Anthony McCarten: Englischer Harem

5. Juni 2010

Die 20jährige Tracy gehört mit ihren Eltern zur englischen.. na ja, vielleicht kann man es als untere Mittelschicht bezeichnen. Ohne große Ausbildung sitzt die intelligente und schöne junge Frau an der Kasse eines Supermarktes und driftet dort regelmäßig in ihre Phantasiewelten ab. Da kann es dann schon mal vorkommen, daß die Queen persönlich am Fließband steht und ihren Yoghurt kauft. Leider übersieht sie derart abgelenkt eines Tages den Ladendiebstahl, der sich direkt vor ihrer Nase abspielt und wird rausgeschmissen. Ihre Eltern beruhigt sie mit der Ankündigung, sich sofort eine andere Stelle suchen zu wollen. Die Beruhigung ist jedoch nur von kurzer Dauer, denn der Aufzug, in dem Tracy am Abend die elterliche Wohnung verläßt, läßt diese befürchten, sie würde sich in einem Bordell bewerben wollen…

Was sie natürlich nicht macht, aber das in dem geheimnisvollen persischen Lokal, an dem sie vorbeikommt, eine Bedienung gesucht wird, entgeht ihr nicht. Der Besitzer, Saaman Sahar wimmelt sie zwar erst einmal ab, doch sie ist hartnäckig und kommt am nächsten Abend wieder, schließlich steht das Schild noch im Fenster. Den Hinweis Sahars, dies sei ein persisches Lokal mit persischer Speisekarte kontert sie, in dem sie ihm die Speisekarte auswendig vorsagt. Mit dieser Leistung verblüfft sie Sahar und letztlich gibt er ihr den Job – eine Woche auf Probe.

Saaman Sahar hat seine eigene Geschichte, natürlich. Als Sohn einer Teheraner Metzgerdynastie, die zu Schahs Zeiten zu einigem Wohlstand gekommen war, studierte er in England und passte sich dort weitgehend den Sitten an. Bis auf die Tatsache, daß er zum Entsetzen seiner Eltern als Vegetarier wieder zurück in den Iran kam, denn nach einer Lebensmittelvergiftung durch Hamburger war ihm der Appetit auf Fleisch gründlich vergangen. Sahar hatte in Teheran mit vegetarischen Lokalen geschäftlichen Erfolg, verließ das Land aber sofort, nachdem Chomeni die Macht übernommen hatte.

In England, wo er seitdem lebt, ist er von seiner Seite aus ein honoriges Glied der Gesellschaft, die ihn ihrerseits im Zweifel immer spüren läßt, daß er Ausländer und Fremder ist. Daß er sogar im anglikanischen Kirchenchor singt, kennzeichnet ihn, der sagt, wenn es nur einen Gott gibt, ist das, was auf der Erde alles an Unterschieden gemacht wird, ziemlich kindisch…

Tracy, deren große Stärke u.a. das Lernen und das Behalten von Daten ist, kommt in seinem Lokal sehr gut klar. Sie freundet sich mit Yvette, ihrer Kollegin an, die Sahar ihr als seine Frau vorstellt. Auch die schöne Perserin Firouzeh, die Tracy bald darauf trifft, stellt Sahar ihr als seine Frau vor…. Zu ihrer Verblüffung sind die beiden Frauen überhaupt nicht eifersüchtig aufeinander, im Gegenteil, Tracy hat das Gefühl, sie seien die beiden besten Freundinnen, die man sich denken kann….

Im Hof hinter dem Lokal, wo Tracy ab und an ihre Zigarette raucht, trifft sie öfter auf den ebenfalls rauchenden Sahar. Die beiden kommen ins Gespräch und Sahar findet in Tracy das, was er vermisst: er, der passionierte Redner braucht einen Zuhörer, jemanden, der auf das, was er sagt, achtet, der Fragen stellt und interessiert ist. Und das ist Tracy, sie fragt ihn über Persien aus, holt sich Bücher, weiß bald mehr über den Iran als Sahar selbst. Tracy taucht in in diese neue Geschichte ein wie sie es früher mit ihren Phantasiegeschichten gemacht hat.

Um die Geschichte etwas abzukürzen: Tracy und Saaman („Sam“) Sahar werden sich immer sympathischer, kommen sich immer näher und näher, bis irgendwann keine Blatt mehr zwischen ihre Lippen passt…. sie verlieben sich, eine neue, unmögliche Liebe nimmt ihren Anfang. Yvette und Firouzeh werden damit konfrontiert und freuen sich, daß Sam endlich eine Liebe hat, die sich erfüllt. Und so kommt was kommen muss, Sam macht Tracy einen Antrag, er will sie zur Ehefrau nehmen. Die Hochzeit findet mit großem Pomp nach iranischem Ritus statt und Tracy zieht endgültig zu Yvette, Firozeh (deren beider Geschichten sie mittlerweile kennt) sowie den vier Kindern von Firouzeh und natürlich Sam nach Hause.

