Anselm Grün: Ich bleibe an deiner Seite

Sobald ein Mensch zum Leben kommt,
ist er alt genug zum Sterben. [1]

Ich habe am Wochenende dieses Büchlein (es ist ja nicht sehr umfangreich) von Bruder Anselm Grün gefunden und natürlich auch gleich mitgenommen, denn für die Allgemeinheit geschriebene Werks zum Themenbereich „Tod und Sterben“ sind aus Theologenfeder nicht so häufig bzw. unterscheiden sich vom Inhalt her nur wenig von „Ratgebern“ anderer Fachrichtungen.

Ein vom Umfang her kleines Büchlein zu einem Thema, das mich interessiert – und doch habe ich mich schwer getan, es zu lesen. Vieles ging mir darin „gegen den Strich“.

Fang ich sachlich an und beschreibe erst einmal, welche Themenkreise Grün behandelt:

– Sterben als lebenslangen Prozess im Sinne des obigen Mottos aus dem „Ackermann“ [1]
– Sterben als spiritueller Weg
– Stationen des Sterbens
– Sterbegegleitung
– Rituale des Abschieds und der Begleitung
– Sterbehilfe
– die Auseinandersetzung mit dem Sterben als Lebenshilfe
– die Worte Jesu am Kreuz als Einweisung in ein gutes Sterben
– Trauer und Trauerbegleitung
– dto bei Kindern

Das ist schon ein ganz erheblicher Themenumfang für nicht mal 160 Seiten mit dem Anspruch, Menschen zu ermutigen, sterbende Angehörige zu begleiten.

Was hat mich an dem Buch gestört? Ich will nur ein paar Punkte herausgreifen:

Gleich am Anfang spricht er von den „Vorboten des Sterbens“ und führt als Beispiele an: die Pensionierung („.. die für manche eine Art Tod bedeutet: ….“), „…Für andere ist es eine Art Sterben, wenn sie ihre Arbeit verlieren. ..“ [s.13]
Das geht mir doch etwas zu weit. Natürlich sind das alles Verluste und wie jeder Verlust bedingen diese Ereignisse auch einen Trauerprozess, wie immer er sich auch gestalten mag. Aber Tod bzw. Sterben? Jeder Tod ist natürlich auch ein (extremer) Verlust, aber deswegen ist ja noch nicht jeder Verlust auch ein Tod…. „… Jeder Abschied ist letztlich ein Sterben. …“ stimmt eben so (Grüns Beispiele: Kinder gehen aus dem Haus und heiraten, man zieht wg. des Berufs in eine andere Stadt) nicht, Abschiede können auch Erlösungen sein… Hier hätte ich mir eine klarere Begrifflichkeit gewünscht.

Vom christlichen Verständnis her ist der Tod nur für die Körperlichkeit etwas endgültiges, der Mensch, seine Seele, wird ja in Gott wiedergeboren. Damit verliert der Tod seinen Schrecken und das Sterben wird zu einer Art im irdischen ablaufenden Läuterung und Reifung des Menschen: „..Wir dürfen vertrauen, dass im Sterben all das nachgeholt wird an innerer Reife, was wir unser Leben lang übersprungen haben. ..“ [S. 31] bzw. „.. das Sterben als Weg zu letzten Reifung des Menschen. ..“ [S. 33]. Sterben als „… spirituelle Öffnung…“ [S. 42], als „.. Ganzwerdung..“ [S. 43] bzw. als „.. Vollendung des Lebens…“ [S. 45]. Dies so zu anzunehm mag dem Gläubigen Kraft und Hoffnung geben, aber in der Allgemeinheit, in der Grün redet (er differenziert ja nicht, sondern benennt immer nur „den Sterbenden“ ohne einschränkendes oder näher bestimmendes Adjektiv) wage ich zu bezweifeln, daß diese Ausführungen in der Praxis sehr hilfreich sind.

Es ist schon seltsam, ein Buch über das „Sterben“ zu lesen, ohne daß dort im Abschnitt „Stationen des Sterbens“ der Name Kübler-Ross auftaucht. Überhaupt ist die von Grün verwendete Literatur, die er in seinem Verzeichnis anführt, sehr einseitig, es sind neben theologischer Fachliteratur im wesentlichen drei kleine, schon etwas ältere Bücher von Renz [4], Tausch-Flammer [5] sowie ein von Mettner [6] herausgegebene Zusammenfassung von Aufsätzen zum Thema (anzumerken ist, daß sowohl Renz als auch Mettner neben ihrer Fachwissenschaft auch Theologen sind). Modernere oder weltlicher orientierte Literatur wird nicht angegeben, ebensowenig wie Basiswerke wie eben das von Kübler-Ross [7]. Sowie wirkt das Kapitel aufgrund der häufigen Zitate wie ein Exzerpt des Renz´schen Buches.

