Anne B. Ragde: Das Lügenhaus

Dieser Roman spielt auf einem völlig heruntergekommenen Bauernhof in der Nähe von Trondheim, der drittgrößten Stadt Norwegens. Auf dem Hof leben die Altbäuerin Anna und ihr Mann, den sie aber eher wie ein zu fütterndes und ungeliebtes Haustier hält. Ferner ist da noch der Mittfünfziger Tor, der mit Liebe und Leidenschaft seine Schweinehaltung betreibt [1]. Das Miteinander der drei im Haus, das Sozialleben ähnelt dem äußeren Zustand des Hofes: zerrüttet, kaputt, zum Weglaufen. Als zum Beispiel Tors Mutter eines Morgens nicht in der Küche ist und für Frühstück sorgt, bemerkt Tor das zwar als er aus dem Stall ins Haus kommt, aber bis er tatsächlich mal nach der Mutter schaut, vergeht eine lange Zeit.

Radge stellt uns in den ersten Kapiteln die Angehörigen dieser seltsamen Familie vor. Da ist der ältere Bruder von Tor, Margido, der ein Bestattungsunternehmen betreibt. Er hat gerade den Auftrag zur Bestattung eines Jungen bekommen, der sich offensichtlich aus Liebeskummer erhängt hat [2]. Margido geht in seinem Beruf auf, mit den Eltern hat er gebrochen, er hat den Hof im Streit verlassen. Da er keinen Kontakt zur Weiblichkeit hat oder jemals hatte, kann er sich voll und ganz seinem Geschäft widmen.

Der dritte Bruder Erlend ist der jüngste. Er ist ein „Männermann“, auch er hat den Hof vor Jahren im Streit verlassen. Mit seinem Freund lebt er in einer glücklichen Beziehung in Kopenhagen, an Geld mangelt es den beiden nicht und auch nicht an Lebensfreude und gegenseitiger Liebe.

Als letzte stellt uns Radge Torunn vor. Mit einer beispielhaften Effizienz (so erfahren wir im späteren Verlauf des Romans) hatte es Tor vor 37 Jahren fertig gebracht, bei seinem einzigen engen Kontakt, den er jemals mit einer Frau hatte, ein Kind zu zeugen, eben diese Torunn. Cissi, Torunns Mutter, wurde damals von dieser vom Hof geekelt, Torunn selbst hat ihren Vater nur einmal getroffen.

Diese Personen werden uns von Radge in jeweils einem typischen Kontext vorgestellt. Margido wie schon erwähnt, bei seinem Auftrag, den jungen Selbstmörder zu bestatten, Tor, wie er sich im Stall bei seinen Schweinen wohlfühlt und wie sehr er mit der Mutter verbunden ist und er in gleicher Intensität den Vater hasst. Erlend und Krumme, sein Freund, dagegen sind ganz darin vertieft, die anstehenden Weihnachtsfeiern zu planen und zu gestalten, ein Höhepunkt ihres Jahres.

In diese Idylle platzt die Nachricht, daß die Mutter einen Schlaganfall gehabt hat, denn irgendwann ist es Tor dann doch aufgefallen, daß etwas nicht stimmt. Wohl spätestens, als er sie in ihren Exkrementen [3] vor sich liegen sah… Die Mutter wird ins Krankenhaus gebracht und die Brüder, die untereinander auch keinen Kontakt haben, sehen sich gezwungen, dann doch alle an ihr Krankenbett zu eilen. Ebenso wie Torunn, die auch informiert wird.

