Lisa-Marie Dickreiter: Vom Atmen unter Wasser

Vom Atmen unter Wasser, unter der Oberfläche, wo es keine Luft gibt. Es ist nicht das kristallklare Wasser gemeint, das im Korallenriff zu finden ist, es ist das trübe, schlammige Wasser eines versumpfenden Sees, eines Ebbestroms über Schlick, der einen zurückzieht ins Meer, unter Wasser drückt, den Halt nimmt. Immer tiefer saugt einen das Wasser hinunter, in immer dunklere Schichten sinkt man, der Druck wächst, kaum noch Kraft zum Atmen ist zu finden, eine Faust ums Herz, eine zusammengequetschte Lunge, in die kein Sauerstoff mehr passt. In die Dunkelheit, den tödlichen Abgrund. Wie kann ich atmen, weiterleben, wenn alles um mich herum nur noch ein dunkler Schatten auf der Seele ist, wenn die Verzweifelung, die Sinnlosigkeit ihr dunkles Leichentuch über mich geworfen hat?

Die 16jährige Sarah Bergmann wird auf dem Nachhauseweg von einer Party ermordet. Ein knappes Jahr später versucht ihre Mutter Anne, sich das Leben zu nehmen. Sie wird von ihrem Mann Jo aber rechtzeitig gefunden und kann gerettet werden. Jo bittet Simon, den älteren Bruder Sarahs, wieder zu Hause einzuziehen, damit er auf die Mutter aufpassen kann. Simon hatte das Elternhaus nach der Beerdigung von Sarah im Streit verlassen und ist in ein Studentenwohnheim gezogen.

Das ist die Konstellation, der wir in Dickreiters Roman begegnen. Vorgeschaltet ist ein Prolog [1], der schildert, wie der 7jährige Simon versucht, seine Schwester, hinter der er sich zurückgesetzt fühlt, loszuwerden. Es gelingt ihm nicht, aber die Szene wirft ein erstes Licht auf eine Familie, in der es eine Menge innerer Spannungen gibt, die sich über Jahre hinweg aufgebaut haben und die jetzt, nach der Ermordung von Sarah in der Trauer aller Familienmitglieder unheilvoll ausbrechen.

„Atmen unter Wasser“ ist ein Buch über die Trauer, über die Ver“alleinigung“ des Menschen in der Trauer. Über die Unfähigkeit, die Trauer eines anderen zu empfinden, wenn einen die eigene unter Wasser drückt und die Luft zum Atmen abschnürt. Dickreiter analysiert nicht, bewertet nicht, sie fühlt sich ein. Sie schlüpft in die Seele, in das Innerste ihrer Personen und nimmt den Leser mit in diese Seelen- und Erinnerungswelt. Anne, Jo, Simon, Anne, Jo, Simon, Anne …. Es sind zum Teil kurze Abschnitte, die sie ihren Personen widmet, oft gleiche Ereignisse mit verschiedenen Augen gesehen. Und es ist gut, daß die Kapitel so kurz sind, man kann als Leser Luft holen zwischendurch, die Gefahr, auch unter Wasser gezogen zu werden, weil Dickreiter direkt auf die eigenen Gefühle und Empfindungen anspricht, ist groß.

Alle drei trauern anders. Anne verzweifelt an ihrer Trauer bis hin zum Suizid, Jo versucht, die Trauer zu regelementieren, sie zu kontrollieren, zurück zu drängen. Simon öffnet sich ihr am wenigsten, er ist blockiert, weil Sarah für ihn immer Konkurrentin um die Liebe der Eltern war. Viele Verluste sind es, die zu betrauern sind, der Tod von Sarah, das Schwinden der Erinnerung an Sarah, der Verlust der Nähe zum Partner.. nur als Beispiele.

Wie unterschiedlich z.B. Simon und Jo auf die Trauer von Anne eingehen, zeigen zwei Szenen. Anne versucht die Erinnerung an Sarah aufrecht zu halten. Sie hat die alten, ungewaschenen Kleidungstücke von ihr versteckt und schleicht sich ab und zu in den Keller, ihr Gesicht in diesen alten, kaum noch wahrnehmbaren Geruch zu drücken. Jo wäscht die Kleider, unabsichtlich, aber er tut es. „Die Stimme, ihre Stimme, ich kann mich kaum noch erinnern….“ Simon holt ein Handy und sagt seiner Mutter, daß der Handyvertrag von Sarah noch ein Jahr läuft und auf der Mailbox ihre Stimme zu hören ist.

