Irène Némirovsky: Suite française

Mein Gott, was tut dieses Land mir an? [3]

Irène Némirovsky war Kind gutsituierter Juden in Kiew, wo sie 1903 geboren wurde. Sie, die zu Hause ungeliebt und vernachlässigt wurde, begann früh zu schreiben, in die Welt der Gedanken und Worte zu wechseln. In der russischen Oktoberrevolution 1918 nutzte die Familie die Gelegenheit zur Flucht, vorerst nach Finnland, später dann ließen sie sich in Paris nieder. Dort veröffentlichte Némirovsky Bücher und wurde zur anerkannten Schriftstellerin, die das Leben und die Gesellschaft liebte. Nach der Niederlage Frankreichs fiel sie dann aber unter die Gesetze, die das Leben der Juden immer mehr einschränkten, sie wurde schließlich nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Ihre Kinder konnte sie in Sicherheit bringen. Aus ihrem Tagebucheintrag vom 25. Juni 1941 (?):

„…Der Garten ist mit den Farben des Juni geschmückt: himmelblau, zartgrün und rosa. Ich habe meinen Füller verloren. Es gibt noch andere Sorgen wie z.B. drohendes Konzentrationslager, Status der Juden usw. Unvergeßlicher Sonntag….“

Das Manuskript der „Suite française“ wurde erst 2004 von ihrer Tochter entdeckt, entziffert und dann veröffentlicht.

Der erste Teil ihrer auf 5 Teile konzipierten Geschichte Frankreichs im zweiten Weltkrieg beginnt mit Dienstag, dem 4. Juni 1940. Am Tag zuvor waren die ersten Bomben auf Paris gefallen und Némirovsky schildert anhand von exemplarisch herausgegriffenen Familien bzw. Menschen aus verschiedenen Gesellschaftsschichten die Reaktion Frankreichs auf den Angriff der Deutschen. Die Hauptreaktion war die Flucht in die nicht besetzten Gebiete, ggf. sogar ins Ausland. So eine Flucht aus dem normalen, bequemen Leben mit all seinen gesellschaftlichen Kontakten, den Besuchen von Opern und Museen, dem Tafeln in Restaurants, dem Tragen netter Kleidung heraus war natürlich lästig. Was nimmt man mit, was läßt man da und wird man seine Besitztümer noch einmal wiedersehen? Frankreich hat keine Lust zu kämpfen, man fühlt sich gestört, nun sie schon wieder, die Deutschen, die man doch erst vor kurzem so verlustreich besiegt hatte. Und nun waren sie schon wieder da. Und offensichtlich war niemand in der Lage, gegen sie stand zu halten.

In der Wiki [1] ist eine ausführliche Inhaltsangabe zum dem Buch, so daß ich mir hier die Charakterisierung der einzelnen Personen, die Némirovsky beschreibt, spare.

Für die gutbürgerlichen Gesellschaftsschichten hat sie Verachtung übrig. Sie schildert diese als arrogante, selbstbezogene, faule und auf Kosten unterer Schichten lebende Parasiten, deren einzige Sorge es ist, die kostbare Porzellansammlung durch die Kämpfe zu retten. Während die Wohlhabenderen im eigenen Auto fliehen und dann auf den überfüllten Straßen dann doch ohne Benzin stecken bleiben (und keine Skrupel haben, es anderen zu stehlen), müssen viele der ärmeren zu Fuß flüchten oder mit der Bahn fahren, in überfüllten Zügen voller verletzter Soldaten, dem Beschuss deutscher Flieger hilflos ausgesetzt. Familien werden auseinander gerissen, verlieren ihr Hab und Gut, es gibt auf dem Fluchtweg nichts mehr zu essen oder auch nur halbwegs vernünftige Unterkünfte. Selbst Geld hilft in den meisten Fällen kaum noch. Erst am Ende der Flucht im unbesetzten Frankreich, in den Hotels, die man noch von früher kennt, den guten Zeiten, findet man wieder halbwegs in das normale Leben zurück, trifft man die Bekannten von früher und kann sich in der Isolation des guten Hauses vom anwidernden Kontakt mit den unteren Klassen erholen.

Némirovsky schildert ein dekadentes, von Standesdünkeln beherrschtes Frankreich. In den Familien wird sich noch gesiezt, der Schein ist alles, die Außenwirkung zählt. So wie die Fenster der besseren Wohnungen mit Vorhängen verschlossen sind, damit die Stuben nichts ausbleichen, halten auch die Menschen an den alten Vorstellungen fest und lassen nichts neues in ihr Leben. Am besten, alles würde so weitergehen wie bisher und alle was stört, wird beiseite geräumt. Ihr Leben ist Fassade, so wie der künstliche Kamin im Salon, der nur vorgesetzt ist und durch den niemals Wärme in den Raum ausgestrahlt wird.

