Franz Kafka: In der Strafkolonie

3. August 2010

Diese Erzählung [1] Kafkas spielt auf einer Insel, auf der eine Strafkolonie stationiert ist. Ein Offizier erklärt einem offensichtlich aus Europa stammender Forschungsreisenden seine hochdiffizile Exekutionsmaschine [3], der zum Tode Verurteilte und sein Bewacher sind ebenfalls anwesend. Der Offizier hängt mit Leib und Seele an dieser Maschine, er verteidigt sie und ihre Funktionsweise als Beitrag zur Gerechtigkeit. Zu dieser und der ihr zugrunde liegenden Gerichtsbarkeit hat der Offizier ein besonderes Verhältnis: „Der Grundsatz, nach dem ich entscheide: Die Schuld ist immer zweifellos“.

Es verwundert nicht, daß der Verurteilte weder die Anklage noch das Urteil kennt, auch daß er des französischen nicht mächtig ist und keine Verteidigung hatte, entspricht dem Gerechtigkeitsempfinden des Offiziers. In aller Ausführlichkeit erklärt der Offizier die aus den drei Teilen: Bett, Zeichner und Egge bestehende Exekutionsmaschine, die er währenddessen für die Vollstreckung des Urteils vorbereitet. Dabei denkt er wehmütig an den alten Kommandeur zurück, der diese Maschine erfunden hatte und ihn, den Offizier, in seiner Funktion voll unterstützte. Der neue Kommandeur dagegen, so mutmaßt er, sucht nur nach Vorwänden, diese Maschine abzuschaffen. Auch in dem Besuch des hochangesehenen Reisenden wird er vermutlich einen Fürsprecher für die Abschaffung sehen. Der Offizier, dem dies als Alptraum erscheint, versucht den Reisenden zu überreden, zumindest nicht gegen die Maschine zu argumentieren, sondern seinem, des Offiziers Plan gemäß, diesem die Gelegenheit zu verschaffen, in einem flammenden Plädoyer für die Maschine zu reden. Als der Reisende dies ablehnt, sieht der Offizier keine andere Möglichkeit mehr, er läßt den schon auf die Maschine geschnallten Verurteilten frei und legt sich selber auf das Bett unter die Egge. Aber die Maschine funktioniert nicht mehr richtig, immer mehr geht kaputt, die Gerechtigkeit, seine Gerechtigkeit verliert und so erleidet der Offizier nicht den gerechten Tod durch die Maschine, sie meuchelt ihn einfach nur zu Tode.

Es ist eine seltsame, verstörende Geschichte. In der Wiki [1] ist ja einiges dazu geschrieben, so daß ich mich hier nicht mit allen Deutungen aufhalten muss. Es ist eine völlig emotionslose (wenn überhaupt Emotionen eine Rolle spielen, dann beim Offizier, der mit ganzem Herzen an der Maschine hängt) Schilderung einer ins absurde übersteigerten totalitären Gerichtsbarkeit, bei der per def schon alles feststeht, nichts mehr das Urteil beeinflussen kann (noch nicht einmal die – vllt – begangene Tat) und nur noch der zu Bestrafende festgestellt werden muss. Es ist eine äußerst extreme Art der Zutodebringung, die Kafka schildert [3], eine Art Purgatorium auf der Erde, eine Reinigung des sündigen Körpers (auch im wörtlichen Sinn durch die Funktion der Maschine) und eine Einprägung des Wort – nein nicht Gottes – sondern des Gerichts: Wie in eine Wachstafel schreibt die Egge das Urteil „Ehre deinen Vorgesetzten“ in die Haut des Morituri, immer tiefer und tiefer und tiefer… bis nach dieser nach sechs Stunden die Wahrheit erkennt, d.h. geläutert ist.

Tucholsky hat es wunderbar formuliert [2]:

„… er [i.e. der Offizier] ist nicht roh oder grausam, er ist etwas viel Schlimmeres. Er ist amoralisch. Die Angelegenheit hat mit Christentum überhaupt nichts zu tun, dieser Offizier quält nicht, er ist beileibe kein Sadist. Und wenn er nach der sechsten Stunde der Folterung die Leidenszüge des nun immer schwächer werdenden Mannes in sich hineinschlürft, so ist das nur eine grenzenlose und sklavische Verneigung vor der Maschine dessen, was er Gerechtigkeit nennt, in Wahrheit: vor der Macht. Und diese Macht hat hier keine Schranken….“

.. und ich lass das jetzt einfach auch als Schlusswort stehen, auch wenn das Statement, die Geschichte habe mit dem Christentum nichts zu tun, meiner eigenen Interpretation zu widersprechen scheint. Aber ich denke, Tucholsky meint die Kirche, die Analogie zur christlichen Lehre mit Fegefeuer, dem Reinigen der Seele (hier das Wegwaschen des Blutes) und nachher die Erlösung (hier im Tod) sind zu öffensichtlich, um sie zu übersehen.

Aber genau das ist das Charakteristikum dieser weitgehend abstrakten Geschichte, die keine Fakten enthält, die sie in Raum und Zeit fixieren: man kann sie vielerlei Hinsicht in sich schlüssig interpretieren. Aus dieser Eigenschaft rührt auch ihre Zeitlosigkeit, wundern muss ich mich aber immer noch über die extreme Grausamkeit, die Kafka beschreibt (auch wenn nach Tucholsky der Offizier nicht grausam ist, da er am Schmerz des Verurteilten keine Freude empfindet, sondern nur an der Funktion der Maschine, die die Gerechtigkeit herstellt).

Links und Anmerkungen:

[1] Der Text in der DigBib
[2] Die Besprechung von Tucholsky in der Weltbühne (1923)
[3] die ich hier nicht beschreibe, sie hätte auf jeden Fall in Mirbeaus„Garten der Qualen“ einen adäquaten Standort…. diese Entsprechung ist mir unabhängig davon in den Sinn gekommen, daß ich gerade in einem Wiki-Artikel gelesen habe, Kafka sei durch dieses Buch inspiriert worden…

ferner: Peter Fischer-Piel hat das Buch fotographisch sehr interessant umgesetzt

Facit: verstörend, fremd und faszinierend in der Kompromisslosigkeit

Frank Kafka
In der Strafkolonie, 1919

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