Salzburger Virgilschola: Mitten im Leben sind wir im Tod

18. Juli 2010

Der Tod war im Mittelalter gegenwärtiger als in der Jetztzeit, er gehörte zum Alltag, zum bitteren Alltag mit seiner geringen Lebenserwartung (bei 30 Jahren), dem Hunger, den allgemeinen Lebensumständen, den Kriegen und Scharmützeln, dem großen Pestzug. Die Bevölkerung Europas schrumpfte um ein Drittel, Angst und Verunsicherung machten sich breit. Gleichzeitig entwickelte sich ab dem 13. Jhdt. die Vorstellung des Jüngsten Gerichts, welches einer Art Gerichtshof gleicht: Jesus auf dem Throne sitzend wird von seinen Aposteln umringt. Ariés [1] beschreibt es folgendermaßen: „… Zwei Vorgänge gewinnen zunehmend an Bedeutung, die Abwägung der Seelen und die vermittelnde Fürsprache der Heiligen Jungfrau und des Heiligen Johannes, die mit gefalteten Händen zu Seiten des richtenden Christus knien. Jeder Mensch wird gemäß seiner Lebensbilanz gewogen, die guten und die bösen Taten werden peinlich genau auf die beiden Schalen der Waage verteilt. Überdies sind sie in einem Buch aufgezeichnet. ….

Der Mensch auf Erden ist sich also bewusst, daß er durch ein schmales Nadelöhr zu gehen hat, bevor er in die Herrlichkeit Gottes einkehren darf. Sich ebenfalls seiner Sündigkeit bewusst, ist ihm dies ein Schrecken, er ist voller Angst, er fürchtet sich vor seinem Ende und dem Ende der Zeit, an dem er dann gerichtet wird anhand des Buches und der dort verzeichneten Taten.

So bereut er denn und büßt [2], er bekennt sich seiner Sünden und ruft seinen Gott um Gnade und Barmherzigkeit an, er fleht zur Gottesmutter („animal fidelis“, die gläubige Seele), doch die Mahnungen vor dem Tod und dem letzten Gericht schrecken ihn. Doch dann antwortet Gott, daß er nicht den Tod des Sünders will, sondern seine Reue und sein Bekenntnis zu ihm, Gott, damit er sie in sein ewiges Reich holen kann.

Auf kirchlicher Seite entwickelt sich eine Toten- und Begräbnisliturgie mit Choralen, Gesängen und Texten, die das Verhältnis von Mensch und Tod reflektieren: Diese stumpfe Härte des menschlichen Herzens! Nur dem Gegenwärtigen schenkt er Beachtung, das Künftige sieht er nicht vor! Du solltest dich aber in allem Tun und Denken verhalten, als müsstest du heute noch sterben. Hättest du ein gutes Gewissen, du würdest den Tod nicht sonderlich fürchten. Es wäre besser für dich, du würdest dich vor der Sünde fürchten als vor dem Tod. Wenn du heute nicht bereit bist, wie wirst du es morgen sein? „Morgen“ ist ein ungewisser Tag: weißt du, ob du ein Morgen haben wirst?“ [4]. Dies sind zeitlose, sie schlagen die Brücke aus der Vergangenheit in die Gegenwart, der Tod und die Angst vor dem, was einen erwartet, ist immer dar [vgl. z.B. 5]

Gestern hatte ich Gelegenheit, mir das Mysterienspiel des Salzburger Vokalensembles „Virgilschola“ [3] „Media vitae in mortue sumus“ anzuschauen, in einem wahrlich wunderschönen Rahmen, in der Kirche des Klosters Arnstein [6] nämlich. Es ist ein Spiel ohne äußere Handlung, das Geschehen spielt sich im Inneren ab und spiegelt die Entwicklung des Sünders, der von der Anima fidelis und dem Mahner bedrängt und zur Umkehr bewogen werden soll. Sie findet Ausdruck in der Entwicklung der Texte, der Eindringlichkeit der gesungenen Choräle und Lieder, in der Mächtigkeit der begleitenden Orgel. Nur ganz sporadisch sind Handlungselemente eingebaut, die vornehmlich die zunehmende Verwirrung des Sündigen darstellen, bis dann nach dem „Dies irae“ die „Grosse Stille“ eintritt, die das Spiel visuell und akustisch teilt. Danach antwortet Gott durch seinen Engel und verspricht dem Reuigen Erlösung.

Es sind mächtige Gesänge, die dort dargeboten werden, sie schwellen aus dem Inneren heraus und durchfluten die Kirche und auch, wenn die lateinischen Texte beim Hören für mich nicht verständlich waren (im Begleitheft sind sie übersetzt), spürt man deren Intensität, manchmal überdeutlich. Anima fidelis mit ihren Liedern ebenso wie der Engel (beides Frauen) haben mir mehr als einmal einen Schauer über den Rücken gejagt…

Es war gestern ein wenig ein zwiespältiges Erlebnis. Es ist nicht so, daß ich dieser Welt, die dort dargestellt und akustisiert wurde, sehr nahe stehe. Und doch war deren Mächtigkeit zu spüren, ihre Intensität, die Wucht, mit der sie Gott anrief. Ich habe die Musik auf mich wirken lassen (insofern war es ganz gut, daß ich den Texten nicht folgen konnte) und in dieser Wahrnehmung gespürt, wie die Choräle, diese Gregorianik einen tatsächlich tragen und einhüllen kann. (Nicht umsonst haben die gregoriansichen Gesänge ja auch heute noch ihr Publikum…)… In der Summe war es jedenfalls ein sehr schönes Erlebnis, im Nachgang (und im Kreuzgang….) hinterher noch einen schönen Roten getrunken, etwas gegessen, gute Unterhaltungen gehabt.. und zum Abschluss eine äußerst nette (wirklich schon) ältere Dame sicher nach Hause gebracht, mit einem kleinen Umweg, den wir mit Geplauder ausfüllten… oder haben wir gar des Geplauders wegen die richtige Abzweigung versäumt… ? Ach, egal….

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[1] Philippe Ariés: Studien zur Geschichte des Todes im Abendland, München, 1976
[2] man denke nur an die Einrichtung des Ablasses, der schon im 7. Jhdt existierte und später von Luther so angeprangert wurde
[3] WebSite der Virgilschola
[4] Begleitheft der Aufführung
[5] Sill: Die Kunst des Sterbens
[6] Wiki zum Kloster Arnstein

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