Kati Marton: Die Flucht der Genies

2. Mai 2010

Kein anderes Land Europas hat, gemessen an seiner Bevölkerungszahl, so viele Nobelpreisträger hervorgebracht wie Ungarn. Kati Marton, der Diktatur 1956 mit ihrer Familie selbst nur knapp entkommen, schildert das Schicksal von neun hochtalentierten ungarischen Juden, die erst vor den Schrecken der Horthy-Diktatur und dann vor den Verbrechern des Nationalsozialismus fliehen mussten und die später die Welt veränderten. Ohne die Nuklearphysiker und Mathematiker Léo Szilárd, Eugene Wigner, John von Neumann und Edward Teller hätte es die Atombombe nicht gegeben. Die Photographen André Kertész und Ropert Capa prägten Kunst- und Kriegsphotographie des 20. Jahrhunderts.

Der Regisseur Michael Curtiz ist der Schöpfer des unsterblichen Melodrams »Casablanca«. Alexander Korda, Produzent von »Sein oder Nichtsein« und »Der dritte Mann« beeinflusste die britische Filmgeschichte wie kein anderer. Arthur Koestler schließlich zählt zu den berühmtesten politischen Essayisten und Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Sie alle gehörten einer Generation an und wuchsen auf in der goldenen Periode Budapests. [1]

Ungarn, in der Mitte unseres Kontinents gelegen, beherbergt, frei nach Koestler, dessen einsamste Menschen, denn ihnen fehlen die ethnischen und sprachlichen Verwandten. So fühlen sie sich isoliert und auf sich allein gestellt, vielleicht weckt dies in besonderer Weise ihre Kreativität und Leistungsfähigkeit.

Nachdem Ungarn als Teil der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn [2] Gleichberechtigung erlangte, nahm es einen erstaunlichen Aufschwung. Es herrschte Aufbruchstimmung, es wurde gebaut, Budapest entwickelte sich mit seinen Theatern, Cafés und Geschäften zu einer der lebendigsten Metropolen auf dem Kontinent, voller Lebensfreude und Begeisterung. Ein großer Teil dieser Entwicklung geht auf das Konto des sehr großen Anteils an Juden unter der Budapester Bevölkerung. Diese waren – ganz im Gegensatz zur jüdischen Kultur des polnischen Schtetl, wie sie z.B. Singer schildert [3] – assimiliert, lebten nicht in Ghettos oder eigenen jüdischen Stadtteilen und waren auch oft nicht sehr religiös [4].

Alle neun Männer, die Marton porträtiert, wurden in dieser kurzen, hellen Periode der ungarischen Geschichte geboren, die nach dem 1. Weltkrieg mit dem wieder erstarkenden Nationalismus umschlug und endete. Gewalt, Angst und Unfreiheit veränderten das Klima und unterdrückten nicht nur die Eigenschaften, die Freiheit und Inspiration, die Gedankenaustausch und Diskussionen brauchen, um zu gedeihen, sondern vertrieben auch und gerade die hellsten Köpfe, die freiesten Geister. Jung waren sie noch, diese Männer, als sie aus der Geborgenheit ihrer Verhältnisse herausgerissen und letztendlich vertrieben wurden. Sie flüchteten in andere Städte wie Berlin oder Paris, zum Teil mussten sie auch von dort wieder weiter fliehen, denn mit Hitler und dem Nationalsozialismus sollte das Schlimmste erst noch kommen. Zum Teil wurden sie nirgends mehr heimisch, lebten mit gepackten Koffern, in Hotels, weil sie keine Wohnung ertrugen, aber sie nahmen die ungarische Kultur mit, die sie erlebt und mitgeprägt hatten, die Diskussionsfreude, den Cafébesuch und den Drang, nicht zu stagnieren, sondern weiter zu gehen, neues zu probieren.

Marton stellt das Schicksal ihrer Hauptpersonen immer in der jeweilige Epoche vor: ihre Kindheit in den Familien während der goldenen Jahre, die Phase wachsender Gewalt und Unterdrückung, die Flucht aus Ungarn und schließlich das Leben in der Fremde. So lernt man parallel zu den Schicksalen der neun Männer einen Aspekt der europäischen Geschichte, der einem normalerweise etwas entfernt liegt. Von ca. 1920 bis in die Neuzeit, ca. 1990 mit dem Fall der Mauer und des gesamten Eisernen Vorhangs, lebte Ungarn unter totalitären Regimen unterschiedlicher Coleur, aber immer mit gleicher Charakteristik: Unterdrückung, Gewalt, Angsterzeugung. Auch die vormals so unbehelligt und gleichberechtigt lebende jüdische Bevölkerung musste noch 1944 ihre „Sonderstellung“ erfahren, noch kurz vor Kriegsende setzte Eichmann alles dran, sie auszulöschen [5]

Die neun Männer sind – wie nicht anders zu erwarten – äußerst unterschiedliche Charaktere, geprägt nicht nur durch ihre Veranlagung und ihr Talent, sondern auch durch ihre Erfahrungen, die sie zu Vertriebenen machte. So wird im Lauf des Buches klar, wieso z.B. Teller (dieser Dr. Seltsam, der die Bombe liebte) so verbissen als (kalter) Krieger auftrat und der Sowjetunion (und allen „Linken“, Oppenheimer musste es besonders büßen) immer mit Misstrauen entgegentrat. Kertesz hingegen, der „stille“ Fotograph mit dem Auge für Komposition und den richtigen Zeitpunkt, geriet lange in Vergessenheit, anders als der lebensdurstige Capa, der als Kriegsphotograph Karriere machte und schnell eine Berühmtheit war.

Nach dem Lesen des Buches hatte ich das Gefühl, ich würde die von Marton porträtierten Männer kennen, so einfühlsam, so sorgfältig (auch mit ihren negativen Eigenschaften) werden sie dargestellt. Der Anhang offenbart, welches Ausmass das Quellenstudium der Autorin gehabt haben muss… Natürlich nimmt die Autorin als Jüdin und ebenfalls aus Ungarn geflohene besonderen Anteil an den Lebensgeschichten, die sie erzählt – aber dies kommt dem Buch sehr zugute, denn dadurch hat das Buch nichts konstruiertes, sondern ist von der ersten Seite an authentisch. Marton beschreibt in gewisser Weise mit diesem Buch auch ihr eigenes Schicksal, schreibt sich dieses Schicksal von der Seele. Die Gespräche, die sie in der Vorbereitung für ihr Buch mit diversen Menschen, Verwandten, Bekannten der neun Männer, führte, müssen für sie selbst eine äußerst intensive Aufarbeitung ihrer eigenen Familiengeschichte gewesen sein.

Wenn es eins an dem Buch zu be“mängeln“ gibt, dann ist es, daß es nur relativ wenige Beispiele der fotographischen Arbeiten von Kertesz und Capa enthält. Viele Bilder werden im Text erwähnt, auch beschrieben, aber das kommt natürlich in keiner Weise an das „Schauen“ heran… [7]

Facit: ein hochinteressantes Buch über ebensolche Schicksale

Links/Anmerkungen:

[1] Nach der Verlagsbeschreibung des Buches
[2] Wiki-Artikel zur Doppel-Monarchie Österreich-Ungarn
[3] vgl hier im Blog der Roman „Schoscha
[4] 1867 war in Ungarn ein Gesetz zur Emanzipation der Juden erlassen worden, in dessen Folge sehr viele Juden vom Land in die Städte zogen. Zeitweise betrug der jüdische Anteil an der budapester Bevölkerung über 20%, 1912 wurde ein jüdische Bürgermeister gewählt, Juden hatten ebenso Zugang zu allen Bildungs- und kulturellen Einrichtungen.
[5] vgl. Imre Kerteszs „Roman eines Schicksallosen“ (dieser Kertesz ist nicht verwandt mit dem Fotographen, den Marton vorstellt, aber auch ein Ungarn, der einen Nobelpreis erhalten hat…)
[6] ganz abgesehen davon, daß es Szilard und Wigner waren, die Einstein zur Unterschrift unter den berühmten Brief an Roosevelt brachten, in dem jener seiner Sorge Ausdruck verlieh, daß es in Kürze möglich sein könnte, atome Kettenreaktionen zum Bau von Bomben zu nutzen und die Vereinigten Staaten selbst an der Entwicklung solcher Bomben arbeiten sollten.
[7] über Andre Kertesz gibt es in der stern-spezial Reihe: Fotographie einen Portfolio, in dem eine Vielzahl der beschriebenen Bilder zu finden sind [Andre Kertesz, teNeues Verlag 2003, ISBN: 3570194264). Bei diesen Portfolios nachzuschauen ist mir leider auch erst eingefallen, als ich das Buch von Marton ausgelesen hatte….
Nachtrag: Ende 2011 ist auch ein Portfolio über Robert Capa veröffentlich worden

Kati Marton
Die Flucht der Genies
Die Andere Bibliothek Bd.
Eichborn; März 2010, HC, 400 S.
ISBN-10: 382186219X
ISBN-13: 978-3821862194

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