Inge Jens: Unvollständige Erinnerungen

14. November 2010

Biographien erwecken im Normalfall nicht so sehr mein Interesse und so hätte ich mir die „Unvollständigen Erinnerungen“ von Inge Jens sicher nicht gekauft, wenn ich nicht Anfang des Jahres das Buch ihres Sohnes, Tilman Jens, über die Demenzerkrankung von Walter Jens gelesen hätte. Die Rezeption des T. Jens´schen Buches war seinerzeit sehr gespalten, ein Großteil der Kritiker hat es ihm vorgeworfen, daß er die Leidensgeschichte seines Vaters, über Jahrzehnte hinweg einer der Geisteriesen der Republik in aller Deutlichkeit und Betroffenheit öffentlich gemacht hat. Durch diese Diskussion ist es mir bewusst geworden, das noch gilt, was ich für überwunden hielt: Krankheiten können auch heutzutage noch ein Makel sein, als ob der Erkrankte Schuld hätte an seiner Krankheit, zumal dieser. Daß Walter Jens ein Mensch ist, auch und gerade in seiner Krankheit und nicht nur eine Ikone, daß zu anzuerkennen, fiel vielen wohl schwer, vllt auch, weil sie richtig erkannt haben, daß auch das eigene Leben, so verdienstvoll es sein mag, jederzeit heimgesucht werden kann. Im Übrigen hat mir meine Besprechung des Buches eine kurze aber freundliche Mailkorrespondenz mit dem Autor eingebracht, in der er mir ein paar Punkte erläuterte und klarstellte.

Zurück zu den Erinnerungen von Inge Jens, der Ehefrau von Walter Jens. Unvollständig, das bedeutet nicht streng chronologisch. Eher sind gewisse Lebensphasen zusammengefasst und mit einzelnen Ereignissen oder Projekten charakterisiert. 1927 als erstes von 4 Kindern in Hamburg geboren, erlebte sie das 3. Reich von Beginn an mit. Beim Lesen ihrer Erinnerungen zu dieser Zeit fiel mir auf, wie selektiv damals doch die Vorgänge wahrgenommen wurden und als wie normal es zum Beispiel empfunden wurde, zehnjährig automatisch in einer der Jugendorganisationen aufgenommen zu werden. Und irgendwie hat man von nichts gewusst und über nichts geredet, auch wenn Inge Jens dazu dann selbst schreibt: „Eine derartige Behauptung mag heute als Ausflucht, Beschönigung oder Unwahrheit gelten. Und sie erscheint noch unglaubwürdiger, wenn ich hinzufüge, daß mein Vater Sturmführer der SS war, Mitglied einer Nachrichtenabteilung….“ [S.27]. Bzgl. ihres Vaters lassen mich Beschreibungen von Inge Jens überhaupt etwas im ratlos zurück: Ein SS-Sturmführer [1], immerhin ein Offiziersrang, der in den 30er Jahren mit „großer Courage und nicht selten mit Erfolg“ für Regimegegner vor Gericht ausgesagt hat [S. 25] und der [so nach S. 33] als „Chemiker eines „kriegswichtigen Betriebes““ nicht eingezogen wurde.. Um das unter einen Hut zu bringen, hätte ich ein paar ausführlichere Erklärungen gebraucht. Jedenfalls habe ich beim Lesen das Unbehagen von Frau Jens gespürt, die selbst diesen Zwiespalt [3] gemerkt haben mag zwischen einer vllt immer noch wirkenden Verdrängung und den Realitäten.

Inge Jens schildert ihre Jahre an der Seite von Walter Jens und ihre erfolgreichen Bemühungen, sich neben diesem zu emanzipieren. Sie studiert, promoviert, mit einem literaturwissenschaftlichen Themas und erarbeitet sich einen Ruf als Bearbeiterin biographischer Themen. In Tübingen trifft sie viele bekannte Schriftsteller und Wissenschaftler, sie spezialisert sich biographische Arbeiten und veröffentlicht zusammen mit ihrem Mann einige Bücher [2]. Ihre Beschreibungen sind distanziert und nüchtern, daß sie es schaffte, zu diesen Zeiten, neben dem anspruchsvollen und arbeitsintensiven Verfassen ihrer Bücher als Mutter noch zwei Kinder zu erziehen und sich neben ihrem Mann als eigenständige Persönlichkeit zu etablieren, ist eine Leistung, die sie selbst so nicht erwähnt, die aber nicht hoch genug einzuschätzen ist.

Wie schon oben gesagt, haben mich in ihrer Biographie besonders die Abschnitte über die Erkrankung ihres Mannes interessiert, die vom Sohn mit soviel Herzblut beschrieben worden ist. Aber auch hier ist die Darstellung von Inge Jens sehr nüchtern und distanziert, sie bleibt bei ihrer Darstellung auf der kognitiv-analytischen Ebene, ihre Gefühle werden nur selten angesprochen. Selbst Szenen, die dramatisch gewesen sein müssen (wie Auseinandersetzungen um die Bücher, die die beiden am Ende noch zusammen schrieben) klingen selten emotionslos wie z.B.: „Wir gerieten uns in die Haare. .. So etwas hatte es zwischen uns noch nicht gegeben.“ [S. 276]. Nur selten ist die Verzweifelung der Situation spürbar (erst gegen Ende des Buches wird der Text etwas persönlicher und geht mehr auf Zweifel und Ängste ein) und wie auch schon in den Beschreibungen von Tilmann Jens, erstaunt mich die Hilflosigkeit, mit der man mit der Erkrankung von Walter Jens umgegangen ist. Die Möglichkeint einer Diagnose „Demenz“ wurde sehr lange ignoriert bzw. verdrängt, die Behandlung des Patienten infolgedessen auch inadequat. Und das nicht vor vielen Jahren, sondern erst vor ein paar…. Man klammerte sich an die Diagnose „Depression“, obwohl sich das Erlebte nur „.. in Teilen mit dem Zustand von damals deckte“ [S. 275], als Walter Jens schon einmal an Depression erkrankt war. Durfte auch hier – so ähnlich wie nachher die Kritiker auf die Darstellung von Tilman Jens über seinen Vater reagiert haben – nicht sein, was nicht sein darf? Es ist um so bedauerlicher, als daß es für dementiell Erkrankte und besonders deren Angehörige ja mittlerweile viele Hilfsangebote gibt..

Facit: Inge Jens hat das gemacht, was sie beherrscht: eine Biographie zu schreiben. An ihrem Leben läßt sie den Leser dagegen nicht teilhaben, dazu bleibt sie zu sehr auf der intellektuellen Ebene.

Anmerkungen:

[1] zu den Dienstgraden der SS siehe die Wiki, einen Dienstgrad „Sturmführer“ gab es offensichtlich nach 1935 garnicht mehr.
[2] zum Wiki-Artikel über Inge Jens
[3] auch anderen sind die Ungereimtheiten dieser Erinnungen an das 3. Reich aufgefallen, siehe die Besprechung des Buches in der ZEIT

Nachtrag
Inge Jens über Walter Jens: „Ich habe ihm geholfen zu leben“
Im Sommer starb der große Intellektuelle Walter Jens. Am Jahresende blickt seine Witwe zurück. Ein Gespräch über Liebe und Tod. http://www.taz.de/Inge-Jens-ueber-Walter-Jens/!129758/ (Dez. 2013)

Inge Jens
Unvollständige Erinnerungen
rororo, 2010, TB, 320 S.

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