweg aus seinen Träumen verbannt hat. Und schlimmer noch als diese Erkenntnisse ist die Tatsache, daß sie ihrem Mann nicht mehr verzeihen kann, noch ihm den Tod an den Hals wünschen. So kalt und ohne Trost entfernt er sich.

Es ist ein Reifungsprozess, den Mitgutsch ihre Hauptperson hier durchlaufen läßt, indem sie deren geschönte Selbstwahrnehung langsam auflöst und ihn parallel zur sich wandelnden Trauer in einen ehrlichen Blick auf ihr Leben umwandelt. Und so scheint sie am Ende des Trauerjahres gelernt zu haben, mit ihrem Verlust zu leben.

Der Roman ist parallel zum jüdischen Trauerjahr aufgebaut. Dies fängt mit der Schiwa, einem siebentägigen Zeitraum, in dem die Trauerfamilie sich in ihre Trauer fallen lassen kann und von Freunden und Bekannten besucht und versorgt wird. Den Trauernden werden in diesem Zeitraum viele Verpflichtungen abgenommen, Essen und Trinken wird für sie gerichtet. Danach schließt sich ein 30tägiger Zeitraum an, an dem sich von Vergnügungen ferngehalten wird und nach einem Jahr ist das offizielle Trauerjahr vorbei. Entsprechend dieser Einteilung gliedert die Autorin auch ihren Roman.

„Wenn du wiederkommst“ ist kein Unterhaltungsroman. Das Buch verlangt hohe Aufmerksamkeit, zu differenziert und tiefgründig sind die Gedankenwelten, die Mitgutsch schildert. Sie führt den Leser durch zwei Leben und ein gemeinsames, sie beschreibt in wunderbar poetischen Abschnitten die Landschaft in Neuengland, die Küsten, die Buchten, die Strände, an denen sie ihre Erzählerin mit Jerome spazieren gehen liess… sie läßt ihre Erzählerin den Verlust eines geliebten Menschen zweifach erleiden: zum einen physisch, zum anderen, indem sie sie das Bild dieses Menschen korrigieren, ehrlich werden läßt. Es ist ein Roman, bei dem es um die Liebe geht und wie sie empfunden wird, er behandelt den Kampf um die eigene Identität in einer Beziehung, um die Selbstfindung und den Selbstbetrug, es geht um die Macht und Endgültigkeit des Todes und um das Leid der Trauer. Es geht auch um Erkenntnis und Wahrheit.

„Wir haben nicht über dasselbe geredet, wenn wir von Liebe geredet haben.“

Facit: Ein schwieriges Buch, für das man sich Zeit nehmen muss. Die sich aber sehr lohnt.

Anmerkungen:

[1] Schiwa: die ersten sieben Tage nach dem Tod des Verstorbenen im jüdischen Trauerjahr
[2] WebSite der Autorin

Anna Mitgutsch
Wenn du wiederkommst
Luchterhand Literaturverlag, 2010, HC, 272 S.

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