Lea Korte: Die Maurin

Um mal Monty Phyton zu zitieren: And Now For Something Completely Different … ein historischer Roman, ein Genre, das mir relativ fremd ist, zumindest hier im Blog. Aber nach all den schweren Büchern der letzten Wochen tut was leichteres (das ist nicht wertend gemeint!) auch mal gut, ausserdem hat mich die Autorin angesprochen, ob ich nicht mal…. und so geb ich mich dem Fluss der erzählten Geschichte hin und tauche ein in eine Zeit, in der der Islam eine tolerante, weltoffene Religion war und der Fundamentalismus eher auf der christlichen Seite lag. Das Stichwort „Inquisition“ mag dafür als Beleg ausreichen.

Die Geschichte, die Korte erzählt, spielt in den letzten Jahres des maurischen Reiches auf europäischem Boden. In den Jahrhunderten, die es auf der Iberischen Halbinsel bestand, hat es eine hohe Blüte erlebt, Kultur und Wissenschaft wurden betrieben, Handel und Gewerbe. Doch bei den Christen sammelte sich immer mehr Wut an über die Ungläubigen, die Heiden auf christlichem Grund und Boden und es wurde viel daran gesetzt, die Mauren wieder zu verjagen. Da auch im maurischen Reich der Zenit überschritten war und Streit unter einflussreichen Familien herrschte, hatten sie dem Ansturm der Christen unter der Königin Isabel nicht genügend militärische Kraft und politische Entschlossenheit entgegen zu setzen.

Zentrale Figur des Romans ist Zarah, eine junge Maurin aus einer einflussreichen Familie in Granada. Schon in jungen Jahren wird sie Palastdame bei der verstoßenen Sultanin Aischa und geniesst das Vertrauen der Sultanin. Bei einem der ersten geheimen und verbotenen Aufträge, die sie für ihre Herrin ausführt, sieht sie in der christlichen Delegation, die sie belauschen soll, den Adligen Gonzalo. Ohne daß sie das Gefühl, das sich in ihr breit macht, schon richtig benennen kann, weiß sie doch, daß Gonzalo ihr Herz angerührt hat. Damit ist ein weiterer zentraler Handlungsstrang des Romans schon dingfest gemacht: die verbotene Liebe einer Maurin zu einem Christen. Zarah, wie auch ihre Brüder und Schwestern, verlieren im Lauf des Romans schnell die Initiative, die vielen Kämpfe und Verwicklungen zwingen ihnen immer Handlungen und Aktivitäten auf, mit denen sie nur reagieren können. Immer mehr werden die einzelnen Personen in die Defensive gedrängt, eigene Entscheidungen können sie kaum noch treffen, und wenn, dann mit meist bitteren Konsequenzen für ihr Leben.

Die Handlung des ganzen Romans hier darzustellen wäre zuviel des Guten, zuviel passiert in den Jahren, Krieg und Plünderungen, Tod und Verderben, Liebe und Hass, Zerwürfnisse, Verrat und Treue.. wer das sucht, er wird es hier finden…

Was ist zu dem Roman zu sagen, was ist mir aufgefallen? Positiv auf jeden Fall, daß sich Korte vorwiegend der maurischen Sichtweise bedient, die Ereignisse aus deren Blickwinkel schildert. Dabei vermeidet sie den Fehler, die Mauren ihrerseits zu überhöhen, natürlich gibt es auch hier Verräter, Böse und Irrgleitete. Aber sie zeigt auch schon deutlich die Überlegenheit der damaligen maurischen Kultur über die der Christen, für meinen Geschmack hätte sie ruhig noch mehr Beispiele einfliessen lassen können, was „wir“ damals alles vom Islam übernommen haben an Wissen und Kenntnissen [hier mehr zu diesem Thema]. Auf der anderen Seite dagegen fängt gerade die Inquisition an, an Macht zu gewinnen, der im Buch auftretende Inquisitor Torquemada mit seinem Glaubensfanatismus ist hierfür Sinnbild. Andererseits nimmt Korte das Schicksal von Zahra auch als ein gutes Beispiel für Themen wie die untergeordnete Stellung der Frau im Islam bis hin zum Thema „Ehrenmord“. Diese sicherlich gut recherchierte historische Authentizität tut dem Roman gut, macht in interessant. Dazu gehören auch die Stammbäume der Herrscherhäuser im Anhang und die Zeittafel. Aber wie es im Leben so ist, macht man sich schon mal die Arbeit, ist sofort jemand da, der ruft: „Aber!“ Und das bin ich jetzt hier: eine kleine, klitzekleine Landkarte mit den wichtigsten Orten, die hat mir gefehlt….

