Michael Gantenberg: Zwischen allen Wolken

Das Buch läßt mich ein wenig ratlos zurück, nachdem ich es auf die wunderschöne Rezension von Klappentexterin [1] hin gekauft und gelesen habe. Aber der Reihe nach…

Die Abiturientin Gesa lebt mir ihrer Familie auf der Nordseeinsel Nördrum. Dort betreiben sie eine Pension, Tante Nele hat eine Arztpraxis, die auf männliche Kunden spezialisiert ist, die Oma Insa hilft nicht nur in der Pension, sondern festigt als Wattfee einen gewissen Ruf, den bislang unerhörten Kinderwunsch von Paaren zu verwirklichen. Die Männer der Familie erscheinen dagegen eher als blasse Sonderlinge, denen eine gewisse Praxistauglichkeit abgeht….. Sonnenschein der Familie ist, zumindest in den Augen Gesas, ihr älterer Bruder Wilco.

Wilco und sein Vater haben das Fallschirmspringen angefangen, doch eines Tages öffnet sich Wilcos Fallschirm nicht und er stirbt. Damit ist eine Zäsur gegeben im Leben der Familie, das zum einen äußerlich so weiterläuft wie bisher, obwohl sich für Gesa und ihre Familie alles geändert hat. Ihr Vater läuft wortlos davon, die Mutter erstarrt innerlich und „adoptiert“ eine Ente namens Jean-Pierre, Oma Insa macht weiter wie bisher und Gesa selbst erscheint ihr Bruder, sie unterhält sich mit ihm, sogar Streit herrscht zwischen ihnen.

Das ist für mich die Stelle, wo es im Buch „klemmt“, weil es besonders bei Gesa unglaubwürdig ist, einfach nur des Effekts wegen eingebracht scheint. Eine Verlusterfahrung, wie der Tod eines Bruders, bringt normalerweise einen sehr tiefgreifenden Trauerweg in Gang, zu dem neben vielen anderen Symptomen wie Zorn, Wut, Apathie auch Halluzinationen gehören können („… und ich bin mir ganz sicher, daß er da draußen vorbeigegangen ist“ … „…ich seine Stimme gehört habe“). Aber bei Gesa sind diese sehr massiven Halluzinationen (sie sucht – ohne ihre Familie davon zu informieren – sogar einen Psychiater auf) fast das einzige Symptom ihrer Trauer, sie ist sogar in der Verfassung, sich in eine Verliebtheit auf den ersten Blick zu stürzen, als Malte, der Inselschreiber, sich in ihrer Pension einquartiert. Sie erkennt die wahren Werte, auf die es im Leben ankommt und macht nebenbei auch (mit Wilcos Hilfe) ihr Abitur mit Beinahe-Bestnote. Keine Spur also von all den Problemen, die man normalerweise bei solchen Ereignissen antrifft, bei denen die Schulnoten dann eher in den Keller gehen und meist viel Zeit gebraucht wird, um wieder Interesse an der Welt um einen herum zu bekommen. In dieser Hinsicht (Wie stellt der Autor das (Innen)leben einer jungen Frau dar, die gerade ihren großen Bruder durch einen Unfall verloren hat) hat mich das Buch also enttäuscht, bzw. bin ich einfach mit einer falschen Erwartung heran gegangen. Und auch als Leser bin ich vom Tod Wilcos wenig betroffen, schließllich taucht er ja das ganze Buch über auf…..

Als Sommerlektüre ist „Zwischen den Wolken“ dagegen ein schönes Buch. Es ist flott, sprich sehr szenisch ohne lange, komplizierte Satzkonstruktionen geschrieben, in kleine Abschnitte unterteilt, die es ermöglichen, auch einfach mal zwischendurch reinzuschauen. Eine Vielzahl skurriler, vielleicht sogar seltsamer Charaktere treten auf, meist liebenswürdig bis auf die Touristen, die Gantenberg recht pauschal als unsympathisch darstellt mit ihrem Anspruchsdenken, wenn sie mal in der Fremde sind. Es gibt auch die nachdenklichen, melancholischen Stellen im Buch, die Momente, in denen Gesa merkt, daß sie oft die Augen zugemacht hat vor dem, was war, daß sie ihren Bruder idealisiert hat, nicht gesehen hat, was wirklich war, nicht auf das gehört hat, was er ihr gesagt hat. Aber Gesa wird durch diese Ereignisse reifer, sie findet für sich, was in ihrem Leben wichtig ist. Symbolisch gesehen bleibt sie, die immer von der Insel wegwollte, zum Schluss auch dort, sie ist mit sich selbst ins Reine gekommen und braucht nicht mehr zu „fliehen“. Cool.

Genau das hat mich genervt. Wie oft Gantenberg das Wort „cool“ verwendet hat. Dabei ist „Cool“ doch gestern…. [2]. Sogar seine Hauptperson, Gesa, ist von der Uncoolness des Cools genervt…

Ach ja, den Kalauer muss ich jetzt anbringen: „Ente gut, alles gut“: irgendwie löst sich zum Schluss, nachdem praktisch jeder seelischen Großreinemachtag hatte, alles in Wohlgefallen auf und jeder ist – auf seine Weise – glücklich. Bis auf Piet, weil Oma Insa dann doch zu ihrem ganz persönlichen Patagonien gefahren ist, wohin er sie jetzt nicht begleiten konnte…..

Facit: ein schöner Sommerroman, der an einigen Stellen etwas nachdenklich macht, ansonsten aber einfach „nur“ eine turbulente Epsiode einer Familie erzählt.

Links und Anmerkungen:

[1] zu finden auf Klappentexterins Blog
[2] T. Becker: Heißzeit, KulturSPIEGEL 8/2010, S. 15ff

Michael Gantenberg
Zwischen allen Wolken
Scherz-Verlag 2010, HC, ca 326 S.

3 Kommentare zu „Michael Gantenberg: Zwischen allen Wolken

  1. Danke für Deine Einblicke.
    Ich habe auch die Rezension von Klappentexterin gelesen und daraufhin mir das Buch besorgt. Ich bin am Lesen und meine Eindrücke stimmen mit sowohl Deinen wie auch den von der Klappentexterin überein. „Ratlos“ ist, glaube ich, das richtige Wort…
    Ich werde bald auf meinem Blog darüber berichten.

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    1. ah…. da bin ich aber gespannt!

      aber das ist ja auch das schöne am leseerlebnis: es ist ein dreiklang aus buch, leser und tagesbefindlichkeit. bei diesem buch bin ich als leser (ich habe es ja geschrieben) mit einer bestimmten, nicht zutreffenden erwartung herangegangen, wahrscheinlich habe ich schon klappentexterins besprechung derart gefiltert interpretiert. und so sagt meine rezension im grunde mehr über mich als über das buch aus…. ;-)

      lg
      fs

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