Sue Monk Kidd: Die Bienenhüterin

Nachdem mir die „Meerfrau“ von Sue Monk Kidd so gut gefallen hatte, wollte ich natürlich auch den Vorläufer dieses Romans lesen, der da heißt „Die Bienenhüterin“. Und auch dieses Buch – ich kann es ruhig vorwegnehmen – gefiel mir wirklich gut.

Die Geschichte der kleinen Lily Owens, die eine Zeitspanne von einigen Wochen im Sommer und Herbst des Jahres 1964 umfasst und im Süden der USA spielt, in South Carolina, trägt sich vor dem Hintergrund der Diskriminerung der damals noch nicht Afroamerikaner, sondern Schwarzen oder Neger genannten Menschen dort zu. Aber von Anfang an.

Die 14jährige Lily lebt bei ihrem Erzeuger, T. Ray, im Haus und wird dort streng und ohne Liebe aufgezogen. Ihre Mutter ist vor 10 Jahren bei einem Unfall gestorben, nur undeutlich kann sich Lily erinnern, daß ihre Eltern sich stritten, daß sie eine Waffe gesehen hat und daß es eine Explosion gab, nachdem sie die runter gefallene Waffe hochgehoben hatte. An dieser Schuld am Tod der Mutter trägt sie schwer.

Lily wächst ohne die Liebe des Vaters und der toten Mutter, nach der sie sich so sehnt, auf. Der Vater foltert sie eher, als daß er ihr ein gutes Wort gibt. Nur Rosaleen, die dicke schwarze Arbeiterin, die sich um sie kümmert, kann ihr etwas Trost geben. An die Mutter erinnern nur wenige Dinge, unter anderem ein Bild einer schwarzen Madonna mit der Beschriftung: Tiburon, S.C.

Rosaleen ist auch der Ausgangspunkt für die weitere Handlung. Diese will sich nämlich nach Unterzeichnung des Bürgerrechtsgesetz durch L.B. Johnson am 2. Juli 1964 in das Wählerverzeichnis ihres Städtchens eintragen. Auf dem Weg dorthin wird sie von Weißen beschimpft und Rosaleen weiß sich nicht anders zu wehren, als den Männern von ihrem Kautabak auf die Schuhe zu spucken. Daraufhin wird sie verprügelt und ins Gefängnis geworfen, wo sie noch weiter misshandelt wird. Lily, die Angst um Rosaleen hat und sowieso von T. Ray weg will, kann sie mit einer List aus dem Krankenhaus, in das man sie bringen musste, herausholen, von nun an sind beide auf der Flucht.

Ziel von Lily ist Tiburon, dort hofft sie, eine Spur ihrer Mutter zu finden. Und tatsächlich, auf Honiggläsern findet sie das Bild der gleichen Madonna wie ihre Mutter sie hatte. So kommen Rosaleen und Lily in das quietschrosa Haus der schwarzen Schwestern May, June und Augusta. Sie dürfen dort bleiben und besonders Lily, die in diesem Kreis der Frauen und ihrer Freundinnen die einzige Weiße ist, gewinnt in Augusta eine mütterliche Lehrerin, während sie bei June heftige Abneigung erlebt.

Lily erlebt hier zum ersten Mal in ihrem Leben so etwas wie Geborgenheit, wie Wärme, sogar Liebe. Sie wird von Augusta in die Imkerei eingewiesen und zeigt sich als sehr gelehrige Schülerinnen. Und das, was für die Bienen der Bienenstock wird für sie das Haus von Augusta der Hort, an dem sie sich zurückziehen kann, in dem sie leben kann. Sie findet hier die Muße und die Ruhe, all die Gedanken um den verhassten Vater und die geliebte Mutter, um ihre Schuld und Sehnsucht zu Ende zu denken, Augusta sagt ihr zwar, daß sie irgendwann einmal reden muss, aber sie läßt Lily die Zeit, die sie dazu braucht. Natürlich geht bei Lily vieles durcheinander in ihrer Fantasie, sie lernt so viel neues kennen bei den Frauen und sie verliebt sich in einen Jungen.

