Béla Szász: Freiwillige an den Galgen

22. Mai 2010

Als ich Katie Martons: Die Flucht der Genies ins Regal stellte, natürlich zu den andern Bänden der „Anderen Bibliothek“, die ich mir in den ersten zwei Jahren ihres Erscheinens gekauft hatte, blätterte ich einige der Bücher mal wieder durch. Auffällig, daß sich unter den ersten 24 Bänden immerhin zwei befinden, die sich mit Ungarn befassen, unter anderem das hier vorgestellte von Béla Szász. Am Anfang etwas sperrig – wieder so eine dunkle Geschichte von Unterdrückung, Folter und Knechtung – entwickelte sie sich bald zu einer sehr scharfsinnigen und ausführlichen Analyse dessen, was hinter den berüchtigten Schauprozessen in der Ära des Stalinismus (und verallgemeinerbar hinter allen politischen Schauprozessen) steht, welche Funktion sie haben, nach welcher Logik zu funktionieren und wie sie choreographiert werden. So nahm mich das Buch dann schon nach wenigen Seiten in seinen Bann, es war ehrlich gesagt trockener, aber sehr spannender Lesestoff. Obwohl – ganz so trocken war er auch nicht, an manchen Stellen befleißigt sich der Autor eines sehr ironischen Stils, mit dem er den Folterhorror um so deutlicher werden läßt.

Béla Szász [2] arbeitet 1949 als Leiter der Presseabteilung des Landwirtschaftsministeriums in Budapest. Eines Tages wird er von mehreren Männern des Staatssicherheitsdienstes gebeten, mitzukommen, eine kurze Besprechung läge an. Dies ist der Beginn einer vieljährigen Inhaftierung, im größeren Massstab gesehen ist seine Verhaftung Teil einer Entwicklung, die letztlich in den Aufständen von 1956 mündet.

Ich will nicht auf Details eingehen. Szász, der ja viele Jahre im Ausland gearbeitet hat, wird beschuldigt, Spionage betrieben zu haben. Die Anschuldigungen sind absurd, die höheren Dienstgrade wissen auch darum, die niederen glauben jede noch so abwegige Denunziation, wähnen ihren Staat in Gefahr gebracht durch diesen Mann (und seine Mitverschwörer). Entsprechend wütend und konsequent setzen diese Männer ihre Art der Befragung (ironisch nennt Szász dies an einer Stelle seine „Abendgymnastik“): Prügel mit Gummiknüppel, wo immer sie auch treffen… Natürlich gibt es im Lauf der nächsten Tage auch systematischere Befragungen: Es wird nur noch auf die Fusssohlen geknüppelt. Oder auf die Hände.. Oder der Mund mit Salz gefüllt. Oder 9 Tage lang Stehen befohlen ohne Nahrung und Schlaf. Hunger ist schnell das beherrschende Gefühl (dies erinnert an die Aufzeichnungen von Pastior). Er pinkelt nur noch Blut, gebrochene Rippen, bis zu Unkenntlichkeit geschwollene Füße und Hände, dreckig, stinkend … Unterbrochen dies alles durch Verhöre mit immer denselben absurden Fragen und Verdächtigungen. Nur gestehen müsse er, sein Geständnis unterschreiben, was er zu gestehen habe, bekommt er gesagt. Dies geht monatelang, in verschiedenen Gefängnissen (untergebracht zum Teil in Löchern, in denen das Wasser auf dem Boden steht, man sich nicht ausstrecken kann und sich nur gehockt .. ja, was eigentlich? .. aufhalten?? kann, mit verschiedenen Verhöroffizieren und -methoden. Und immer dem gleichen Ziel: einem absurden Geständnis.

Wozu dies alles?

Zu dieser Frage analysiert Szász viele Interna der ungarischen Führungs“elite“ und -struktur. Dies ist für einen Aussenstehenden natürlich nur schwer nachvollziehbar. Klar wird aber schnell, daß (die zu 100 % von Moskau gesteuerten Vorgänge) dazu dienen, alle kommunistischen Führer, die im Krieg im westlichen Ausland im Untergrund waren, zu eliminieren. Warum dies alles? Hatte doch der Kreml „..Mittel und Wege, jeden jederzeit aus jeder politischen Stellung in Ungarn auch ohne Schauprozess spurlos verschwinden zu lassen. Der entscheidende Punkt war, wer am besten geeignet sei, als Instrument des Kreuzzugs gegen die Ketzerei und der allgemeinen Einschüchterung zu dienen, wer mit einem gewissen Maß an Wahrscheinlichkeit der Welt als Verräter an den Ideen Moskaus präsentiert werden könnte… [S. 249]“ Und dafür kamen nur solche Kommunisten in Frage, die zumindest zeitweise fremdem, westlichem Gedankengut ausgesetzt waren. Die Prozesse waren also Mittel zur Festigung der Macht, zur Etablierung auch des von Moskau gesteuerten Staatssicherheitsdienstes als eigentlichem Machtzentrum und zur Abschreckung und Einschüchterung nach Innen. In den Prozessen trennten sich, nach Szászs Worten, die „..die Gläubigen von den Ungläubigen, hier wurde die Spreu vom Weizen gesondert. ..[S.239]“. Überhaupt hebt er an einigen Stellen diesen quasi-religiösen Zug hervor: wie Christen daran glauben, da Jesu über das Wasser gelaufen ist, glaubt der Weizen an die Schuld der Angeklagten: „Credo, quia absurdum est“: Ich glaube, weil es unsinnig ist [a.a.O.]. Nach aussen hin war der Prozess auch und gerade gegen Tito gerichtet, der sich ja von den Moskauer Lehren abgewendet hat. Es sollte „entlarvt“ werden, daß „… Tito und die Mehrheit der derzeitigen jugoslawischen Regierungsmitglieder als verbündete der amerikanischen Imperialisten und als gewöhnlich Agenten der amerikanischen Spionageorganisationen… [S. 233]“ arbeiteten.