Die Grün´schen Ausführungen zur Sterbehilfe haben mir dann wirklich zu schaffen gemacht:

„Passive Sterbehilfe besteht darin, dass man dem natürlichen Prozess des Sterbens seinen Lauf läßt, ihn aber dadurch unterstützt, dass man die Schmerzen lindert“ [S. 71]
„In Holland wurde die aktive Sterbehilfe unter bestimmten Bedingungen erlaubt. … Untersuchungen … haben ergeben, dass oft von den Angehörigen Druck auf die Sterbenden ausgeübt wird, sie sollten doch aktive Sterbehilfe in Anspruch nehmen. … Man will die hohen Pflegekosten nicht bezahlen.“ [S. 72] Natürlich (?) führt Grün keinerlei Quelle oder Nachweis für diese Behauptung auf, Erfahrungen, daß aktive Sterbehilfe, wo sie gesetzlich möglich ist, keineswegs verantwortungslos und exzessiv in Anspruch genommen wird [8], erwähnt er natürlich (?) nicht.
„Wenn die Leidenden ausgerottet werden.“ [S. 73]
„Statt aktiver Sterbehilfe ist es unsere Aufgabe, die Sterbenden zu begleiten und in der Begleitung ihnen die Möglichkeit zu geben, über ihr Leiden und über ihren Sterbeprozess zu sprechen.“ [S. 78]
„Die aktive Sterbehilfe… das Sterben muss möglichst schnell vonstattengehen, damit er [i.e. der Sterbende] sich ihm nicht stellen muss.“ [S.79]

Genug der Zitate. Mag sich jeder seinen Teil dazu denken.

Mir reicht es jetzt auch an Text zu diesem Buch, das den Tod und das u.U. schmerzvolle Sterben als erdgewordenes Purgatorium ansieht, über das man in das Licht Gottes eingeht. Die abschließenden Kapitel über Trauer und Trauerbegleitung sind im selben Tenor gehalten und bieten wenig praktische Hilfe, es sei denn, diese grundlegenden Gedanken selbst sind schon Hilfe. Was ich mir aber bei der Mehrzahl von Menschen kaum vorstellen kann.

Facit: Als Facit greife ich einfach auf eine in seinen Schlussgedanken wiedergegebene Formulierung von Grün in Bezug auf Tauerseminar, die er regelmäßig abhält, zurück: „Ich merke, dass da meine gelernte Theologie nicht weiterhilft.“ Eben. Dieses Büchlein auch nicht.

Links:

[1] aus: J. von Tepl: Der Ackermann
[2] Kurzportraits von Pater Anselm Grün in der FAZ
[3] Monika Renz: Was ist gutes Sterben? NZZ, 28.03.2008
[4] Monika Renz: Zeugnisse Sterbender, 2001
[5] Tausch-Flammer: Sterbenden nahe sein, 1993
[6] Matthias Mettner: Menschwürdiges Sterben, 2001
[7] Kübler-Ross wird dann aber im Kapitel über Sterbebegleitung erwähnt mit ihren „…vier Phasen des Sterbens..“ (kein Schreibfehler, es steht tatsächlich „vier“ da). vgl: Elisabeth Kübler-Ross: Interviews mit Sterbenden
[8] siehe Ridder oder bei Wanzer/Glenmullen

Anselm Grün
Ich bleibe an deiner Seite
Sterbende begleiten, intensiver leben
Vier-Türme-Verlag 2010, ca. 156 S.