Das Buch liest sich gut und flüssig durch, auch wenn man manchmal meint, man hätte die eine oder andere Person schon mal irgendwo gesehen, bzw. gelesen. Damit meine ich eine gewisse Stereotypie in ihren Charakteren, die zwar farbig beschrieben sein mögen, aber doch an der Oberfläche verharren. Vielleicht wäre es garnicht verkehrt gewesen, auf den einen oder anderen Schlenker in der Geschichte zu verzichten, die eine oder andere schwere Verletzung, die die Kräuterkundigen dann in aller Eile heilen, zu verschweigen, das Glück nicht bei so vielen Gefangenbefreiungen und Fluchten zu bemühen. Auch in Zahra hat Korte für meinen Eindruck etwas zuviel hineingeschrieben, zuviel gemessen an der Zeit, in der sie lebte und ein ums andere mal geradezu selbstmörderisch selbstständig und emanzipiert handelt…

Facit: Ich schließe mich (mit Vorurteilen behaftet, wie ich nun mal bin..) dem Urteil einer Rezensentin bei amazon an: Das Buch ist wohl eher für Frauen denn für Männer geeignet. Aber trotzdem: um einfach mal eine Geschichte erzählt zu bekommen, die einem zudem noch einige historische Fakten vermittelt, kann man das Buch gut in die Hand nehmen.

Lea Korte
Die Maurin
Droemer/Knaur, 2010, Tb, 663 S.
ISBN-10: 3426502305
ISBN-13: 978-3426502303

6 Kommentare zu „Lea Korte: Die Maurin

  1. Das habe ich schon, denn in den Online-Lesungen bekomme ich das ja auch immer wieder zu hören! ;-) Aber leider ist auch die neue Auflage, die jetzt schon rauskommt (bzw. schon raus ist) wieder ohne Landkarte. Also bleibt nur eins: auf meine Webseite gehen und sich dort die Karte holen. ;-)

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  2. Herzlichen Dank für die Rezi, und: oh ja, eine Landkarte hätte ich auch gern im Buch gehabt, aber der Verlag hat den Vorschlag leider nicht aufgegriffen.
    Künftigen Lesern kann ich nur raten, sich eine der Landkarten auf meiner Webseite (historische Extras) herunterzuladen bzw. auszudrucken.
    Liebe Grüße
    Lea
    http://www.leakorte.com

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  3. Zugegeben, historische Romane sind nur ganz, ganz selten mein Fall. Und auch dieses Buch werde ich, trotz wohlwollender Besprechung, eher nicht lesen. Aber ich denke, ich werde es verschenken. Ich habe da so ein weibliches Familienmitglied, für die das wohl genau das Richtige wäre. Und dank deiner ausführlichen Rezension kann ich ihr dann sogar noch eine Kleinigkeit dazu erzählen. Danke! ;-)

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    1. Aber gerne! Ja, Korte macht für ihren Roman – und sie hat ja alles Recht dazu – viel Werbung im Internet, und aus diesen Aktivitäten stammen wahrscheinlich auch einige der „wohlwollenden Besprechungen“, die du anführst…

      Und es freut mich, daß du jemanden hast, dem du den Roman schenken kannst. Ich denke, wenn man einen Draht zu Zahra bekommt, kann einen deren Geschichte schon packen und in die Fantasie entführen…

      Danke für deinen Kommentar!

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