Szász analysiert das Wesen des Schauprozesses gegen den ehemaligen Innenminister Rajk, dessen unwilliger und bockiger Teil er ja war. Wie funktioniert so ein Verfahren im wesentlichen? Nun, in Ungarn genau mit diesem Wort: „im wesentlichen“. „Im Wesentlichen“ „…überbrückte den Abgrund zwischen Verdacht und Verbrechen…[S. 131]“ : z.B. war bei Menschen, die das Land illegal verlassen wollten, anzunehmen [auch so ein tödliches Wort], daß sie Spionageagenturen westlicher Geheimdienste informieren würden und daher waren diese Leute im wesentlichen Spione. Kannte nun ein Dritter einen solchen Flüchtling, wurde aus diesem Kontakt flugs ein Spionagekontakt (da ja gezeigt worden war, daß jener (im wesentlichen) ein Spion war), mit der Folge, daß man nach wenigen Schritten nur noch Spionagekontakte hatte….. [S. 131 ff]. Eine perfide „Logik“, nach Szász gefährlicher als frei erfundene Vorwürfe…..

XY ist ein imperialistischer Agent. Realisieren! Farkas. [S. 117]“

Dieser dürre Satz des ungarischen Verteidigungsministers [3] (natürlich nach Vorgaben Moskaus) leitete alles ein. Das Urteil und auch die zu Verurteilenden waren festgesetzt (“ ist ein imperialistischer Agent“), die Begründung muss realisiert werden, die Aufgabe des Staatssicherheitsdienstes. „„Realisieren“ das heißt, das Urteil ausführen, wie die Bauleute den Plan des Architekten ausführen.“ [S. 117].

Für den Prozess der Realisierung differenziert Szász drei Phasen:

(i) im ersten Abschnitt sollen die Verdächtigen moralisch gebrochen werden und Geständnisse ablegen, mit denen sie sich selbst und ihre Mitgefangenen belasten
(ii) mit diesem Rohmaterial an Geständnissen wird das erste Konzept zusammengestellt, die Geschichten aufeinander abgestimmt und Unstimmigkeiten beseitigt
(iii) in der abschließenden Phase wird der letzte glättende und verschönernde Schliff gegeben: die Szenerie wird aufgebaut und der Öffentlichkeit präsentiert.

Danach wurde dann der eigentliche Prozess durchgeführt.

Diese drei Phasen beschreibt Szász aus eigenem Erleben sehr plastisch und genau, dabei mit einem Abstand, der die Schilderungen glaubhaft sein läßt. Er, der selbst nie etwas unterschrieben hat, überlebt nach dem unergründlichen Plan der Strippenzieher, viele derjenigen, die die falschen Versprechen geglaubt haben, werden zum Tod verurteilt. Aber die Qual und die Folter hört auch nach dem Prozess für die zu langen Haftstrafen verurteilten nicht auf, es ist eigentlich ein Wunder, daß man solche Zustände über Jahre hinweg überleben kann. Viele haben es auch nicht…. Szász selbst nimmt an, daß die Tatsache, daß er sich selbst immer im Spiegel sehen konnte, weil er seine Grundsätze nie verraten hat und nie nachgegeben hat, moralisch also immer richtig gehandelt hat, ihm geholfen hat.

Die Ironie der Geschichte.. viele derjenigen, die in dem Rajk-Schauprozess als Strippenzieher und Offiziere beteiligt waren, waren einige Jahre später, als sich der politische Wind gedreht hatte und andere Kräfte an der Macht waren, selbst Opfer von falschen Anklagen und saßen in denselben Zellen, in denen sie zuvor andere sperrten. Die Verurteilten des Rajk-Prozesses wurden rehabilitiert, das Vertrauen in die kommunistische Partei jedoch war schwer erschüttert. Wenige Wochen nach der pompösen Umbettung des seinerzeit gehängten Rajk brach der Aufstand in Ungarn aus.

Facit: ein sehr interessantes Buch sowohl über ein konkretes politisches Ereignis als auch eine tiefgründige Analyse totalitären Handelns.

Links:

[1] Wiki-Artikel zu László Rajk
[2] Biographische Angaben zu Béla Szász
[3] Wiki-Artikel zu Mihály Farkas

Béla Szász
Freiwillige an den Galgen
Greno, Nördlingen 1986, HC, 380 S.
Die Andere Bibliothek Band 19
ISBN 3891902190

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