Karl Richard Tschon: Kiefern hinter der Baracke

13. August 2010

Diese Erzählung von Tschon [2] hat was von einem Kammerspiel. Der überwiegende Teil des Geschehens spielt in einem Zimmer in einer Baracke eines Flüchtlingslagers, etwas außerhalb der Stadt, an einer Brache gelegen. Es wird Nacht, die Dunkelheit bricht herein, der Mond wandert am Firmament, das alte Ehepaar, schon über 40 Jahre zusammen, kann wie schon so unendlich viele Nächte zuvor, nicht schlafen.

Es ist gegen Ende der 50er Jahre, seit 13 Jahren sind die beiden in dem Lager, in dieser Baracke, in diesem Zimmer. Der Mann steht am Fenster, er versucht, die Kiefern, die er sehen kann, zu zählen, aber im aufgehenden Dunkel gelingt ihm das nicht. Sind es sieben oder acht? Immer wieder nimmt er den Brief ihres Sohnes Ernst in die Hand, er ist schon ganz zerlesen, 15 Jahre ist er alt. Ernst hat sich geweigert, Juden zu erschießen und ist selbst vor ein Erschießungskommando gekommen [1]. Manche Stellen des Briefes sind geschwärzt, es ist nur zu erraten, was Ernst ihnen noch mitteilen wollte und nicht durfte.

Mann und Frau streiten sich. Während der Mann sich eher auf abstrakte Begriffe wie Ehre und mit dieser Tat hätte der Sohn nicht leben können zurückzieht und aus ihnen schlussfolgert, daß der Tod für den Sohn besser sei als ein schuldbeladenes Leben, sieht die Frau dies ganz anders. Das Leben sei immer besser als der Tod.

Der Mann steht am Fenster und schaut hinaus. Seine Pfeife, die er sich immer wieder stopfen und anzünden muss, geht oft aus. Er sinniert über sein Leben, zieht Bilanz. Die Kriege hat er mitgemacht, seine Frau kennengelernt und alles mit ihr geteilt. Für den ersten Krieg war er damals zu schwach auf der Brust, den zweiten musste er noch im Volkssturm mitmachen, dafür hat es dann gereicht. Fliehen mussten sie nach dem Krieg, in Zügen, auf Planwagen, zu Fuß. Fast alles verloren haben sie dabei, haben versucht, über die Grenze dorthin zu gelangen, wo es besser sein soll. Sie wurden erwischt, aber irgendwann gelang es ihnen doch. Wieviel Lager haben sie auf dieser Flucht kennen gelernt? Und auch auf der anderen Seite der Grenze, der, auf der sie dann Kaugummi kennenlernten, ging die Odyssee weiter, bis sie schließlich hier, in diesem Lager landeten.

Das Leben hat sich geändert. Die Mädels bekommen schokoladenbraune Kinder, aber diese haben keine Väter, weil die zurück mussten. Sie, die Mädels, wollen nicht mehr weiter, wissen nicht mehr weiter. Auf dem Flur in der Baracke wohnt so ein Mädchen, es will sich umbringen, mitten in der Nacht taucht die Polizei auf. Der Vater ist auf Sauftour, kommt später erst wieder nach Hause. Die Frau will ihn nicht alleine mit dieser Nachricht lassen, sie geht zu ihm, begleitet ihn zur Straßenbahn. Der Tag graut mittlerweile, wieder haben die beiden eine schlaflose Nacht überstanden. Und während die Frau mit dem Vater ins Krankenhaus fährt, geht der Mann auf die Brache, die Kiefern zählen…..

Zwei Entwurzelte stellvertretend für all diejenigen, denen im Krieg die Heimat genommen wurde, die ihre Wurzeln verloren haben. Überall waren sie Fremde geworden, Ballast der Zeit, das waren sie. Die Zeit war über sie hinweg gegangen, hat sie in ihren Erinnerungen festgezurrt, in ihrem Schmerz um ihren Sohn, in ihrer Trauer. Das Leben hat einen Bogen um sie gemacht, um diese beiden alten Menschen.

Es ist ein sehr trauriges Szenario, das Tschon da ausbreitet. Man spürt die depressive Stimmung, die Verlorenheit der beiden Alten, die sich nicht mehr zurecht finden. Das ihr Sohn, schon immer unangepasst, ermordet wurde, schmerzt sie unendlich, auch wenn sie beide unterschiedlicher Meinung sind, ob der Tod für ihren Sohn nun besser sei oder das Tätersein und leben.

Facit: nur 15 Jahre nach Kriegsende veröffentlicht, wird man von der Nachkriegsstimmung, die nicht dem Aufbruch und Neuanfang folgte, förmlich begraben. Ein trauriges Büchlein.

Links und Anmerkungen:

[1] Soweit ich gelesen habe und es jetzt auch bei der Führung in Buchenwald erklärt worden ist, gibt es keinen dokumentierten Fall, daß ein Soldat, der sich weigerte, bei Exekutionen mitzumachen, selbst erschossen worden wäre. Degradierungen, Versetzungen, andere Nachteile: ja, aber keine Verurteilungen zum Tode. Insofern ist eine solche Angabe als Schutzbehauptung nach dem Krieg zu werten.
[2] zum Autor (Wiki-Artikel)

Karl Richard Tschon
Kiefern hinter der Baracke
Sigbert Mohn Verlag, Gütersloh, 1960, 78 S., Pappeinband

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4 Responses to “Karl Richard Tschon: Kiefern hinter der Baracke”

  1. Friederike Says:

    Ich finde das Buch hört sich aber – trotz des traurigen Themas – sehr interessant an. Schon allein der Titel erweckt ein Bild – wenn auch nicht schön, doch irgendwie künstlerisch.

    Leider gibt es das Buch ja nicht neu, aber vielleicht ja noch gebraucht bei Tauschticket.

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  2. mamie Says:

    wo kann man dieses Buch kaufen ?????

    danke

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