Haruki Murakami: Gefährliche Geliebte

26. September 2010

Der japanische Autor Murakami hat auch hierzulande seine treue Fangemeinde und aus diesem Kreis kam die Empfehlung an mich, zum Kennenlernen die „Gefährliche Geliebte“ von ihm zu lesen.

I did it.

Es ist im Grund eine ganz banale Geschichte. Hajime ist ein Enddreißiger, Besitzer zweier Jazz-Clubs in Tokio, verheiratet mit Yukiko, die er liebt und mit der er zwei Töchter hat. Er betreibt die beiden Clubs mit viel Geschick und Einfühlungsvermögen, von den Geschäften seines Schwiegervaters, eines Baulöwen, versucht er sich so gut es geht, fernzuhalten. Er führt das relativ sorgenfreie Leben eines erfolgeichen Geschäftsmannes, dem materielle Sorgen fremd sind. Und trotzdem.

Es fehlt ihm etwas, und was das ist, erkennt er, als (durch einen Zeitungsbericht über seine Clubs aufmerksam geworden) Shimamoto in seinem Club auftaucht, das Mädchen, mit dem er vor Jahrzehnten als Junge befreundet war….

Damals, Anfang der 50er Jahre noch sehr ungewöhnlich in Japan, war Hajime als Einzelkind ein Aussenseiter und so kam er in der Schule mit Shimamoto zusammen, ebenfalls ein Einzelkind, zudem noch gehbehindert. Beide hatten ähnliche Interessen, fanden Gefallen an Gesprächen und hörten stundenlang westliche Musik. Noch zu jung, um es benennen und begreifen zu können, waren sie ineinander verliebt. Als Hajime aber mit seinen Eltern umzog und die Schule wechselte, verloren sie sich aus den Augen.

Als Halbwüchsiger freundet er sich mit Izumi an, einem lieben, etwas zurückhaltendem Mädchen. Doch als er deren Cousine trifft, begegnet ihm zum ersten Mal bennenbar das, was Hajime „Magnetismus“ nennt, die unerklärliche Anziehungskraft einer Frau auf ihn, die nicht auf Äußerlichem beruht, sondern die einfach ist. Natürlich merkt Izumi, daß Hajime sie belügt und betrügt und sie zerbricht daran.

Und nun, ein Vierteljahrhundert danach, nach einigen Irrungen und Wirrungen eines anfangs durchschnittlichen Lebens, das dank einer Fügung und der Bekanntschaft und Hochzeit mit Yukiko eine glückliche Wendung hinein in die wohlsituierte Mittelklasse genommen hatte, sitzt Hajime in seiner Bar an der Theke und tifft dort auf Shimamoto.

Marukami läßt eine sehr geheimnisvolle Shimamoto auftreten. Materiell wie Hajime wohl ohne Sorgen, verrät er uns ebensowenig wie seiner Hauptperson etwas erfährt nichts von ihrem Leben. Ein Kind hatte sie wohl bekommen, das aber kurz nach der Geburt gestorben ist, und auch sie selbst scheint sehr krank zu sein. Hajime spürt den unbedingten Drang zu Shimamoto, sein ganzes Leben gerät aus den Fugen. Zwar kann er eine Zeitlang die äußere Fassade aufrecht erhalten, aber in seinem Inneren ist er bald bereit, alles für Shimamoto aufzugeben. Diese – obwohl sie Hajime ähnlich stark zu begehren scheint – wirkt kompromissloser, entweder läuft es nach ihren Regeln oder garnicht. Oft läßt sie Hajime wochenlang alleine, ohne daß dieser sich sicher sein kann, daß er sie wiedersehen wird.

Obwohl sich die beiden über Monate hinweg treffen und begegnen, verleben sie nur eine einzige Liebesnacht miteinander, danach verschwindet Shimamoto ohne Erklärung, so wie sie Monate vorher erschienen ist und läßt einen verzweifelten Hajime zurück…..

So weit, so gut.

Hajime begegnet dem großen Lebensrisiko, das jeder eingeht, der sich mit einem anderen Menschen zusammen auf ein gemeinsames Leben einläßt: er trifft auf einen anderen, der nicht nur diese und jene, sondern alle Saiten in ihm zu klingen bringt. Aber er ist nur um einen hohen Preis zu haben, das bisherige Leben verlassen, zurücklassen und in ein neues Leben zu springen, ohne zu wissen, was wird.

