Dörte Schipper: Den Tagen mehr Leben geben

Nicht dem Leben mehr Tage hinzufügen, sondern den Tagen mehr Leben geben.
Cicely Saunders

„Essen heißt leben“, das ist die Erklärung, die Ruprecht Schmidt dafür hat, daß sich viele, die allermeisten der Gäste im Hamburger Hospiz Leuchtfeuer auf das „Abenteuer“ einlassen, sich abseits von Großküchenkost von ihm bekochen zu lassen. Schmidt bietet ihnen täglich neue Menuevorschläge an, freut sich aber besonders, wenn er herausgefordert wird, Lieblingsgerichte, die er vielleicht noch garnicht kennt, zuzubereiten.

Ein Koch im Hospiz? Eine sicher nicht alltägliche Einrichtung, die nur durch Fördermittel und Spenden zu finanzieren ist. Aber es ist nicht nur kochen, was Schmidt an seinem Arbeitsplatz macht. Vielmehr ist das Kochen mit der Erarbeitung des individuellen Speisezettels eine Art therapeutische Massnahme, die den Gast in den Mittelpunkt stellt, ihm Wichtigkeit und Würde gibt, ihn als das nimmt, was er ist: ein Mensch, der auch am Ende seines Lebens das Recht hat, Lebensqualität für sich zu beanspruchen.

Schmidt ist nicht irgendein Koch, sondern er hat in Sternerestaurants in Frankfurt und Hamburg gekocht. Die Arbeit in diesen Häusern hat ihm aber zumeist nicht gefallen, kollegialer Neid und Missgunst, Stress, eine oftmals blasierte Kundschaft.. nein, er war nicht zufrieden und ist ausgestiegen. Und als ihm dann völlig unerwartet und ohne, daß er wusste, was ihn erwartete, die Stelle im Hospiz angeboten wurde, griff er sofort zu. Seit 11 Jahren kocht er nun dort, und obwohl kulinarisch bei weitem nicht so anspruchsvoll wie seine früheren Tätigkeiten ist er hochzufrieden, denn die menschliche Zuneigung und Wärme, die er dort empfindet, wiegt alles andere mehr als auf.

Neben dem beruflichen Werdegang von Schmidt geht Schipper natürlich auch auf Gäste des Hospizes ein. Dies geschieht feinfühlig, sie charkterisiert die Menschen auch mir ihren Fehlern, ohne sie jedoch bloßzustellen. Das Wissen um den Tod, der einen in diesem Haus erwarten wird, bedrückt die Verwandten oft mehr als die Betroffenen. Diese sind – soweit dies in ihrer Möglichkeit steht – oft noch in der Lage, auch die kleinen Dinge, die ihnen noch zugänglich sind, zu geniessen. Ein Bild, das sie mögen, einen neuen Pulli, den sie sich gegönnt haben, eine bis dato noch nie in Erwägung gezogene Klangschalenmassage oder eben das extra für sie zubereitete Essen. Natürlich schwankt auch die Stimmung, manche der Gäste sind noch nicht bereit, loszulassen ebenso wie die Verwandten. Jeder geht anders mit seinem Tod um, von Leugnung bis zu minutengenauen Anweisungen an die Kinder, die Bandbreite der Verhaltensweisen ist groß.

Das Mittagessen steht allen offen, den Gästen so wie den Verwandten. Es ist ein Ort, an dem gesprochen wird, getröstet und genossen, es wird gelacht und für ein paar Minuten wird der Tod vergessen. Es ist eine Zeit, in der aufgetankt werden kann, in der in der Gemeinschaft Kraft geschöpft wird, in der gemeinsamen Freude am Essen, an den Speisen und in der Geborgenheit der Umgebung Stärke entsteht.

Es ist ein Hospiz und so wird auch gestorben in diesem Haus. Manche der Gäste wissen es, sie ziehen sich noch einmal gut an, oder rauchen ihre „letzte“ Zigarette, buchstäblich und mit Ansage. Bei anderen dauert es länger, sie haben einen langen Weg, bis der Tod sie zu sich genommen hat. Für alle, die gestorben sind, steht für einen Tag eine Kerze in der Eingangshalle….

Schmidt hat viele solcher Kerzen gesehen in seinen 11 Jahren. Gäste, zu denen er ein engeres Verhältnis gewonnen hatte und solche, die ihm kaum begegneten, da sie nicht mehr aßen und ihr Zimmer nicht verliessen. Er muss den schmalen Weg finden zwischen der Nähe, die sich zu manchen Gästen aufbaut und der Distanz, die es braucht, um das ewige Abschiednehmen selbst unbeschadet zu überstehen. (Dies ist natürlich genau die Situation, in der die institutionalisierte Betreuung der Betreuer einsetzen müsste, etwas, was viel zu selten gemacht wird. Nicht jeder wird so gut mit den Belastungen fertig wie offensichtlich Ruprecht Schmidt)

Schipper ist ein farbiges, lebendiges und auch optimistisches Buch über das Leben in einem Hospiz gelungen. Vielleicht ein wenig zu optimistisch, denn natürlich gibt es auch im Hospiz kritische, schwierige Situatione, Krisen bei den Gästen und ihren Verwandten, die sich mit Essen alleine nicht mehr bewältigen lassen. Über solches berichtet Schipper nicht oder allenfalls andeutungsweise, genausowenig wie anderes Betreuungspersonal ausser dem Koch im Buch vorkommt. Aber vielleicht ist das Buch auch gerade wegen seines Ansatzes und dessen Realisation geeignet, Menschen die Scheu vor einem Hospizaufenthalt zu nehmen.

Facit: Ein gut lesbares Buch über das Leben (weniger das Sterben) in einem Hospiz, in dem das Kochen und damit ein Stück Lebensqualität groß geschrieben wird.

Links:

einige Anmerkungen zu Cicely Saunders, der Gründerin des ersten modernen Hospizes
WebSite des Hospizes Leuchtfeuer

Dörte Schipper
Den Tagen mehr Leben geben
Über Ruprecht Schmidt, den Koch, und seine Gäste
Bastei Lübbe GmbH & Co.KG, Februar 2010, HC 253 S.
ISBN-10: 3785723857
ISBN-13: 978-3785723852

2 Kommentare zu „Dörte Schipper: Den Tagen mehr Leben geben

  1. Diese ausgezeichnete Biographie ist gerade neu erschienen, als Taschenbuch von Herder Spektrum:

    Den Tagen mehr Leben geben, Der Starkoch vom Hospiz und seine Gäste – Vorwort von Udo Lindenberg
    Verlag Herder – 256 Seiten – ISBN: 978-3-451-06609-2

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