Zülfü Livaneli: Glückseligkeit

28. August 2010

In seinem Buch „Glückseligkeit“ schildert Livenali [1] einen wenige Wochen umfassenden Zeitraum im Leben dreier Türken. Das ist zum einen Meryem, ein junges Mädchen, das im Osten der Türkei am Van-See in alten Familienstrukturen lebt. Wie für alle Frauen dort gilt auch für sie eine Art „Erbsünde“: das Frausein an sich ist Schuld. Als 15jährige besudelt sie die Ehre ihrer Familie: sie wird von ihrem Onkel, dem gestrengen Dorfgeistlichen, vergewaltigt. Sie wird in einen dunklen Keller gesperrt, mit einem Seil, mit dem sie die Ehre der Familie wieder herstellen soll. Aber sie bringt sich nicht um, naiv und künstlich dumm gehalten wie sie ist, setzt sie all ihre Hoffnung auf die nahe Stadt Istanbul in die man sie dann schicken will und die so unendlich schön sein muss, da keins von den Mädchen, die dort hingegangen sind, jemals wieder in das Heimatdorf zurückgekommen sind….

Cemal ist ihr Cousin, ein Spielkamerad aus den glücklichen Tagen, bevor Meryems anfing, Frau zu werden. Er, ein paar Jahre älter, wird zum Militär eingezogen und dient seine zwei Jahre im Kurdengebiet. Es sind Jahre, die durch Härte geprägt sind, durch Angst, Todesangst, durch Befehl und Gehorsam, Jahre, in denen er lernt, zu gehorchen, ohne zu fragen, das eigene Denken abzustellen. Sein Selbstbewusstsein ist an die Uniform gekoppelt, ohne sie fühlt er sich nackt. So wird er nach den zwei Jahren in seinem Heimatdorf zwar als Held empfangen, aber ohne seine Insignien ist er ein total verunsicherter, ängstlicher Mann, der in der zivilen Umgebung nicht mehr klarkommt.

Die Familie schickt ihn zusammen mit Meryem nach Istanbul, dort soll er, der noch nicht einmal fragt, warum, die Ehre der Familie wieder herstellen.

Die dritte Hauptperson des Buches ist Irfan Kurudal, ein durch Heirat wohlhabend gewordener Istanbuler Akademiker. Seit Monaten von Alpträumen und Ängsten geplagt erkennt er sein Leben als verlogen und hohl an, an Äußerlichkeiten orientiert, oberflächlich und seicht. Die Modezeitschriften und wer-mit-wem sind ihm und seiner Gesellschaftsschicht wichtiger als grundlegenden Fragen des Lebens. Er fühlt sich ohne Wurzeln, die alten Wurzeln der Türkei nähren ihn nicht mehr, der Westen andererseits bietet ihm keinen Halt. Er sieht seine einzige Chance, wieder zur Besinnung zu kommen, darin, alles hinter sich zu lassen, alle Brücken abzubrechen und es seinem Jugendfreund Hidayet nachzumachen, der damals ein Boot genommen hat und losgesegelt ist, um sich und die Welt zu erforschen.

Drei Menschen also auf der Reise, dieses uralte Motiv des Aufbruchs, der Veränderung.

Für Meryem ist alles neu auf der Reise. Zum ersten Mal trifft sie Menschen außerhalb ihres Dorfes und auch wenn Istanbul nicht hinter dem Hügel liegt, wie sie glaubte, ist für sie alles faszinierend. Eine neue Welt öffnet sich für sie, sie isst in normalen Restaurants, wenn der Bus Stop macht, sie sieht in der Bahn, daß es Liebespaare gibt, die sich berühren, sie sieht Frauen mit offenen Haaren. Je weiter sie weg kommen von ihrem Heimatort, desto freier wird das Leben um sie herum und sie geniesst es – und es fällt ihr auf, wie schäbig sie aussieht in ihrem alten, verschlissenen Klamotten, dem Dreck, der sich ihr eingeprägt hat.

Celam dagegen erstarrt, er nimmt die neuen Eindrücke zwar wahr, aber er reagiert mit Abschottung. Er spricht nicht mit Merydem, er träumt nur davon, wieder in die Heimat zurück zu kehren. Ihm ist alles ein Ekel, und so wie Merydem alles in sich aufsaugt und die neuen Verhaltensweisen adaptiert, so verloren ist er.

In dem Moment, in der seinen Plan, Merydem umzubringen, verwirklichen will, bricht er zusammen zu einem Häuflein Elend. Das, was er als Soldat gelernt hat, kann er nicht durchführen von Angesicht zu Angesicht. Er „versagt“ und wird dadurch zum Ausgestossenen, denn so kann er natürlich auch nicht in die Heimat zurück. Ein ehemaliger Militärkamerad, den er in Istanbul besucht, versucht ihm zu helfen, indem er ihn mit einem Iman zusammenbringt, der ihm erklärt, daß der Islam eine humane Religion ist, die das Töten von Menschen verbietet. Aber Celam ist zu sehr in alten Denkweisen verhaftet, um dies in seinem Inneren wirklich anzunehmen, nur kurzzeitig kann er sich damit beruhigen.