Und letzteres zeigt Anne den Weg: nicht der Erinnerung entfliehen, sie einsperren, aussperren, wegsperren, sie verbieten: nein, sie suchen, sie bewusst erleben, auffrischen, sich erinnern, um loslassen zu können, um den Abschied nehmen zu können, den sie damals nicht gehabt hat. Sie setzt dies sehr konsequent um, sie gewinnt ihre Handlungskompetenz wieder, aber… sie sucht auch den Schuldigen an dem, was vor einem Jahr geschah. Nur – es gibt keinen Schuldigen, es gibt nur Beschuldigte und damit erneute Verletzte.

Verluste führen dazu, daß man Ersatz sucht. Anne klammert sich an Simon, der früher hinter Sarah zurückstehen musste. Jo sucht den Verlust seiner Frau mit einer anderen zu vergessen. Er, der Sozialarbeiter, ist wohl am skrupellosesten in seinen Bemühungen, mit der Trauer „fertig zu werden“, er greift zu Lügen und bürdet alle Verantwortung für sein Fehlverhalten seinem Sohn auf.

Kann man Menschen verurteilen, verantwortlich machen für ihre Unfähigkeit, zu trauern? Sicher, sie verhalten sich falsch, aber kann man nicht auch dies nachvollziehen? Angst essen Seele auf, Verzweifelung auch. Wer wollte da den ersten Stein werfen? Es ist für den Aussenstehenden nicht zu beurteilen, was in einem Menschen vorgeht, der das schlimmste erleiden muss, was man erleiden kann: das eigene Kind verlieren. Man kann die Wunde, die der Tod mit diesem Verlust schlägt und die selbst tödlich sein kann, nur erahnen. Das Leben der Überlebenden ist zerstört, es gibt ein Vorher und ein Nachher und daß das Danach wieder ein Leben wird, ist ein schwerer Weg, der nicht unbedingt immer der gleiche ist innerhalb einer Familie. Und so vermeidet Dickreiter am Ende ein vllt unglaubwürdiges Happyend, sie läßt ihre Figuren auf ihren jeweils eigenen Wegen in ein „Leben danach“ auftauchen.

Facit: eine sehr intensive Reise in das Innere dreier Seelenlandschaften

Lisa-Marie Dickreiter
Vom Atmen unter Wasser
Bloomsbury, 2010, HC, 269 S.

[1] den die Autorin Lisa-Marie Dickreiter uns hier vorliest
[2] Der Blog der Autorin

Der Roman ist verfilmt worden mit Andrea Sawatzki in der Rolle der Anne. Hier zwei Links zu kurzen Videoausschnitten auf youtube: der Trailer und noch ´n video und eine Besprechung des Films

10 Kommentare zu „Lisa-Marie Dickreiter: Vom Atmen unter Wasser

    1. Das stimmt, und sie beherrscht ihr thema sehr gut. es ist wirklich erstaunlich, wie gut, denn spontan würde man sagen, zu solcher sensibilität und solchem einfühlungsvermögen ist man erst fähig, wenn man etwas älter ist. und wieder ist ein vorurteil entlarvt…

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  1. Huhu! Dieses Buch und „Fegefeuer“ sind die nächsten Bücher, die ich mir anschaffen möchte. Deine Rezension ist wirklich schön geschrieben und bestärkt mich zusätzlich mit dem Vorhaben

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  2. Da ich das Buch schon vor längerer Zeit gelesen habe, finde ich es schön, es wieder bei Dir zu finden.
    Ein wunderbares Buch und eine tolle Autorin!

    Danke für Deine Worte und die wunderbare Besprechung.
    Liebe Grüße
    Bibliophilin

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    1. dann muss ich mal schauen, daß ich deine rezi lese (eben bin ich nicht auf deine seite gekommen…), du hast doch hoffentlich eine besprechung eingestellt? ;-) wenn ja, dann habe ich den hinweis auf das buch vllt sogar von dir…

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