Zweimal läßt Murakami Hajime in solche eine Situation kommen: beim ersten Mal drückt Hajime sich vor der Entscheidung, er überläßt sie dem Zufall, ob das Flugzeug, in dem er mit Shimamoto sitzt, trotz Schneesturm starten kann oder nicht. Und als er bei der zweiten Gelegenheit bereit ist alles hinter sich zu lassen – läßt ihn Shimamoto allein. Es bleibt dahingestellt, wo sie ist, wohin sie gegangen sein mag…

Murakami formuliert die Frauen in seinem Roman so schwach aus, daß ich mich frage, wofür sie im Grunde stehen. Die ältere Shimamoto reduziert sich auf ihr Lächeln, ihr Aussehen, nichts von ihrer Geschichte wird erzählt bzw. erklärt. War sie überhaupt real? Oder ist sie nur die Personifizierung der inneren Unruhe, der Zweifel, der Suche Hajimes nach dem, was ihm fehlt? Hajime steht an einem Scheidepunkt seines Lebens: er kann Shimamoto nicht halten, sie im Leben nicht an sich binden (die Figur der Frau ist eng mit dem Tod verknüpft, aber den Gedanken kann ich momentan nicht schlüssig entwickeln…) und hat jetzt die „Wahl“, an diesem Verlust des Idealen zu verzweifeln oder an ihm zu wachsen und sich seinem realen Leben mit seiner Frau, der Familie und den Geschäften zu stellen. Wie er sich auch immer entscheidet, ein Abschnitt seines Lebens ist mit dieser Liebesnacht und dem Verschwinden Shimamotos vorbei.

Eine weitere Figur, auf die soweit ich in anderen Besprechungen gelesen habe, kaum eingegangen wird, die mich aber sehr interessiert und von der ich bedaure, daß auch Murakami sie sehr stiefmütterlich behandelt, ist Izumi, die erste Freundin Hajimes. Diese wird ja von ihm belogen und betrogen, was er selbst nicht so ernst nimmt, da sich seine erotischen Eskapaden nur auf das Bett, nicht aber auf Gefühle beziehen. Izumi jedoch, so wird es sich zeigen, nimmt irreparablen Schaden an diesem Zerwürfnis. Murakami läßt sie noch einmal im Buch erscheinen und zwar just zu der Zeit, in der Hajime auch Shimamoto wieder sieht. Und er zeigt sie als eine Art lebender Hülle, die nach aussen hin keine Regung zeigt und keinen Ausdruck mehr im Gesicht hat, eine Frau, vor der die Kinder Angst haben. Izumi ist innerlich gestorben an Hajimes jugendlichem Verrat und damit geradezu eine Antagonistin zur geheimnisvollen Shimamoto. Aber auch bezüglich dieser Frau bleibt fast alles im Geheimnisvollen ungesagt.

Die Handlung also die Lebensgeschichte eines japanischen Mannes, der nolens volens in seine midlife crisis schliddert. Leise, melancholisch und nachdenklich geschildert läuft die Handlung ohne große Aktionen ab, Jazzmusik und BMW, Sommerhäuser und Cocktails geben den Rahmen einer gut situierten Gesellschaftsschicht ab. Gesellschaftskritisches nur rudimentär streifend ist der Roman leicht übertragbar auch auf andere Länder und nicht unbedingt spezifisch für Japan, das komplizierte Innenleben eines Mannes, dessen Mitte sich auflöst, wird nachvollziehbar dargestellt. Inwieweit die Sprache der deutschen Übersetzung für Murakami charakteristisch ist, ist fraglich, denn (andere haben schon darauf hingewiesen), dieser Roman wurde auf dem Umweg über die englische Adaption ins Deutsche übertragen.

Facit: Ob Mann sich in dem Roman wiederfinden kann, muss jeder selbst entscheiden. Für mich war es jedenfalls ein guter Einstieg (abgesehen von der Übersetzungsproblematik) in die Bücher Murakamis.

Anmerkung:

Über die Diskussion zu diesem Buch kam es 2000 zu einem Eklat im Literarischen Quartett

Haruki Murakami
Gefährliche Geliebte
btb, diverse Ausgaben

Advertisements

2 Responses to “Haruki Murakami: Gefährliche Geliebte”


  1. Lieber Flattersatz,

    draußen ist es kalt und grau (mittlerweile dunkel), aber ich lächle, weil ich mich über deine schöne Rezension freue. Ich bin natürlich auch froh, dass der Murakami-Einstieg hiermit geglückt ist. Mich hat damals, als ich das Buch gelesen habe, vor allem die Sprache fasziniert und die Stimmung. Um so spannender war es, deinen Eindruck zu lesen. Was wirst du als Nächstes lesen wollen? Mister Aufziehvogel?

    Liebe Grüße zum Abend

    Klappentexterin

    Gefällt mir

    • flattersatz Says:

      liebe klappentexterin,

      hab herzlichen dank für deine worte, sie sind mir viel wert!
      du fragst, was ich als nächstes von murakami lesen werde.. nun, im moment ist meine zeit zum lesen etwas knapp bemessen und mein sub ruft nach mir (als ich meine buchhandlung heuer wieder verließ – ich schwöre, ich bin nur zum guten-tag-sagen rein! – sah ich an mir herunter und erblickte schon wieder zwei neue bücher in der hand…. ;-) ) und ich muss erst einmal schauen. aber wenn, würde mich die wilde schafsjagd interessieren, weil es da auch einen bezug gibt zu meinem leben….

      ich sende dir liebe grüße für ein schönes und sonniges wochenende!
      fs

      Gefällt mir


... und deine Meinung?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: