Sherwin B. Nuland: Wie wir sterben

Der Mediziner Nuland veröffentlichte 1993 sein Buch: „How to Die“, das ein Jahr später in deutscher Übersetzung erschien. Soweit ich mich erinnere (ich habe mir das Buch schon damals, direkt nach dem Erscheinen gekauft) war das seinerzeit schon ein wenig aufsehenerregend, wie in dieser Deutlichkeit Krankheitsverläufe und Sterbeprozesse beschrieben wurden. Mittlerweile hat dieses Thema gottseidank weitgehend seinen Tabucharakter verloren, Institutionen und Einrichtungen wie die Hospizbewegung, Patientenverfügung, Betreuungsvollmachten, das Aufkommen der Palliativmedizin haben dazu ebenso beigetragen wie die inzwischen mehr wie zahlreichen Publikationen zum Thema.

Ich erinnere mich noch gut, daß ich das Buch von Nuland damals nicht zu Ende gelesen habe, mir waren diese expliziten Schilderungen, was einmal (auch mit mir) geschehen wird, zu belastend. Da ich mich aber heutzutage viel mit diesem Thema auseinandersetze (im Blog habe ich ja schon einige Bücher zu diesem Themenkomplex vorgestellt), habe ich mir auch „Wie wir sterben“ noch einmal aus dem Regal geholt.

Ausgehend von seinen eigenen Erfahrungen als Mediziner untersucht Nuland das Thema unter zwei Aspekten: zum einen dem rein medizinischen Aspekt: was passiert im Körper bzw. ist passiert, wenn der Mediziner diese oder jene Krankheit diagnostiziert. Welchen Schaden hat sie angerichtet, wie ist sie zustande gekommen, was kann man dagegen tun, welche Aussichten bestehen. (Selbstverständlich ist das Buch, das vor 17 Jahren erschient, bzgl der medinzinischen Seite nicht mehr Stand der Technik, diese hat sich was Diagnostik und auch Therapie angeht sehr viel weiterentwickelt.) Und es ist nicht immer schön, was das Alter für den Menschen bereit hält, Phillip Roth hat es ja (wenngleich auch nicht unwidersprochen [2]) als „Massaker“ [1] bezeichnet….. Ausführlich geht Nuland auf folgende Krankheiten ein: den Herzinfarkt, den Schlaganfall, Krebs, Alzheimer und Aids (wobei diese Krankheit damals noch relativ „neu“ war). Ferner bespricht er allgemeine Alterungsvorgänge beim Menschen, ein Abschnitt beschäftigt sich mit Unfall, Selbstmord und Sterbehilfe. In diesen Kapiteln arbeitet er anhand von Einzelfällen allgemeine Charakteristika der jeweiligen Krankheiten heraus und stellt diese klar, deutlich und verständlich dar.

Das Buch hat den Untertitel „Ein Ende in Würde?“, wobei das Fragezeichen wichtig ist, denn es ist schon eine Frage, was unter der Würde eines Kranken, Sterbenden zu verstehen ist. Der körperliche Verfall eines Menschen, dieses angesprochene „Massaker“, kann (und garnicht mal so selten) zu Zuständen führen, bei denen man schwerlich von würdig reden kann. Inkontinenz, geistige Verwirrung, Orientierungslosigkeit, völlige Hilflosigkeit, Sprachverlust und damit der Verlust an Eigenständigkeit stellen eine so große Einbuße dar, daß darunter auch das gesamte Bild des Menschen leidet.