Damit wendet sich aber für Sam und damit auch für die gesamte Familie das Blatt. Vorher ob seiner Menage á trois schon einigermaßen suspekt, überfordert der „Scheißaraber“ die Toleranz seiner englischen Mitbürger, indem er jetzt auch noch eine Engländerin mit in seinen unmoralischen Sumpf zieht. Von zwei Seiten droht der Familie Gefahr: Zum einen fühlt sich der etwas tumbe Ex von Tracy an seiner „Ehre“ gepackt, daß diese ihn für einen Kameltreiber verlassen hat und über eine anonyme Anzeige bietet das Jugendamt alles auf, zumindest die Kinder aus diesen Verhältnissen herauszuholen.

Soweit zum Inhalt, es ist glaube ich, schon lang genug geworden, obwohl ich nur die groben Züge stark vereinfacht wieder gegeben habe. Aber man sieht gut, was für einen komplexen Roman McCarten hier vorlegt. Die Hauptpersonen sind natürlich Tracy und Sam, sie werden von ihm sehr liebevoll und äußerst sympathisch charakterisiert, aber auch der Kosmos der anderen Figuren, seien es nun die Eltern (Monica und Eric) von Tracy oder (natürlich) die beiden anderen Frauen, seien es nun tragische Charaktere wie Eric oder deren Nachbarin Emily, aber auch Nebenfiguren wie Mr Partridge vom Jugendamt – bei allen spürt man das Bemühen von McCarten, ihnen gerecht zu werden.

Das Buch ist ein Lehrstück über Toleranz und über die Liebe. Wieviel Fremdes kann und will eine Gesellschaft in ihre Kultur integrieren oder auch nur akzeptieren, wo stoßen unterschiedliche Lebensarten so aneinander, daß sie notgedrungen zu Konflikten führen, führen müssen? Wann verschwindet das „fremde“ Individuum hinter den Vorurteilen, die man der Gesellschaft, aus der es kommt, entgegenbringt, wann also tritt Sam als Person gegenüber den Vorbehalten, die man den Araberen (daß Perser genausowenig Araber sind wie z.B. wir, ist dabei egal, zeugt aber von solidem Unwissen..) gegenüber hat, in den Hintergrund? Spätestens dann, wenn die eigenen Leute gestohlen, in den anderen Kulturraum entführt werden, Frauenraub gewissermaßen. So findet Eric Sam eigentlich ganz ok, aber daß ausgerechnet seine Tochter diesen Kerl und dann noch unter diesen Verhältnissen… und auch die andere Seite hat ihre Ängste, Sams Eltern sind stockunglücklich, daß ihr Sohn eine Nichtmuslima, eine dritte Frau überhaupt…

Gierig greift man nach allen Bildern, die einem die Phantasie vorgaukelt. Was mag bei einem Mann und drei Frauen so abgehen? Das gesamte Jugendamt spekuliert und setzt alle Energie darein, die „Richtigkeit“ der eigenen abwegigen Vorstellungen, der unterdrückten Wünsche, des Neides und der Eifersucht zu beweisen.

Selbstverständlich ist andererseits auch die Frage berechtigt, ab wann die Toleranzgrenze einer Gesellschaft überzogen wird, wann man sich also zur Zielscheibe von Angriffen macht. Eine schwierige Frage, denn einerseits soll jeder nach seiner eigenen Art und Weise glücklich werden, aber es gibt eben auch Sitten und Gebräuche, die so fremd sind, daß man sie als Angriff auf die eigene Kultur und nicht als deren Bereicherung wertet und die man daher unwillkürlich und unbedingt bekämpft. Eine Frage, die jeder, der in eine solche Situation kommt, für sich, aber auch die Gesellschaft als Ganzes beantworten muss. Man muss ja nicht lange suchen, um auch bei uns selbst, in D, solche Fragen zu finden und sie sind wahrlich nicht einfach zu beantworten….

Facit: eine wunderschöne Geschichte, ein faszinierendes Buch über Toleranz, über die Liebe auch und das Erwachsenwerden, über Menschen eben….

Anmerkung:

Da die Vorstellung des schiitischen Islam die sogenannte „Zeitehe“ (Sigheh) kennt und dies eine gewissen Rolle im Buch spielt, ist hier ein Link zu einem iranischen (wordpress)Blogbeitrag mit Bild und ein Link zur Wiki

Anthony McCarten
Englischer Harem
Diogenes; 2009, Tb 592 S.
ISBN-10: 3257239408
ISBN-13: 978-3257239409

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One Response to “Anthony McCarten: Englischer Harem”

  1. Cara Says:

    Das hört sich echt toll an, werde ich mir auf jeden Fall merken!

    Gefällt mir


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