Sue Monk Kidd: Die Meerfrau

Jessie Sullivan, Hausfrau, Mutter und verhinderte Künstlerin, lebt mit ihrem Mann Hugh, einem Psychiater, in Atlanta, die Tochter Dee ist mittlerweile aus dem Haus, um zu studieren. Die Ehe der beiden ist harmonisch, sie läuft in der täglichen Routine in den mittlerweile seit Jahren eingespielten Rollen Tag für Tag ab. Jessie stammt von Egret Island, einer kleinen Insel vor der Küste von South Carolina, dort hat sie bis zum Tod ihres Vaters, bei dem sie 10 Jahre alt war, eine glückliche Kindheit erlebt. Danach wurde alles anders und Jessie verließ die Insel, in den letzten Jahren sogar im Streit mit ihrer Mutter.

Da ruft eines Tages Kat, ihre Tante, an und teilt Jessie mit, daß sich ihre Mutter einen Finger abgeschnitten hat. Natürlich ist Jessie erschüttert und reist – trotz des Zerwürfnisses mit ihrer Mutter – auf die Insel. Dort findet sie vieles unverändert vor, aber auch manches ist anders und sie merkt schnell, daß auf der Seele ihrer Mutter ein schwerer, dunkler Schatten liegt.

Touristischer Anziehungspunkt der Insel ist das dortige Benediktinerkloster mit seinem Meerjungfrauenstuhl [2], um den viele Sagen und Geschichten kreisen. Die Mönche sind schon älter, nur einer von ihnen, Bruder Thomas, ist noch jünger. Und in diesen verliebt sich Jessie bei der ersten Begegnung so wie er sich in sie.

Die Rückkehr auf die Insel ruft in Jessie alle längst verschüttet geglaubten Erinnerungen an ihre Kindheit wieder wach. Voller Melancholie und Sentimentalität reist sie in ihren Gedanken immer und immer wieder zurück, vor allem zu ihrem Vater, an dessen Tod sie Schuld zu haben glaubt, denn es scheint festzustehen, daß der Funken, der sein Boot zum Explodieren brachte, aus der Pfeife stammte, die sie ihrem Vater geschenkt hatte. Doch dann findet sie eines Tages die Pfeife ganz hinten in einer Schublade, verwahrt und versteckt von der Mutter mit anderen Erinnerungsstücken. Damit wird ihr gesamtes Leben durcheinander gewirbelt, denn die vermeintliche Schuld, die sie seit ihrer Kindheit trägt, scheint nicht zu existieren.

Mit einem Mal ist alles in Frage gestellt, denn so wenig, wie sie hierauf eine Antwort weiß, so wenig kann sie sich der Erkenntnis erwehren, die ihre so fest geglaubte Beziehung zu Hugh durchschlagen hat und sie das nie für denkbar gehaltene machen läßt: sie läßt sich auf ihre Liebe zum Mönch ein, wird zur Meerfrau, die nach Liebe sucht und nach Erlösung. Bei Hugh kann sie die nicht finden, hier sind die Verhältnisse festgezurrt, feste Rollen verteilt und damit auch Fesseln gelegt, die Jessie jetzt auf der Insel abstreift.

Sie, die sich zu Hause künstlerisch mit Dioramen auseinandersetzte, mit Kästen, in den sie ihre Figuren einsperrte, besorgt sich Malutensilien und fängt, von Kat angeregt, wieder an zu malen. Meerjungfrauen malt sie, immer wieder Meerjungfrauen, sie malt sie für Kat, die diese in ihrem Lädchen verkaufen will, aber in Wirklichkeit malt sie ihre Seele, die aufgewühlt und in Unruhe ist, sie malt ihre Wünsche, ihre Gier, ihre neue Liebe in die Bilder hinein, Ebbe und Flut sind ihr Motiv….

