Judith End: „Sterben kommt nicht in Frage, Mama!“

18. Oktober 2010

Es ist kein Tag so streng und heiß,
Des sich der Abend nicht erbarmt,
Und den nicht gütig, lind und leis
Die mütterliche Nacht umarmt. (Hesse)

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Bei der 25jährigen Studentin Judith End, alleinerziehend mit der 4jährigen Tochter Paula zusammenlebend, wird ein Knoten in der Brust festgestellt. Es wird versucht, den bösartigen Tumor zu entfernen, letztlich bleibt aber nur die Brustamputation mit anschließender Chemo- und Strahlentherapie. End beschreibt in diesem biogaphischen Buch ihre Krankengeschichte, die um so beeindruckender ist, da sie parallel zu allem auch noch ihr Studium abschließt.

Was in meinem einleitenden Absatz so nüchtern klingt, ist im richtigen Leben der Judith End natürlich eine unfassbare Tragödie. Noch kaum ins Leben gestartet, frisch verliebt, lebenslustig und -hungrig wird ihr eine Diagnose gestellt, die die gesamte Lebensplanung umwirft. Ihr Mammakarzinom ist zudem noch hormonabhängig, so daß bei ihr, der jungen Frau, die Wechseljahre künstlich eingeleitet werden müssen.

Die ersten Seiten, Abschnitte des Buches von End sind ein einziger Aufschrei, eine einzige Woge des Nichtverstehens, der Ablehnung, der Angst und der Wut. Warum ausgerechnet sie, die 25jährige, die keine Statistik für diese Erkrankung vorsieht, warum? Warum ist ihr Brustkrebs nicht schon früher diagnostiziert worden, untersucht worden ist sie ja. Durfte nicht sein, was statistisch nich sein konnte? Und was soll jetzt werden????

Innerhalb von praktisch Sekunden hat dieser Feind im eigenen Körper, haben diese entarteten Zellen, hat der Krebs, das Kommando über ihr Leben übernommen. Judith End verliert in diesen Sekunden erst einmal alles, sie wird vom Subjekt „Judith End“ zum Objekt „Patient“. Sie wird Objekt der Ärzte, sie muss sich ausziehen, präsentieren, wird vermessen, betastet, berührt, ihr werden Nadeln in das Fleisch gestochen, Schmerz zugefügt. All das ist notwendig, sicherlich, und doch hat sie das Gefühl, ihre Würde zu verlieren. Wie dankbar ist sie, als sie ein Pfleger einfach nur leise berührt und sie anlächelt, sie für Sekunden als Mensch wahrnimmt.

Judith Ends Leben ist eine Ansammlung von Verlusten geworden: ihre Zukunft steht in Frage, ihre Selbstbestimmtheit, das Selbstwertgefühl schwindet, nichts ist mehr sicher, „wahrscheinlich“, „vielleicht“ und „möglicherweise“ übernehmen die Beschreibung dessen, was kommen kann. Sie fühlt sich verlassen, ausgerechnet der Mann, in den sie sich noch kurz vorher zu verlieben traute, schweigt und läßt sie im Stich. Und sie hat ihr Frausein verloren, kann keine Mutter mehr sein, die Kinder, die sie sich noch wünschte, sterben mit dieser Krankheit. Welcher Mann will so eine Frau noch? Symbol für all diese Verluste ist der buchstäbliche Verlust ihrer Haare, die wunderschön gewesen sein müssen. Glatze zu sein, überall aufzufallen, nackt zu sein, sich verstecken zu müssen vor den komischen Blicken der anderen, in diesem Fakt bündeln sich alles, was der Krebs ihr antut.

Sie läßt die Therapie über sich ergehen, fügt sich klaglos in alle Operationen, die notwendig erscheinen. Freunde helfen ihr, versuchen es, die Eltern, Bekannte, Nachbarn, ihre kleine Schwester. Vieles ist auch Hilfe, vor allem im praktischen Bereich, aber die Verlegenheit, die Angst vor falschen Worten bleibt spürbar, das verkrampfte Lächeln, das Niederschlagen der Augen und das Wegsehen. Erst sehr spät wird beim Psychologen das mit dem Krebs so unmittelbare verbundene Wort „Tod“ angesprochen und ebenso „Was wird, wenn ich sterbe?“. Endlich. Und noch eins definiert der Psychologe: er macht Judith klar, was jetzt im Moment ihr Aufgabe ist und – noch wichtiger – was nicht ihre Aufgabe ist, denn im Bestreben, ihr Leben auch jetzt noch zu meistern, reibt sie sich auf, überfordert sie sich und sieht ihr Grenzen nicht (spüren tut sie sie schon….).

End beschreibt ihren Leidensweg, den sie nicht allein, sondern mit vielen anderen Krebsfrauen durchmacht. Hier, in diesem Kreis, hat jeder ein ähnliches Schicksal und so ist es nicht verwunderlich, daß sich eine ganz eigene Verbundenheit unter den Frauen entwickelt. Die Chemotherapie führt Judith an die Grenze dessen, was ihr Körper vertragen kann, danach kommen noch die Bestrahlungen. Zwischenzeitlich, wenn es mal ein wenig besser geht, versucht sie, sich auf ihre Prüfungen vorzubereiten, manchmal ist ihr Hunger auf das Leben, das Judith End ante geführt hat, so groß, daß sie es nicht aushält und wider alle Vernunft ausgeht, tanzen geht, sich austobt und sich lebendig fühlt.

