Sofi Oksanen: Fegefeuer


Die Ostsee, das Baltikum, die Nähe zu Finnland und Russland: Estland, ein Land am Rande Europas. Hier spielt die Geschichte, die die junge Autorin Oksanen erzählt aus der Sicht der Jahre knapp nach der Unabhängigkeit des Landes, die es durch die Garbatschow´sche Perestroika und Glastnost errungen hat.

Aliide, die einsam auf einem heruntergekommenen Bauernhof lebt, ist alt, misstrauisch, menschenfeindlich. Sie schottet sich ab gegen das Aussen. Angst, nein Angst hat sie nicht, obwohl ihr Hund vergiftet wurde, die Hühner getötet. Um noch Angst zu haben, hat sie zuviel gesehen in ihrem Leben. Diese alte Frau also sieht eines Morgens im Garten ein Bündel Mensch liegen, dreckig, stinkend, verkommen, verletzt, entsozialisiert, der normalen Sprache und des normalen Verhaltens kaum noch mächtig. Ein antiquiertes Estnisch quillt unkoordiniert aus dem Mund des jungen Mädchens, das so elend ist, daß selbst Aliide es nicht weiterjagen kann, denn daß Zara wie ein gehetztes Tier auf der Flucht ist, ist allzu offensichtlich. Zwischen Aliide und Zara (A und Z, Anfang und Ende?) besteht eine Verbindung außerhalb dieser Begegnung, und diese Verbindung enthüllt Oksanen langsam, Schritt für Schritt in vielen Rückblenden. Dabei verwebt sie die private, persönliche Geschichte der alten Aliide mit den Zeitläuften, bzw. sie zeigt, wie sich kein Mensch von diesen freimachen kann.

1936, zu der Zeit also noch, in der Estland für kurze Zeit ein eigenständiger Staat war, flanieren die Schwestern Ingel und Aliide Sonntags auf dem Friedhof in der Hoffnung, einen Mann zu treffen, in den sie sich verlieben können. Und tatsächlich: eines Sonntags ist dort ein Mann und es ist Liebe auf den ersten Blick, die in Aliide fährt. Und auch den Mann trifft der Blitz, das Zigarettenetui, das er hochheben will, scheint in der Luft schweben zu bleiben, denn von einem Moment auf den anderen besteht seine Welt nur noch aus Aliides Schwester Ingel. Ingel und Hans heiraten und bekommen eine Tochter, die von heftiger Eifersucht geplagte Aliide lebt mit ihnen im Haus ihrer Eltern, die in den Wirren der Zeit von den Kommunisten verschleppt werden. Hans dagegen paktiert mit den Nazis und kämpft gegen die Russen, so daß er nach deren Wiederkehr fliehen muss. Die beiden Frauen, die ihn beide unendlich lieben, versuchen, ihn zu retten und zu verstecken.

Aliide wird verhört, doch es bleibt nicht beim Befragen.

Als der nackte Körper der Frau den Steinfussboden berührte, regte die Frau sich nicht mehr. Die Frau mit dem Sack über den Kopf in der Zimmermitte war eine Fremde und Aliide war fort, ihr Herz lief mit den Wurmbeinen in Spalten Löcher Furchen, verschmolz mit der Wurzel, die in der Erde unter dem Zimmer wuchs.

Sie verrät ihre Liebe Hans nicht. Ein weiteres Verhör erfolgt im Jahr darauf, diesmal werden auch Ingel und die Tochter auf die Gemeindeverwaltung geholt. Und was dieses Mal geschieht, zerbricht Aliide endgültig. Obwohl sie, die im normalen Leben von ihrer Schwester bevormundet wird, in Krisensituationen die stärkere, besonnenere, entschlusskräftigere von beiden ist, wird sie jetzt von Angst, schierer Angst, beherrscht.

Aliide paktiert mit dem Teufel, um der Hölle zu entkommen.

Sie arbeitet mit dem System zusammen, heiratet einen Funktionär und gewinnt so nach außen hin Sicherheit. Nach innen hat aber auch die Möglichkeit, ihren Hans weiterhinzu schützen. Der Preis dafür ist hoch, fast unendlich hoch, aber sie ist bereit, ihn zu zahlen. Sie gibt dem Teufel ihre Seele.