Was also heißt es, die Würde des Sterbenden zu wahren, sozusagen den kontinuierlichen Übergang zur Totenwürde [3] zu meistern? Es heißt im Grunde, auch den Sterbenden in seinem Menschsein zu achten, ihn in seinen reduzierten und jetzt sehr spezifischen Bedürfnissen ernst zu nehmen, ihn nicht allein zu lassen, ihn zu begleiten. Es heißt, ihm gegenüber wahrhaftig zu sein, ihm keine Hoffnung machen (die er, der Sterbende unter Umständen sowieso nicht glauben wird), wo keine ist, die eigene Unsicherheit zugeben, wo sie vorhanden ist, fähig sein, mit ihm über Tod und Sterben zu reden, ihn zu fragen, was er braucht, um eventuell Frieden zu finden. Nuland führt ein langes Zitat aus Tolstois Novelle: Der Tod des Iwan Iljitsch an, in dem dieser bitterliche Klage darüber führt, warum ihn jeder anlügen würde ob seines Zustandes und niemand mit ihm redete: „Das, was Iwan Iljitsch am meisten quälte, war die Lüge….“ [4]

Vor allem auch appelliert Nuland an seine Berufskollegen, den Tod eines Patienten nicht länger als Niederlage der ärztlichen Kunst aufzufassen, sondern als das natürliche Ende eines jeden Lebens, eines jedes Lebewesens, das existiert. Sind die Lebensspannen auch noch so unterschiedlich wie zwischen Eintagsfliege und Mammutbaum, alles lebende wird sterben, muss sterben. Deshalb, so Nuland (und an diesen Forderungen hat sich auch Jahre später nichts geändert, vgl. Ridder [5]) sollte der Arzt immer auch den Menschen und sein Wohl im Auge haben und sich nicht nur auf die Krankheit konzentrieren. Sinnloses Behandeln, daß weniger Leben verlängert als eher das Sterben verhindert, lehnt er deutlich ab, auch aus den eigenen Erfahrungen und Fehlern seines Berufslebens heraus.

Daß diese Forderungen im Grundsatz heute noch genauso an die Ärzteschaft gerichtet werden müssen [5], bedeutet natürlich auch, daß Nulands Appell sich zumindest noch nicht allgemein durchgesetzt hat, daß verbreitet immer noch behandelt wird um der Behandlung willen, und nicht um des Patientenwohls willen. Eine Behandlung muss „vernünftig“ sein, daß heißt, eine akzeptable Chance auf Verbesserung bieten. Was akzeptabel ist, das haben Arzt und Patient gemeinsam festzulegen [6], vor allem unter dem Gesichtspunkt des Patientenwohls.

Facit: Hier hat sich ein Arzt Gedanken gemacht um seine Tätigkeit und auch aus Fehlern gelernt. Immer noch sehr lesenswert.

Anmerkungen und Links:

[1] Interview mit Philipp Roth im Spiegel
[2] H.J. Vogel in der FAZ
[3] vgl. zu diesem Begriff: Uden R.: Wohin mit den Toten? Totenwürde zwischen Entsorgung und Ewigkeit, Gütersloh 2006
[4] hier kann in Auszügen die Textstelle nachgelesen werden
[5] Michael de Ridder: Wie wollen wir sterben? zur Buchbesprechung
[6] in diesem Zusammenhang sind die „Diktate über Sterben und Tod“ von Peter Noll (Piper, 1984) interessant, der nach einem diagnostizierten Blasenkarzinom jegliche Behandlung verweigert – obwohl die Überlebenschancen anfänglich mit 50 % angegeben werden (S.9). Noll spricht an anderer Stelle (S. 26) sogar davon, daß „der Lebenszwang einfach nicht so stark sein [darf], dass du all dies [Apparate, Kanülen in jeder Körperöffnung etc pp] über dich ergehen läßt. Der Lebenswille muss sich dem entgegensetzen.“
Vllt. sollte ich das Buch doch mal weiterlesen, ich habe es nach mehreren Anläufen immer wieder beiseite gelegt. Es sind zu viele allgemeine Betrachtungen in diesen Diktaten, die mich nicht so interessieren….

Sherwin B. Nuland
Wie wir sterben
Kindler, 1994, HC, 400 S.
ISBN-10: 3463402114

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