Eshkol Nevo: Wir haben noch das ganze Leben

Wir treffen Entscheidungen und werden dann zu
Sklaven unserer eigenen Entscheidungen.
Und je mehr wir
uns anstrengen, sie zu verwirklichen,
desto weniger fällt uns auf,
daß sie in der Zwischenzeit irrelevant geworden sind.

Vier junge Männer in Tel Aviv, die die Fussballweltmeisterschaft 1998 schauen: Orfi, Juval, Amichai und Churchill. Die vier sind seit Schulzeiten eine eingeschworene Gemeinschaft und ihre Clique ist für jeden der Mittelpunkt ihrer Welt. Amichai ist der mit den skurrilen Ideen, die ihm Churchill, die Leitfigur des Quartetts meist schnell wieder ausredet. Aber diese Idee nicht: „Was ich mir gedacht habe, ist, daß jeder auf einem Zettel notiert, wovon er träumt, wo er in vier Jahren sein will.„. So schreiben die vier jungen Männer ihre Wünsche auf ihre Zettel und geben sie Amichai, der als einziger eine Familie hat, zur Aufbewahrung.

Der israelische Autor Nevo läßt nun im folgenden Juval Fried, den stillsten der vier, den philosophischsten, die Geschichte dieser Männer in den nächsten Jahren erzählen. Erst ganz zum Schluss gibt er die Auflösung, warum die Geschichte erzählt wird, obwohl gleich zum Beginn des Buches klar ist, daß dem Erzähler etwas passiert sein muss.

Die Geschichte von vier Männern in Israel wird uns erzählt. Obwohl der politisch/militärische Konflikt nur am Rande erwähnt wird, wird doch klar, daß er unterschwellig auch in den Menschen am Brodeln ist, egal, ob es sich um traumatische Erlebnisse aus der Militärzeit handelt oder um die Erfahrungen, die das tägliche Leben in der Intifada mit sich bringt. Gerade die Beiläufigkeit, mit der Nevo diesen Konflikt nur ab und an erwähnt, zeigt, wie sehr er zum Alltagsleben der Menschen dort gehört. (Bezeichnenderweise ist es im Verlauf der Geschichte dann auch gerade die Dänin Maria und keiner der Israelis, die sich politisch engagieren.)

Es ist ein Roman um den Wert der Freundschaft, um die Schwierigkeit, seinen Platz im Leben zu finden und seine Aufgabe, es ist ein Roman, der zeigt, wie man zerbrechen kann, wenn man sich auf nur ein Ziel so konzentriert, daß man sich durch dieses Ziel definiert. So ist Juval Fried, der Erzähler, auch die zentrale Person des Romans. Seine drei Wünsche kreisen alle um Jaara, die von ihm vergötterte Frau, die ihm alles im Leben ist. Bald aber bleibt ihm nur noch ihr roter Socken mit dem gelben Rand und die Hoffnung, daß sie Churchill, seinen Freund, der sie ihm ausspannte, wieder für ihn verlassen wird. Die Freundschaft mit Churchill leidet darunter, aber sie zerbricht nicht, es dauert eine Zeit, bis beide Männer wieder miteinander umgehen können, aber sie brechen ihren Kontakt nicht ab. Vielleicht aber auch bleibt diese Freundschaft auch bestehen, weil Juval nur so mit Jaara in Verbindung bleiben kann?

„Ich bin noch nie einem Menschen begegnet, der so viel über seine Freunde redet, der Frauen, mit denen er ausgeht, ihre Fotoalben zeigt und in der Wohnung gerahmte Fotos von ihnen aufhängt anstatt Bilder.
Wenn ich deine Trainerin wäre, würde ich sagen, du bist der klassische
Fall des  Zug-auf-dem-Nebengleis-Paradigamas.
Zug auf dem Nebengleis?
Wenn dein Zug im Bahnhof steht und der Zug auf dem Nebengleis
sich in Bewegung setzt,hast du den Eindruck, dein Zug fährt los.
Aber er bewegt sich in Wahrheit garnicht.
Das Ganze ist nur eine optische Täuschung.
Was genau versuchst du mir zu sagen?
Nichts. Nur wenn ich deine Trainerin wäre, würde ich sagen,
daß du das Leben deiner Freunde lebst anstatt dein eigenes.“

Während sich Juval also nach der Katastrophe seinem Traum hingibt und sein eigenes Leben vergisst, trifft dies für seine Freunde nicht zu. Auch diese erleben ihre eigenen Brüche beruflicher und privater Art, aber sie schaffen es, dies positiv zu nutzen, ihre Ziele umzudefinieren, ihr Leben neu zu gestalten. Sie werden erwachsen, eigenverantwortlich und selbstständig. Auch für sie bleibt Freundschaft sehr wichtig, auch für sie ist gibt es Lebenskatastrophen, aber trotzdem schaffen sie es, sich ihr Leben aus sich selbst heraus zu gestalten, indem sie es an den neuen Gegebenheiten orientieren. Sie lassen zu, daß das Leben ein Prozess ist, der im stetigen Fluss befindlich von einer Minute auf die andere Art alles ändern kann und das Ziele, die heute wichtig sind, morgen irrelevant sein können. Und während Juval an seinem Ziel festhält, auch als es schon längst ein Trugbild geworden ist (was er eines Tages bitter erfahren muss) und so scheitert, reifen die anderen drei an ihrem Leben.

Es ist ein traurig stimmendes, melancholisches, wehmütiges Buch über das Schicksal und die Art, damit umzugehen. Wer ist man selbst, ein Juval, der die Augen zumacht und sich das Leben zusammenwünscht oder ein Orfi, der das Leben entdeckt und in seinen Möglichkeiten annimmt? Scheitert man am Leben, wurstelt man sich durch oder gestaltet man es und nutzt die Möglichkeiten? Solche Gedanken mögen einem beim Lesen der Geschichte kommen…. Es sind sympathische Figuren, die Nevo auftreten läßt, bei all ihren Fehlern, die sie (besonders Churchill) haben, es sind Menschen, die in tiefer Freundschaft miteinander verbunden sind und während Liebe vergehen kann, bleibt diese Freundschaft bestehen….

Facit: ein schönes, tiefsinniges Buch über das Leben, die Freundschaft und die Liebe.

P.S.: das die eingangs erwähnten Wünsche nicht, zumindest so nicht, in Erfüllung gehen, muss man wohl nicht extra erwähnen….

Links:

Interview mit Nevo in der ZEIT
Videorezension von lettratv
Videorezension von mayersche.de

Eshkol Nevo
Wir haben noch das ganze Leben
dtv, 2010, 440 S.

Kurzlink zum Beitrag: http://wp.me/paXPe-20j

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