Doch nach Jahrzehnten taucht dieses Mädchen aus Wladiwostok auf. Zara, die von ihrer „Freundin“ mit lockenden Versprechen für schöne Strümpfe und Kleider in den Westen verführt wurde, wo sie dann von ihren Zuhältern zur reinen Ware zurechtgeprügelt wurde. Alles, bis aufs Atmen, bedarf der Erlaubnis und kostet sie Gebühren, die sie ab“arbeiten“ muss. Ein Mädchen, das sich dagegen auflehnt, verschwindet. Es verschwindet sich leicht und schnell in diesem Milieu. Es ist unendlich grausam, was Oksanen dort andeutet und in einigen Szenen auch deutlich schildert, es ist ein Grund, sich seines Mannseins zu schämen. Und angesichts der vielen Mädchen und jungen Frauen aus dem Osten, die in Westeuropa ihren Körper verkaufen (müssen), denke ich, daß Oksanen hier eine existierende Realität beschreibt, vor der oft genug die Augen geschlossen werden. Ohne die Nachfrage bei den hiesigen Männern gäbe es auch das „Angebot“ nicht….

Ich will nicht weiter auf den Inhalt des Buches, den Gang seiner Geschichte eingehen, um nicht zuviel zu verraten. Nur soviel, daß Aliide Zara, dieses Mädchen, das ein ein altes Foto dabei hat, auf dem sie sich wiedererkennt, nicht wegschicken kann wie sie eigentlich wollte, weil dieser gequälte Körper sie an ihren eigenen früheren erinnert, sogar fast ein wenig lieb gewinnt…..

Oksanen hat ein sehr sprachmächtiges Buch geschrieben. Viele eindrucksvolle Bilder und Beschreibungen bietet sie, vieles von dem, was sie erzählt, geht direkt durch in die Seele. Immer wieder die Fliegen, die auftauchen, ihre Eier legen und unverwüstlich sind. In eine solche hat sich auch Aliide zurückgezogen bei ihren Folterungen…. estnisches Leben wird beschrieben mit seinen Traditionen (vor allem dem Einkochen und der Bevorraten für den Winter) und der im Gegensatz zum rationalen Kommunismus stehende Glaube an Beschwörungen und Rituale. Sie macht keinen Halt vor dem Schweiß, den die Angst aus dem Körper treibt und dem Gestank der Männer, insbesondere dem von Martin, Aliides Mann, den sie nur zu ertragen lernt, indem sie durch den Mund atmet.

Es ist ein Buch über die Gewalt, über das Zerbrechen von Menschen, über das Entmenschlichen. Über Männer als Täter und Frauen als Opfer. Oksanen macht klar, daß Frauen in solchen Situationen immer in einer Währung bezahlen müssen, ob nun nach dem Krieg belastende Dokumente verschwinden müssen oder ob der Zuhälter ihr eine vermeintlichen Gefallen getan hat: „Zieh dich aus und danke mir.“ ….
Es ist aber auch die Geschichte einer Frau, die ihrerseits bereit ist, Menschen zu opfern, um ein Ziel zu erreichen. Es ist ein grausames Buch in seiner Deutlichkeit, die manchmal nur in den An“deut“ungen liegt:

„Aliide Tamm soll das machen. Führt sie zum Tisch.“
Sie sagten nichts, sie sagten nichts.
„Mach, daß sie die Glühbirne nimmt.“
Sie sagten nichts sie sagten nichts nichts nichts.
„Nimm die Glühbirne, du Schlampe!“

Manches ist zu grausam, um erfunden zu sein…..

… und es ist ein grausames Buch, weil das Wort „Mitleid“, mit-leiden fehlt, nicht zu existieren scheint. Wie ist es möglich, daß Menschen so werden, ganze Gesellschaften sogar….. das ist die Frage, die mir beim und nach dem Lesen nicht aus dem Kopf gehen will…..

„Fegefeuer“ ist aber auch ein spannendes Buch, das man manchmal einfach aus der Hand legen muss, um das Gelesene zu verdauen, aber das man nicht lange liegen lassen kann, weil man erfahren muss, wie die Geschichte weitergeht. Das Hin- und Herspringen zwischen den verschiedenen Epochen bildet immense Spannungsbögen in den einzelnen Handlungsfäden, die auch bis zum Schluss aufrecht erhalten werden.

Facit: Bibliophilin hat geschrieben, man bräuchte Kraft für dieses Buch. Ja, das stimmt. Aber es gibt auch viel, weil es nichts verschweigt.

Sofi Oksanen
Fegefeuer
Kiepenheuer & Witsch, 2010, HC, 395 S.

3 Kommentare zu „Sofi Oksanen: Fegefeuer

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