Die drei treffen in einer der wunderschönen Ägäisbuchten aufeinander. Celam und Merydem konnten dort in einer Hütte für ein paar Tage Unterschlupf finden, Irfan steuerte die Bucht aus Neugier an. Sie lernen sich kennen und Celam und Merydem fahren mit auf dem Boot und arbeiten für Irfan. Dieser fängt ohne Hintergedanken an, Merydem zu verwöhnen und für sie zu sorgen. Für das Mädchen ist es das erste Mal, daß ihr jemand Essen kocht, ihr jemand das Glas einschenkt, ihr jemand Kleider kauft. Und es gefällt ihr. Sogar westliche Kleidung trägt sie nach einigem Zögern und sie fühlt sich gut darin, im Gegensatz zu Celam, dem in Shorts der letzte Rest Autorität davon schwimmt.

So nähern sich die drei dem Ziel ihrer Reise und es ist keine Überraschung, daß die Frau die starke ist und der Mann, wenn er nicht mehr durch die archaische Struktur die Macht in der Hand hält, versagt [2]. Und sehr schön hat Livaneli auch dafür gesorgt, daß Merydem ihre Wurzeln nicht verliert, im positiven Sinn nimmt sie ihre Tradition an, ohne sich durch sie zu begraben.

So ist das Buch von Livaneli im doppelten Sinn eine Reisebeschreibung: es ist die Schilderung der äußeren Reise, die Celam mit Merydem sowie Irfan unternehmen, aber auch die innere Reise, die Selbsterforschung ist Thema der Geschichte. Und in diesem Rahmen zögert der Autor nicht mit Kritik an der türkischen Gesellschaft. Im westlichen Teil prangert er durch Irfan die Oberflächlichkeit und das profane Streben nach Anerkennung an, im östlichen Teil sind es die archaischen, menschenverachtenden Familienstrukturen und -traditionen, die verhindern, daß die Türkei ein normales Land werden kann. Und Livaneli benennt auch die politischen Brandherde: den Völkermord an den Armeniern [3](.. die auf einmal einfach nicht mehr da waren.. ein großer Wind hat sie davon getragen.. so die Volksmär..) oder das Leugnen einer kurdischen Kultur. Dazu eine auf Hass getrimmte Armee und die stillschweigende Entvölkerung ganzer Landstriche dadurch, daß man die Dörfer abbrennt und die Menschen so vertreibt und weiteren Hass sät… all das verbrämt er nicht, sondern benennt es. Sicher nicht zur Freude der offiziellen Türkei.

Die Sprache Livanelis ist oft poetisch, er gebraucht viele Bilder, Träume kommen oft vor bei ihm, passend zur Innenschau, der sich seine Figuren unterziehen. Die gehörige Portion Selbstmitleid, die er uns bei Irfan schildert, ist mir persönlich manchmal etwas viel gewesen, andererseits ist Irfan als Intellektueller komplizierter angelegt und sein Entschluss, alles aufzugeben, verlangt auch – und führt zu – vermehrten Zweifeln und Grübeln.

Wie endet das Buch? Für jeden der drei unterschiedlich, und auch wenn Celam (als Symbol für den Osten der Türkei) sicherlich die schlechtesten Voraussetzungen hat, die Chance, was für sich zu ändern, hat er auf jeden Fall erhalten… Merydem und Irfan.. das verrat ich hier jetzt nicht….

Facit: ein sehr plastisches und eindringliches Bild zur Zerissenheit der Türkei zwischen Vorgestern und Heute. Für jeden, den das Land interessiert, ist das Buch ein Gewinn.

Links:

[1]Wiki-Übersichtsartikel zum Autoren
[2] hier könnte man jetzt noch einmal bei Kelek schauen: Die verlorenen Söhne, die das (für die Verhältnisse in Deutschland) ja ganz hervorragend analysiert hat
[3] Franz Werfel hat das in seinem Roman „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ sehr eindringlich aufgearbeitet, eins der Bücher wider das Vergessen….

Zülfü Livaneli
Glückseligkeit
rororo TB, 2010, 368 S.

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8 Responses to “Zülfü Livaneli: Glückseligkeit”

  1. Bibliophilin Says:

    Eine wunderbare Rezension, lieber Flattersatz.
    Ich setze das Buch direkt auf meine Wunschliste.
    Herzlichst grüßt
    Bibliophilin

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  2. Ich kann mich da meiner Vorgängerin nur anschließen, Herr Flattersatz! Eine wunderbare Perle ist das Ganze außerdem.

    Im Frühjahr habe ich übrigens auch ein Buch aus der Türkei gelesen, was mich begeistert hat und was ich natürlich an dieser Stelle erwähnen möchte. Kennst du Murathan Mungan? Mehr gibt es hier: http://klappentexterin.wordpress.com/2010/04/15/nur-einen-seufzer-lang/

    Aufrichtige Grüße

    Klappentexterin

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    • flattersatz Says:

      Zuviel des Lobes, ihr beiden…. aber ganz herzlichen Dank! es freut mich sehr und wenn eine Besprechung andere neugierig macht auf das Buch, ist das sehr befriedigend und die Glückseligkeit hat viele Leser verdient…

      … so wie du mich jetzt mit einem langen Seufzer neugierig gemacht hast….

      .. übrigens glaube ich diese Rezi damals gelesen zu haben. den letzte Absatz habe ich wiedererkannt…

      liebe grüße dir und deinen Büchern
      fs

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  3. Leider wurden bei dieser Zusammenfassung die Namen von zwei der Hauptpersonen verunstaltet…
    Die beiden heißen „Meryem“ und „Cemal“ und nicht wie hier „Merydem“ und „Celam“…

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