Schildert Némirovsky im ersten Teil ihrer als Pentalogie angelegten Geschichte, „Sturm im Juni“ die Flucht vor den Deutschen, die selbst kaum in Erscheinung treten, allenfalls als anonyme Angreifer im Bombenflugzeug, so wechselt sie in „Dolce“ die Szenerie, in dem sie ein Dorf in den Mittelpunkt stellt, in dem sich die Besatzer einquartieren. Auch hier sind die überkommenen gesellschaftlichen Strukturen Frankreichs manifest, im Gegensatz zum ersten Teil treten hier die Deutschen aber auch als Personen in Erscheinung. Sie treten aus der Masse der geölten Kriegsmaschine, als die sie bis dahin geschildert worden sind, heraus, erhalten indiviuelle Züge und Eigenschaften und so nimmt neben dem feindlichen Soldat als Teil einer Kriegsmaschine auch der dahinter stehende Mensch Gestalt an. Und man, bzw. bsonders (junge) frau erkennt, daß Deutsche auch Menschen sind, vllt mit etwas anderen Umgangsformen, aber nicht nur verachtenswert, sogar zum Teil sogar liebenswert. In so einer Situation kann es garnicht anders sein, als daß sich auch menschliche Bande zwischen Besatzern und Besiegten bilden, Freundschaften und hie und auch mehr, vielleicht sogar Liebe.

Für die Einstellung der Franzosen, insbesondere für die begüterten, hat Némirovsky, das wird auch aus den dem Buch beigefügten „Notizen…“ deutlich, nur Verachtung übrigt. Sie hält sie für feig und korrupt. Némirovsky wähnt sich in einem Frankreich der Kollaboration, der Angst, des Verrats: das erste, was dem deutschen Kommandanten des Dorfes in die Hand gedrückt wird, ist ein Stapel mit Briefen, mit denen die Einwohner sich gegenseitig denunzieren. Bezeichnenderweise läßt der Kommandant dies alles ungelesen verbrennen.

Die Natur spielt eine große Rolle in ihrem Roman. Sie schildert sie in wunderbar poetischen Worten, sie läßt Blüten blühen und Gewitter mit Blitz und Donner wüten. Die Natur ist ihr ein Bild für die Stimmungen der Menschen, sie kristallisieren sich an ihren Erscheinungen, finden in ihnen ein Bild und erlauben einen Blick in die Seelen der Menschen. Es sind zum Teil lange Passagen (besonders im zweiten Teil „Dolce“), die sie den inneren Kämpfen vor allem von Lucille widmet, die von ihrer Schwiegermutter gehasst, vom (jetzt in deutscher Gefangenschaft seienden) Mann betrogen, in dem sich bei ihr im Haus einquartierten Offizier einen Seelenverwandten entdeckt.

So gelingt Némirovsky etwas Großartiges: sie schildert den Krieg, ohne ihn zu beschreiben. Sie vertieft sich nicht in die Grauen des Krieges, seine Verletzungen, die Toten und Verwundeten, die Gemetzel und das Sterben, sondern sie stellt dar, wie der Krieg das Innere der Menschen bloßlegt, in dem er die geltenden Konventionen hinwegfegt und sie in ihrem wahren Wesen zeigt. Dies ist nicht schmeichelhaft für Frankreich, das sie als im Gestern und in der Angst gefangen beschreibt.

Die letzten drei Teile des Romans kann sie nicht fertigstellen, Gedanken und Konzepte dazu sind in den „Notizen.. “ beigefügt, ein beklemmendes Zeugnis ihrer Arbeit, die durch den an ihr begangenen Mord in Auschwitz nie verwirklicht werden konnte.

Facit: Ein großer Roman.

[1] Wiki-Artikel zum Buch
[2] Wiki-Artikel zum Westfeldzug Hitlers
[3] die Frage ist recht einfach zu beantworten: dieses Land, das besiegte Frankreich sperrt sie in ein Lager und liefert sie nach Auschwitz aus. Dort wird sie ermordet.

Irène Némirovsky
Suite française
btb, Das Besondere Taschenbuch, 2009, 736 S.

Advertisements

2 Kommentare zu „Irène Némirovsky: Suite française

... und deine Meinung?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s