Gustavo Germano und andere: Verschwunden

Die Aufgaben „Vorher – Nachher“ oder „Finde den Unterschied!“ sind schnell gelöst: Jahrzehnte sind zwischen den Fotopaaren vergangen und es fehlt immer eine oder auch mehrere Menschen. So elementar dieser Ansatz ist, so grausam, so brutal der Hintergrund: der argentische Fotograf Gustavo Germano hat Fotos nachgestellt, auf deren Originalen noch Menschen zu sehen sind, die jetzt tot sind. Entführt, gefoltert, ermordet.

Anschaulicher, direkter, unmittelbarer, begreifbarer, sichtbarer kann man den Verlust, das Fehlen von Menschen kaum vermitteln: Leere Plätze, Löcher, manchmal sogar nichts mehr als Hintergrund.
Obwohl eine Fotoausstellung enthält das Buch überwiegend Texte aus der Zeit der Diktatur bzw. über diese, verfasst von Schriftstellern, Dramatikern, Dichtern und Journalisten. Ich will garnicht viel eigene Worte darüber verlieren, wer will, kann sich über die Geschichte Argentiniens leicht im Internet informieren, einen ersten Anhalt gibt – wie so oft – die Wiki [2].

Im folgenden möchte ich nur zwei auszugsweise Zitat anführen, die für sich sprechen. Das erste ist aus einem mit „El vuelo“ (Der Flug) überschriebenen Beitrags, in dem ein beteiligter Soldat, Adolfo Scilingo, interviewt wird:

Scilingo: Sobald der Befehl ergangen war, wurde darüber kein Wort mehr verloren. Man erfüllte automatisch den Befehl.
….
Die Gehirnwäsche war vollkommen. Die Geschnappten wurden in dreißig Minuten verhört, mehr Zeit war nicht, und anschließend entschied Chamorro, wer sterben musste.

Nach dem ersten Flug fiel es mir persönlich schwer, es zu akzeptieren .. sprach mit einem Militärpfarrer darüber. .. er sprach davon, daß es ein christlicher Tod war, weil sie nicht litten, weil es nicht traumatisch war, daß man sie eliminieren musste, daß der Krieg der Krieg war, daß sogar die Bibel die Ausrottung des Unkrauts aus dem Weizenfeld vorsah.
…..
[Darüber zu sprechen] .. war tabu.
Interviewer: Sie flogen los, waren dreißig Menschen lebend ins Meer, kamen zurück und sprachen nicht über das Thema.
Scilingo: Nein.

Es ist nicht nur die Blutspur, die ein solches Regime hinterläßt. Opfer gibt es auch dort, wo man sie erst einmal nicht vermutet. Eine Tochter erinnert sich an ihren Vater..:

„Jeden Morgen zog er einen [der Anzüge aus seinem Schrank] an, nahm sein Medikamentenköfferchen und einen Revolver und ging zur Arbeit. Er behauptete, er verkaufe Arzneimittel für ein Pharmalabor. …
Als ich 28 war.. haben wir herausgefunden, daß mein Vater… Geheimdienstoffizier war, und daß mein Bruder nicht mein Bruder war, sondern im geheimen Foltergefängnis der ESMA geboren wurde. … Mein Vater hatte das Baby geraubt. … Mein ganzes Leben wurde zu einer Fiktion.“

Es ist ein unheimlich dichtes Buch, in den Bildern und in den Texten. Die Bildpaare, von denen einige in der ZEIT [1] zu sehen sind, berühren unmittelbar. Da fehlt ein Mensch, fehlen Menschen, die Bilder sind unvollständig und es gibt keine Erklärung, warum. Es gibt auch keinen Trost, es ist einfach nur diese Leere zu sehen…….

Links

[1] Zeit-Magazin 33/2010
[2] Wiki zur Geschichte Argentiniens

Gustavo Germano und andere
Verschwunden
Das Fotoprojekt
ausencias von Gustavo Germano mit Texten zur Diktatur in Argentinien 1976-1983
Münchner Frühling Verlag, 2010, brosch., 128 S.

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