Nach ein paar Wochen kommt der Zeitpunkt, an dem sie bereit ist, zu reden, aber die Antworten, die sich bekommt, werfen ihr gesamtes Bild, ihre gesamten Vorstellungen über ihre Mutter über den Haufen. Neue Gefühle durchfahren sie, Hass und Ablehnung spürt sie, unendliche Wut und Enttäuschung. Der Kokon, in den sie sich eingesponnen hat, ist zerrissen, sie steht jetzt in der richtigen Welt und muss mit dieser zurecht kommen. Zurück in ihre Wunschwelt, Traumwelt kann sie nicht mehr. Jeder Mensch macht Fehler, so sagt ihr Augusta, und diese Tatsache muss sie erst zu akzeptieren lernen.

Kurz danach steht T. Ray vor der Tür des Hauses. Es ist ihm gelungen, den Aufenthaltsort von Lily herauszufinden. Er ist nicht voller Freude dort, sondern nur, um Lily zu holen. Er schlägt sie, zerrt sie aus dem Haus, hält ihr ein Messer vors Gesicht. „Deborah“ nennt er sie beim Namen seiner toten Frau, die ihn vor ihrem Tod verlassen hat. Und da wird Lily vom ängstlichen Mädchen zur reifen Frau: sie merkt, daß auch ihr Vater von Schmerz zerissen ist, daß er es nie verwunden hat, daß seine Frau ihn verlassen hat und daß er all die Jahre diesen Schmerz, diese Wut an ihr ausgelassen hat.

Die Wut von T. Ray bricht schließlich zusammen und es gelingt den Frauen, ihn zu überzeugen, daß er Lily bei ihnen läßt. Und damit ist das Buch dann quasi zu Ende….

Natürlich ist das hier nur die Haupthandlung des Romans, der wie ein mäandernder Fluss viele Seitenarme noch einige Nebenhandlungen hat. Diese sind zum Teil zwar etwas langatmig, aber trotzdem kann man sich beim Lesen in sie verlieren. Ein Vergleich der beiden Bücher von Kidd, die ich kenne, liegt nahe, denn viele der Motive, die ich aus der Meerfrau schon kannte, treten hier im ersten Buch von Kidd wieder auf:

Vor allem ist dies die Gemeinschaft der drei Frauen, die zwar sehr unterschiedliche Charaktere und Eigenschaften haben, sich aber mittels starken Ritualen sehr eng verbunden wissen. Der Tod eines Elternteils mit der vermeintlichen oder echten Schuld des Kindes (Ich-Erzählerin) ist ebenfalls wesentlicher Bestandteil des Buches, genauso wie der Reifeprozess, den diese Kinder jeweils durchmachen und aus dem sie gestärkt bzw. erwachsen hervorgehen. Die Meerfrau kommt mir konzentrierter geschrieben vor, in der Bienenhüterin sind mehr neben dem Hauptthema laufende Erscheinungen, die ausführlich beschrieben und geschildert werden. Andererseits macht Kidd dies so farbig und fesselnd, daß ich es eigentlich nicht als negative Kritik verstanden haben möchte….

Facit: ein wunderschön erzählendes Buch über den Reifeprozess eines Mädchens, voller Poesie und Fantasie.

Sue Monk Kidd
Die Bienenhüterin
btb Verlag, 2005, Tb, 352 S.
ISBN-10: 3442732816
ISBN-13: 978-3442732814

5 Kommentare zu „Sue Monk Kidd: Die Bienenhüterin

  1. Hat mir sehr gut gefallen, vielleicht muß man so etwas ähnliches erlebt haben. So ähnlich wie keiner hat mich lieb weil ICH Schuld auf mich geladen habe. Erst in der zweiten Hälfte wird das Buch richtig spannend.

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  2. Ist sicher Geschmacksache, ich hab echt kämpfen müssen, und nach ca. einem Drittel hab ich aufgehört. Ich war schon tapfer, normal breche ich eher ab. Mir war das zu zäh, kann´s nicht beschreiben, war halt überhaupt nicht mein Ding.

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    1. Echt abgebrochen? nein, langweilig würde ich nicht sagen, langatmig schon, Kidd (und damit Lily) nimmt sich viel Zeit…..
      Vielleicht ist es auch eine Sache der Stimmung, in der man so eine Geschichte liest….

      Dir auch liebe Grüße
      fs

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