Und Paula? Wie verkraftet ein 4jähriges Mädchen, wenn ihre Mutter (den Vater kennt es nicht) so krank wird, daß sie über lange Perioden nicht für sie zur Verfügung steht? Eigentlich garnicht und das wird erst sehr spät erkannt. Es ist eine der für mich anrührendsten Szenen im Buch gewesen, als Paula beim Psychologen ihre Familie zeichnen sollte und zwar jede Person als ein Tier. Puhhh…. Für Judith war Paula natürlich sehr wichtig, sie, die Mutter, hat viel Kraft aus Paula geschöpft. Wahrscheinlich im wortwörtlichen Sinne, denn ein kleines Mädchen ist mit so einer Aufgabe einfach überfordert. Natürlich hat Paula so gut sie es eben konnte, versucht, ihrer Mutter, der es so schlecht geht, zu helfen. Und hat dabei die eigenen Probleme lange verdecken können. Beim Psychologen werden sie offensichtlich und dann später im Kindergarten, Paula fängt auch wieder an, ins Bett zu machen. Was ein Dilemma! Bedingt auch durch das Unvermögen der Erwachsenen, Judith emotionale Halt zu geben, so daß die Mutter nur die Tochter hatte, um sich gefühlsmäßig über Wasser zu halten…..

„Sterben kommt nicht in Frage, Mama!“ ist ein beschreibendes Buch, es schildert eine Leidens- und Krankengeschichte, aber es reflektiert wenig. Erst im zweiten Teil des Buches gibt es solche Abschnitte, in denen End auch darauf eingeht, was die Krankheit für sie bedeutet, was sich für sie an Einstellungen verändert hat, welche Sachen wichtig geworden sind und welche es nicht mehr sind. Es ist ein gewisser Reifungsprozess erkennbar, insbesondere nachdem Frauen aus ihrem Bekanntenkreis letztlich an Krebs gestorben sind und ihr klar wird, wie zufällig es ist, wen es trifft…..

Judith End besteht ihre Prüfungen sehr gut, auch ihr Krebs scheint besiegt zu sein [vgl. Interview]. Ich wünsche ihr und Paula alles Gute!

Facit: auch wenn mich das Buch durch seinen eher deskriptiven Charakter „emotional“ nicht so gepackt hat wie andere Krankengeschichten, halte ich es auf jeden Fall für sehr lesenswert!

Links:

Judith End
„Sterben kommt nicht in Frage, Mama!“
Droemer/Knaur 2010, 297 S.

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6 Responses to “Judith End: „Sterben kommt nicht in Frage, Mama!“”


  1. Das zu lesen macht mir bewusst, wie glücklich man über jeden tag sein sollte, an dem man gesund aufwacht und mit denen, die einem wichtig sind, Zeit verbringen kann. Aus Erfahrung in der Familie weiß ich, wie schnell man gerade als junger Mensch durch eine Krankheit vor Unvorstellbares geworfen wird.

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    • flattersatz Says:

      Ja, es ist erschreckend, wie selbstverständlich man Gesundheit und Leben nimmt.. man schaut nur auf den nächsten Schritt, ärgert sich über den (oder freut sich…) und dann kann es sein, daß man auf einmal vor einem Abgrund steht, den man nicht hat kommen sehen und alle Schritte werden nichtig und klein..
      Du sprichst von deinen eigenen Erfahrungen… ich hoffe, daß der/diejenige Hilfe gefunden hat und vor allem einen Menschen, in den er/sie sich einfach hat fallen lassen können und über alles reden….
      lg
      fs

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      • Ja, in dem Fall ist alles gut ausgegangen :)

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      • Rudi K. Says:

        Liebe Judith, habe Sie am Freitag bei Bettina Böttinger gesehen. Ich war erschüttert über ihr Schiksal. Nun habe ich ein bischen recherchiert und wundere mich wieso in der Krebsliteratur das Buch von Gisela Friebel“ Ich habe Krebs – na und!“ nirgends auftaucht. Frau Friebel hat das selbe durch gemacht wie sie liebe Judith. Da waren sie gerade mal 2 Jahre alt,1983!Sie hat sich erfolgreich gegen so etliches gewehrt, und dann das Buch geschrieben. 13 Jahre später erschien von ihr “ Ich habe Krebs und lebe immer noch!“
        Ihr 9jähriger stellte während der Chemo damals die Frage: „Mama muß du jetzt sterben?“ Ich bin entsetzt, dass sich in der Behandlung nichts geändert hat. Ich wünsche Ihnen alles Gute und geruhsame Feiertage. Liebe Grüße aus Bad Honnef schickt Ihnen und Paula Rudi K.

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  2. Und: es ist schwer, über Krankheit und Tod zu schreiben, ohne pathetisch zu klingen. Dir ist es gut gelungen!

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