Jessie durchlebt eine Art weiblicher Midlifecrisis, für sie stellt sich alles in Frage. Sie spürt, daß ihr die neue Beziehung zu Whit neue Räume in ihr selbst erschließt, sie erkennt, wie sehr sie sich in ihrer alten Ehe selbst gefesselt und auf bestimmte Rollen festgelegt hat. Aber natürlich ist auch die neue Liebe, zu einem Mönch zumal, nicht unproblematisch, schlechtes Gewissen und Schuldvorwürfe lasten auf ihr.

Obwohl sie auf der Insel recht zurückgezogen bei ihrer Mutter lebt, ist sie nicht alleine. Es gibt einen alten, sehr intensiven Bund zwischen Nelle, Jessies Mutter, Kat und Hepzibah, einer weiteren, von Sklaven abstammenden Freundin. Geschlossen wurde er bei den früher gefeierten Allerfrauen-Picknicks am Strand, ein geflochtenes Band, das die Leben der drei Frauen verschweissen sollte, wurde dem Meer überantwortet…. Dieser Frauenbund existiert immer noch und er trägt Jessie und ihre Mutter in ihr (in gewissem Sinn) neues Leben mit hinein.

Zwei Lieben stellt Kidd uns hier gegenüber: die gewöhnliche (so schreibt sie in ihrem Interview [1]), eheliche Liebe, abgeschliffen, eingefahren, routiniert mit vllt schon daran ermüdeten Partnern. Und die sprichwörtliche Liebe auf den ersten Blick, allumfassend, intensiv, verzehrend. Wie kann man zwischen diesen beiden Extremen entscheiden, der Sicherheit, Geborgenheit und Verlässlichkeit auf der einen, dem Feuer, der Lust und Gier nach Leben – auch dem Risiko des Scheiterns – auf der anderen Seite?

Die Autorin wählt die „amerikanische“ Lösung [4], Jessie reift an der Situation, sie kann auch die Frage nach ihrer Schuld an des Vaters Tod lösen. Aber auch Bruder Thomas ist kein Verlierer, auch er erkennt das wahre Motiv seiner Liebe zu Jessie… und so kann sie die Ehe zwischen Hugh und Jessie retten, in veränderter, gereifter Form…. ein zuckersüßes Ende.

Natürlich steht im Buch noch viel mehr an Details, spielen viel mehr Personen eine Rolle, werden beschrieben und charakterisiert. Gleiches gilt für die Marschlandschaft auf Egret Island, die Tiere dort und die Pflanzen, das Meer, den Himmel…. all dies beschreibt Kidd zum Sehnsucht bekommen, in leichten, zarten Bildern voller Einfühlungsvermögen und Sensibilität.

Es ist ein leises Buch voller Nachdenklichkeit, eine Reise in das Innere der Protagonisten, eine Begegnung von ihr mit sich selbst. Behutsam und mitfühlend führt uns Kidd mit auf diese Reise zur Seele Jessies, in der Schuld vergraben ist und der Verlust des Vaters sich eingebrannt hat, ihr Leben immer noch bestimmt. Dies zu erkennen ist ihre Befreiung, sie ist bei sich angekommen und kann zu sich stehen.

Facit: leise und eindringlich, nachdenklich und vielschichtig. Nur das Ende ist mir etwas zu süß….

Links:

[1] Interview mit der Autorin
[2] Meerjungfrauenstuhl in der Kirche St. Senara
[3] Wiki-Artikel zur Meerjungfrau
[4] Im Film „Vertrauter Feind“ sagt der Ire (Brad Pitt) zum Amerikaner (Harrison Ford) an einer Stelle auf die Frage, wie dieses gezeigte Risiko wohl ausgehen werde, das sei kein amerikanischer Film, sondern ein irischer. Soll meinen: blutig… ich muss oft an dieses Zitat denken…. so auch hier

Sue Monk Kidd
Die Meerfrau
btb ,2008, 384 S.
ISBN-10: 3442733227
ISBN-13: 978-3442733224

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