Eva Menasse: Vienna

Es ist ein immerhin weit über 400 Seiten starkes Buch, das Eva Menasse hier vorgelegt hat und als Roman bezeichnet, als Roman aber, der stark vom biographischen modelliert ist, wie sie es im Interview [1] ausführlich erklärt. Man könnte es natürlich auch genau andersherum beschreiben, es ist eine Familiengeschichte, die durch Verfremdungen und Verschleierungen zum Roman umgedichtet wurde. Letztlich bleibt es aber egal, „Vienna“ behandelt die Geschichte eines Familienclans mit halbjüdisch/halbkatholischen Wurzeln in Wien.

Es fängt mit einer fast schon mythologisch ausschauenden Geburt an, ein Wesen, halb Schaf, halb Mensch gebiert ein blutig dreinschauendes Kind, den Vater der Ich-Erzählerin. Die Umstände dieser seltsamen Geburt geben schon ein bezeichnendes Licht auf die Familie. War doch die Großmutter nicht rechtzeitig vom Bridge-Spiel nach Hause gekommen, obwohl die Wehen sich schon bemerkbar machten und zu Hause wollte sie dann aus einer Scham heraus ihren Pelzmantel nicht ausziehen. Immerhin lief die Geburt leicht, wenngleich der Geborene nicht unbedingt Willkommen war und schon einige Abtreibungsversuche überlebt hatte.

Das beherrschende Ereignis dieser drei Generationen umfassenden Familiensaga beginnend in den 30er Jahren bis in die Jetzt-Zeit ist natürlich die Judenverfolgung im Dritten Reich. Es ist das große Thema, um das sich letztlich alles dreht oder auf das alles zurückgeführt werden kann. Bei den Großeltern, die eine „Mischehe“ führten, war die unmittelbare Gefahr in der ersten Zeit nicht so groß. Ihre Kinder, i.e. der Vater der Erzählerin und ihr sieben Jahre älterer Onkel, brachten sie aber frühzeitig in Sicherheit, sie wurden England geschickt, sie selbst überlebten in Wien. Beim Vater zeigte sich ein ernomes Talent als Fussballer und er stand kurz vor einer Karriere als Spieler in England, als er wieder zurück nach Österreich kam. Er hatte mittlerweile Deutsch verlernt, musste seine Muttersprache wieder erlernen und ließ sein Leben lang nichts auf England kommen. Sein älterer Bruder hingegen meldete sich für die englische Armee und wurde nach Asien geschickt, eine Zeit, über die er nachher kaum sprach, die ihn aber für immer prägte. Er hing (im Gegensatz zu seinem jüngeren Bruder, der zeitlebens unpolitisch blieb) kommunistischen Ideen und war bei der Entnazifizierung in Österreich (wo es aber nach Selbstbekundung garkeine Nazis gab…) beteiligt. Im Alter wurde er immer wortkarger, griesgrämiger und verschlossener.

War vor dem Krieg die jüdische Abstammung praktisch kein Thema, so wurde sie es nach dem Krieg. Es wurde wichtig, ob in gemischten Ehen der Vater oder die Mutter jüdisch war, weil es bestimmte, ob man Jude war, Halbjude oder „..only a quarter Jew“ [1], Abgrenzungen und Anfeindungen der anderen Art entstanden….

War die Ehe der Großeltern noch unverbrüchlich, so galt dies in der nachfolgenden Generation schon nicht mehr. Es gab Scheidungen, die dann aber nicht unbedingt dazu führten, den Kontakt abzubrechen, im Gegenteil, sogar bei Familienfeiern war die erste Frau gern gesehen. So vergrößerte sich die Familie, verlor aber langsam, erst an den Rändern, dann auch im Zentrum, an Zusammenhalt.

Wodurch waren die Nachkriegsjahre charakterisiert? Das Rollenverhältnis war deutlich ausgeprägt: nach außen hin gab der Mann den Ton an, im Innenverhältnis hatte die Frau zwar nicht unbedingt das Sagen, aber ihren Verantwortungsbereich. Es wurden Geschäfte gemacht, manchmal hart am Rand der Legalität oder auch schon etwas darüber hinaus, immerhin hatte man ja in Österreich traditionell starke Beziehungen zu den östlich liegenden Ländern, die jetzt den reichen Westen so nah und doch so unerreichbar vor den Augen liegen hatten. Da konnte man dann doch schon mal etwas nachhelfen….

Das Leben wurde auch genossen, es war wichtig, in der Gesellschaft zu leben, der Wiener Gesellschaft eben, die sich in den Menassesschen Schilderungen auf dem Tennisplatz exemplarisch räkelt und übereinander herzieht. Wiener Schmäh at its best (sag ich einfach mal als Nichtösterreicher…)

Das sind so einige Punkte aus diesem umfangreichen Roman, der natürlich noch viel mehr Material enthält. So bin ich garnicht auf die jüngste Generation eingegangen, die selbstverständlich auch ihren Platz in der Familiengeschichte hat, bei der aber der Zusammenhalt untereinander langsam auseinander bricht. Das alles ist mit viel Schwung geschrieben, oft beissendem Spott, auch mit Liebe zu den Personen. Eine der Figuren ist mir besonders sympathisch gewesen: Dolly „Königsbee“, der Mann von Tante Gustl, der die Fremdworte so liebte, aber immer knapp vorbeischoss. Aber da hatte er ja verbal schon oft geredet und alles andere war eh primär….. Man kann sich vorstellen, daß solche Ausrutscher in einer so spottbegabten Familie wahre Erinnerungstriumphe feierten und geradezu mythisch wurden.