4 Kommentare zu „Anselm Grün: Ich bleibe an deiner Seite

  1. Zitat: „Auch die beiden Zahlen von Tötungen aus dem Jahr 2001, die in deinem Kommentar genannt werden, kann ich in dem Lancet-Bericht nicht finden.“
    Diese Zahlen sind in der 1. Tabelle im Lancet-Bericht, welcher für die Euthanasie auf Wunsch 2,6%, für die Suizidbeihilfe 0,2% und für die Tötung ohne ausdrücklichen Wunsch 0,7% aller Todesfälle in den Niederlanden angibt – der Rest ist dann einfache Mathematik.
    Zitat: „Request bedeutet aber eher “Anforderung” als “Einwilligung”.“, das ist ein bißchen Wortklauberei, denn letztlich sagt dieser Wert aus, dass Menschen getötet wurden, die um den Tod nicht gebeten (ihn nicht angefordert) haben und es bleibt eine erschreckende Tatsache, dass dies in so hoher Zahl in den Niederlanden möglich ist.
    Es wäre schön, wenn es neuere Quellen gäbe als 2001, aber der aktuelle Bericht 2009 schlüsselt die Zahlen nicht mehr so klar in angeforderte oder nicht angeforderte Tötungen auf – ob dies ein Zufall ist?

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    1. Zitat: “Request bedeutet aber eher “Anforderung” als “Einwilligung”.”, das ist ein bißchen Wortklauberei, denn letztlich sagt dieser Wert aus, dass Menschen getötet wurden, die um den Tod nicht gebeten (ihn nicht angefordert) haben und es bleibt eine erschreckende Tatsache, dass dies in so hoher Zahl in den Niederlanden möglich ist.

      Das seh ich schon ein wenig anders. Und ich bin eher wortklauberisch als daß ich durch Vermengung und ungenaue Begrifflichkeiten (implizit) einen auch moralisch sehr schwerwiegenden Vorwurf äußere, daß nämlich ohne Einwilligung, d.h. u.U. gegen den Willen, getötet wird.

      „without a patient’s explicit request” kann dagegen durchaus bedeuten, daß grundsätzlich vom Patienten Fälle definiert sind, in denen eine Sterbehilfe erwünscht ist, er in der konkret vorliegenden Situation aber nicht mehr in der Lage ist, diesen Wunsch einzufordern (Koma o.ä.). Wie ich oben in meinem Kommentar geschrieben habe, müsste man in so heiklen Begrifflichkeiten wirklich wissen, was (i) der Fragesteller damit meint und was (b) die Gefragten darunter verstanden haben.

      Und um zurückzugehen auf den Vorwurf, den ich Bruder Anselm in meiner Buchvorstellung gemacht habe: daß durch die Tötungen auf Verlangen von Verwandten Pflegekosten gespart werden sollen, kann ich dem Bericht nun wirklich nicht entnehmen.

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  2. Auch wenn Anselm Grün keine Quellen für seine Aussagen über die Sterbehilfe in den Niederlanden aufführt, so sind seine Behauptungen leider wahr. So wurden im Jahr 2001 983 Menschen in Holland getötet, ohne dass eine explizite Einwilligung vorlag, dies ist bei insgesamt 4914 Tötungen eine sehr hohe Zahl (Quelle: The Lancet 8/2003). Falsches Mitleid mit dem Patienten wäre hier sicherlich die wohlwollenste Erklärung. Auch steigen die Zahlen der Tötungen in den letzten Jahren deutlich an (Quelle: Jahresberichte der Kontrollkommissionen).

    Weitere Fakten zur Sterbehilfe in Holland: http://www.cdl-rlp.de/Unsere_Arbeit/Sterbehilfe/Sterbehilfe-in-Holland.html

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    1. Danke für den Kommentar.

      Der entsprechende Lancet-Artikel, der leider ja auch schon nicht mehr aktuell ist, sagt – zumindest habe ich es nicht gefunden – nichts über die Motivation (Einsparung von Pflegekosten) aus. Auch die beiden Zahlen von Tötungen aus dem Jahr 2001, die in deinem Kommentar genannt werden, kann ich in dem Lancet-Bericht nicht finden.

      Du schreibst: „.. ohne dass eine explizite Einwilligung vorlag.. “

      Im Lancet-Artikel steht „..Ending of life without a patient’s explicit request..“ Request bedeutet aber eher „Anforderung“ als „Einwilligung“. In den beiden Begriffen sehe ich schon einen Unterschied. Außerdem ist es interessant, wie der Bericht den Begriff „Ending of life without a patient’s explicit request“ überhaupt definiert, nämlich einfach als Restmenge der Fälle, die nicht unter einen der explizit aufgeführten Punkte fallen.

      Ich denke, man sollte wirklich in die Originalquellen gehen und sehen, was dort steht, bevor man sich ein abschließendes (?) Urteil bildet. Und schauen, ob es nicht aktuelleres gibt….

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