Cesarina Vighy: Mein letzter Sommer

Mit einer Diagnose wie ALS [1] fängt unweigerlich ein neuer Lebensabschnitt an. Die Lebenserwartung ist stark verkürzt, in manchen Quellen wird ein typischer Zeitraum von 3 bis 5 Jahren bis zum Tod angegeben. Der körperliche Zustand wird immer schlechter werden, Heilungsmöglichkeiten gibt es nicht. Da die geistigen Fähigkeiten erhalten bleiben, sieht man sein Leben wie in einer umgedrehten Sanduhr verrinnen, man weiß um das Kommende und kann nichts aufhalten.

Mir ist gesagt worden, man müsse versuchen, auch im dunkelsten Moment, in der schwersten Stunde einen positiven Aspekt zu sehen, weil dieser, so klein er auch sein mag, Halt geben kann und auch Hoffnung. Es ist wie ein einzige Kerze, die auch in einem riesigen dunklen Raum sichtbar ist und auf die man zuläuft, um dort, in ihrem begrenzten Lichtschein, innehalten zu können. Was also könnte die Kerze sein bei einer solch vernichtenden Diagnose? Vielleicht die Freiheit, die sie gibt: sie ist so unabwendbar in ihrem Verlauf, in ihrem Ende, daß man als Betroffener nicht mehr gezwungen ist, Konventionen einzuhalten (und damit meine ich jetzt nicht „Benehmen“ á la Knigge). Man muß keine falschen Rücksichten mehr nehmen, man kann wahr sein, auch vor sich selbst. Man kann offen Rechenschaft ablegen über sich und sein Leben, man kann ins Reine kommen mit sich, seinem Leben und seinen Lieben, man kann schauen, daß keine Konflikte in der Seele verborgen bleiben, die einem die innere Ruhe rauben könnten.

Und dies macht Vighy in ihrem „Letzten Sommer“. Sie betrachtet ihr Leben, in das sie 1936 in Venedig eintrat und welches im Mai 2010 in Rom endete [2]. An den Beginn ihrer Geschichte setzt sie den widerlichen Vater ihrer Mutter, den Großvater zu nennen sie sich weigert und dessen Erziehungsmethoden – so steht zu vermuten – sich über die Mutter auch bei der Enkelin auswirken. Dieser Mann misshandelt ihre Mutter an Seele und Körper und doch findet die Mutter die Kraft, sich gegen ihre Familie zu ihrer Liebe zu bekennen, einem verheirateten Rechtsanwalt. Lange dauert es, bis die beiden auch offiziell ein Paar werden können, Amelia, das alter ego der Erzählerin, ist damals schon lange auf der Welt. In Padua, in einer Pension, lebt das Mädchen die ersten Jahre mit ihrer Mutter, sie wird von den Gästen als das „meistgeliebte Kind der Welt“ groß gezogen.

Der Vater schreibt im ausbrechenden Krieg Flugblätter, wird verfolgt und inhaftiert. Nach dem Krieg lebt die Familie dann in Venedig. Amelia wächst als leicht verzogenes Kind heran, durch die Eigenheit der Mutter, ihr mehr oder weniger alle Entscheidungen abzunehmen und über sie zu bestimmen, leidet ihr Selbstbewusstsein, sie wird ein wenig zur Aussenseiterin. So kann sie ein schon etwas älterer Frauenheld, ein Don Giovanni, wie sie ihn nennt, umgarnen, die Folgen dieser Affäre müssen dann in Venedigs dunkler Schwesterstadt Padua abgetrieben werden.

Amelia lernt die Schauspielerei kennen und ist dort erfolgreich, sie studiert aber Literatur. Sobald möglich, entflieht sie dem Elternhaus nach Rom, der Stadt, die sie liebt und in der sie den Rest ihres Lebens verbringen wird, privat verheiratet und Mutter einer Tochter sowie beruflich in einer Bibliothek arbeitend.

Sie stürzt ab und zu, sucht einen Neurologen aus, macht Tests, nimmt Medikamente die nicht helfen, ein neuer Neurologe wird konsultiert, sieben insgesamt an der Zahl, bis endlich die Diagnose ALS gestellt ist. Mit dem Kürzel kann sie nur wenig anfangen, naiv ist sie froh, daß ihre Beschwerden endlich einen Namen haben. Sie, die immer gesund war, die keine Kranheiten kannte, die sich noch nicht einmal schmerzende Zähne ziehen lassen wollte, um ihrem Körper nichts zu stehlen, verweigert sich der Diagnose. Erst langsam dringt die Krankheit mit ihren Folgen, die nicht zu leugnen sind, die sie täglich und nächtlich immer stärker spürt in ihr Bewusstsein, merkt sie, was diese für sie bedeutet. Verfall, die körperliche Abhängigkeit von anderen Menschen, der immer schmaler werdende Korridor, durch den Kommunikation mit anderen möglich ist.

Durch die Schilderungen dringt oftmals ein Anflug von (verständlicher) Wut und Verzweifelung, das Schicksal annehmen oder dagegen zu kämpfen: eins für sie so unmöglich wie das andere. So läßt sie, der ihr im Jetzt noch wenig mehr als das Beobachten der Vögel vor ihrem Fenster bleibt, ihr Leben noch einmal an sich vorüber ziehen, zieht Resumee über Erfolge und Versagen, gewinnt Klarheit über das, was versäumt oder verfehlt wurde, aber auch über das, was gut und richtig war. Sie scheint ihren Frieden zu finden, die letzten Kapitel klingen versöhnlicher und zum Schluss kann sie, die bekennende Misanthropin, ihrer Familie sagen: „Ich habe sehr viel Glück gehabt.“ Mit euch und meinem Leben soll das wohl heißen….

Facit: Dies autobiographische Buch ist zweierlei: eine Lebensgeschichte im Italien des letzten Jahrhunderts und das Protokoll einer Frau, die versucht, in ihrer Krankheit Frieden zu finden und Mensch zu bleiben.

Links:

[1] Infos zur Krankheit
der Wiki-Artikel zur ALS
[2] Biographische Angaben zu Cesarina Vighy

Cesarina Vighy
Mein letzter Sommer
Hoffmann und Campe, HC, 2010,

2 Kommentare zu „Cesarina Vighy: Mein letzter Sommer

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