Ein Kapitel „Opfer & Täter“ möchte ich noch erwähnen, weil es mich besonders betroffen gemacht hat. In diesem Abschnitt schildert Menasse das Leben und die Lebensgeschichte der Mutter, die geprägt ist von mangelnder Liebe der Eltern, von der Flucht 1945 nach Österreich (sie kam aus Polen), ihrer ersten Männerbekanntschaft dort und nachher der Heirat mit dem Vater der Ich-Erzählerin (die Autorin ist sehr sparsam im Verwenden von Eigennamen). In dieser Ehe rutscht sie, die eh unter einem unterentwickelten Selbstwertgefühl leidet, in die Opferrolle hinein, in die Rolle der Frau, die sich für alle aufopfert und der man das nicht dankt, es nicht einmal zur Kenntnis nimmt. Es ist ein wirklich bedrückendes Leben, das Menasse da beschreibt. Nur in der Öffentlichkeit des Tennisclubs treten die beiden noch als Paar auf, wenngleich niemanden dort auffällt, daß sie auch dort nichts zusammen machen, sondern immer getrennt agieren….

Das Buch ist nur angenähert chronologisch, oft springt es in Anekdoten und Episoden vor und zurück. Trotzdem gewinnt man außer den Einblicken in die Geschichte der Familie auch einen Eindruck über das gesellschaftliche und politische Leben in Wien. Für mich hatte das Buch im Mittelteil ein paar Längen, aber das liegt vllt auch daran, daß ich beim Thema „Wien“ doch recht fremd bin und das Gelästere über Interna mir nicht so viel sagte. Daß die Familie mir im Lauf des Buches mit ihrer reduzierten Emotionalität besonders sympathisch geworden ist, kann ich nicht behaupten und auch an die spezifisch wienerischen Umgangsformen muss man sich wohl auch erst gewöhnen…

Facit: eine umfangreiche Familiengeschichte als Stück Zeitgeschichte mit hohem Unterhaltungswert.

[1] lesenswertes Interview mit der Autorin über das Buch in literaturkritik.de

Eva Menasse
Vienna
btb, 2007, TB, 432 S.

5 Kommentare zu „Eva Menasse: Vienna

  1. „War vor dem Krieg die jüdische Abstammung praktisch kein Thema, so wurde sie es nach dem Krieg. Es wurde wichtig, ob in gemischten Ehen der Vater oder die Mutter jüdisch war, weil es bestimmte, ob man Jude war, Halbjude oder „..only a quarter Jew“ [1], Abgrenzungen und Anfeindungen der anderen Art entstanden….“

    Dieser Absatz in der Rezension hat mich hochgradig irritiert. Nach jüdischem Verständnis ist Jude, wer eine jüdische Mutter hat oder zum Judentum übergetreten ist. Wer einen jüdischen Vater hat ist nach dem jüdischen Religionsgesetz Nichtjude.
    Die Terminologie von „Halbjuden“ und „Vierteljuden“ ist Nazi-Terminologie. Verwendet Eva Menasse das so, wie es in der Rezension rüberkommt?

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    1. Manche Begriffe sind fürchterlich, aber – wie Menasse im zitierten Interview auf das Wort „Mischehe“ bezogen sagt: „… wir haben leider kein besseres …“.

      Natürlich ist es Nazi-Terminologie, aber vor den Nazis war das ja auch kein Thema, der jüdische Teil (mütterlicher- und auch väterlicherseits) war in der Regel gesellschaftlich voll assimiliert. Mit dieser verachtenden Kategorisierung ist die Terminologie dann geschaffen worden und ich wüßte jetzt auch keinen neutralen Begriff, mit dem ich sie umgehen könnte.

      Das Interview ist übrigens in Bezug auf den Selbstfindungsprozess der Juden nach dem Krieg interessant, sie geht dort noch einmal ausführlich auf dieses Thema ein. Dort tauchen die Begriffe jedenfalls auf: „..Auf der anderen Seite aber der Bruder, der eher Kommunist wird und alles politisch definiert und auf den mit ausgestrecktem Zeigefinger gezeigt wird, weil er nur Halb- oder Vierteljude ist. Das ist eine Einteilung, die es vor der Shoah nicht gegeben hat. Diesen Unterschied von vor und nach der Shoah muss man sich immer vor Augen halten.

      Daß du irritiert bist, kann ich verstehen. Ich muss zugeben, man gebraucht solche Begriffe oft, ohne darüber nachzudenken, wo die Worte, die man verwendet, herstammen. Und da kann ich mich nicht von ausnehmen, auch wenn ich denke, daß mir die Ungeheuerlichkeit, die damit beschrieben wird, sehr bewusst ist.

      danke für deinen Kommentar!

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  2. Und ich schätze deine ausführlichen Rezensionen. Es ist jedes Mal so als würde man durch ein Mikroskop schauen. Vielen Dank!

    Das Buch habe ich mir kürzlich gekauft und nun habe ich noch mehr Lust, es zu lesen, wobei mich der Umfang und die Tiefe etwas abschrecken, jetzt, wo der Urlaub vorbei ist… Ich werde sehen. Angesteckt hast du mich aber in jedem Fall.

    Liebe Grüße

    Klappentexterin

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    1. oh.. da bin ich aber auf deine besprechung gespannt.

      du hast sicher in meinem letzten absatz gemerkt, daß ich ein wenig schwankend war, wie ich das buch einschätzen sollte. sicherlich ist die zweite hälfte des werkes für österreicher interessanter, da sie die anspielungen besser verstehen werden, die menasse in ihre geschichte einflicht. daher hat mir auch der erste teil besser gefallen, er braucht nicht so viel insider-wissen.

      liebe grüße dir auch und einen dank für deinen besuch hier bei mir!

      fs

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