Torunn findet einen leisen Zugang zu Tor, da sie seine Leidenschaft für die Schweine verstehen kann. Auch sie ist von den Tieren begeistert, aber der Dreck und die Verwahrlosung auf dem Hof stoßen sie ab. Erlend, ihrem Onkel, der bis dato noch nichts von ihrer Existenz wusste und mit dem sie sich auch auf Anhieb gut versteht, geht es ähnlich. Und so fangen die beiden an, in einer Art Selbsterhaltungstrieb und reinem Mitleid mit Tor, einzukaufen, den allergröbsten Dreck wegzuräumen und später dann auch richtig sauber zu machen. Tors Welt bekommt dadurch einen Riss, er empfindet es als ungehörig, was die beiden machen, ihm und seiner Mutter war es doch immer gut genug. Aber langsam gewöhnt er sich dann doch an die neue Reinlichkeit. Nur mit Erlend kann er nichts anfangen, besonders als dann der von Sorge getriebene Krumme auch noch auftaucht und unter seinem Dach dann diese beiden Schwulen es treiben…. [5]

Die Mutter stirbt dann doch recht plötzlich. Alle beschließen, über Weihnachten auf dem Hof zu bleiben. Einfach, aber schön, wird die jetzt grundgereinigte Wohnung für das Fest hergerichtet, sogar der Vater, dessen Gebiss beim Saubermachen wieder gefunden worden war, wird rasiert und vorzeigbar hergerichtet. Und beim Essen und nach einigen einleitenden Schnäpschen platzt dann die „Bombe“ in die Runde der Familie…. aber das verrate ich jetzt nicht….

Radge hat mit ihrer Familiengeschichte einen sehr schön zu lesenden, aber auch traurig stimmenden Roman vorgelegt. Diese emotionale Kälte, die dort durchschimmert [4], macht einem Angst, alles ist farblos und dunkel, wie mit einer Decke zugedeckt und erstickt. Radge konzentriert sich ganz auf die Brüder und ihr Verhältnis zu den Eltern bzw. untereinander. Kaum etwas dagegen schildert sie von der Mutter oder dem Vater, diese beiden bleiben praktisch als Personen völlig im Hintergrund mit groben Strichen nur gezeichnet. Erst ganz zum Schluss kann man sich zurechtreimen, was in dieser Familie geschehen ist, damit es zu dieser Situation kommen konnte. Es hätte mich sehr interessiert zu erfahren, wie es passiert ist, daß aus dieser lustvollen Anna, mit der das Buch eröffnet und geschlossen wird, eine solch verbitterte und böse Frau werden konnte….

Anmerkungen

[1] Ob die Übersetzung „Schweinezucht“ im Buch richtig ist, bezweifel ich, der Beschreibung nach würde ich den Betrieb eher als Schweinemastbetrieb ansehen. Schließlich werden die Schweine ja geschlachtet und nicht zur Mast oder zur Zucht verkauft.
[2] Seltsame Trauerriten, dort in Norwegen. Der Schmerz der Frauen wird durch Tabletten ruhig gestellt (bzw. besser: nach hinten geschoben), während es als unmännlich angesehen wird, wenn diese Pillen nehmen würden. Natürlich dürfen Männer auch nicht weinen und arbeiten sollen sie in der Trauer auch nicht, das übernehmen die Nachbarn. Da sind die Frauen jetzt besser dran, Haus- und Küchenarbeiten lenken sie ein wenig ab….
[3] ich finde die Verwendung dieses doch recht neutralen Wortes in einen Kontext, wie er hier beschrieben wird, in dem ganzen Dreck und Chaos, irgendwie witzig, als müsste was kaschiert werden. Es gäbe wohl passendere Ausdrücke….
[4] eine Kundenrezension bei amazon hat festgestellt: „typisch norwegisch“. Dann will ich da aber nicht hin!
[5] Eigentlich ein schönes Bild dafür, daß es manchmal den Blick von draußen, die „Fremden“ braucht, um die eigenen Grenzen mal wieder zu sehen und sie zu überwinden, um mal wieder was Neues, Schönes zustande zu bringen…..

Facit: ein schöner, trauriger Roman über eine zerstörte Familie

Anne B. Ragde
Das Lügenhaus
btb 2009, 336 S.

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2 Kommentare zu „Anne B. Ragde: Das Lügenhaus

    1. ich glaube, alles, was aus skandinavien kommt, ist irgendwie düster… so trivial es klingt, ich denke, das liegt tatsächlich (auch) mit daran, daß es dort so wenig sonne und wärme gibt…..
      jedenfalls bin ich auf den zweiten teil der trilogie gespannt. kann ja nur heller werden….

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