John Burnside: Die Spur des Teufels

„Die Spur des Teufels“ von Burnside ist ein verstörendes Buch. Es ist eine Reise in das Innere eines Menschen, in die Ambivalenz der menschlichen Seele….

Michael Gardiner lebt mit seiner Frau Amanda in Coldhaven, einer kleiner schottischen Küstenstadt. In der Morgenzeitung liest er vom schrecklichen Suizid einer Frau, die sich mit ihren zwei kleinen Söhnen in einem Auto verbrannt hat. Diese Frau, das wird ihm bald klar, ist seine frühere Freundin Moira, mit der ihn außer seiner Liebschaft noch ein weiteres, schreckliches Geheimnis verbindet. Und vielleicht sogar ist die noch lebende Tochter Moiras sein Kind, rechnerisch möglich jedenfalls wäre es.

Diese Zeitungsnotiz weckt alte Bilder in Michael, der als Kind mit seinen Eltern, einem Künstlerehepaar, in dieses Städtchen gezogen war. Dort werden sie, die Eltern so wie Michael, Zielscheibe der Nachstellungen der Einheimischen. Sie sind und bleiben Fremde mit fremden Interessen und Gewohnheiten, mit einer unbekannten, gleichwohl unheilvollen Vergangenheit, sie fordern den Widerstand der Alteingesessenen, die lieber unter sich bleiben wollen, geradezu heraus. Besonders prägend war dies für Michael, den sich Malcolm Kennedy als speziellen Freund erkor, ihm Geld abpresste, ihn schlug, schikanierte und drangsalierte, wie es ihm in den Kram passte. Erst Mrs Collings, eine alte, ebenfalls als sonderlich verschrieende Dame, nimmt sich des Jungen Michael an und zeigt ihm eine Möglichkeit sich zu wehren.

Die Frage, ob Hazel, die Tochter Moiras und Enkelin jenes Malcolm, sein Kind ist, läßt ihn nicht los. Er fängt an, Hazel zu beobachten, ihr Leben zu erkunden, aber er unterschätzt das Mädchen, das seine Nachstellungen bald bemerkt. In einem plötzlichen Entschluss entflieht Michal auf einmal seiner Ehe mit Amanda, die nur noch Äußerliches ist: er fährt mit Hazel auf und davon. Diese Roadstory ist enttäuschend, er weiß nicht, was er von dem Mädchen überhaupt will, er wird sich selbst immer mehr ein Rätsel, räsoniert über seinen temporären Wahnsinn. Das Mädchen scheint mit ihm zu spielen, kann ihn reizen, abweisen, manipulieren wie es ihm beliebt. Aus dem Beobachter, Jäger, Michael ist schon längst der Gejagte geworden, nur daß dieser es noch nicht bemerkt hat…

Hazel verschwindet eines Abends, läßt ihn zurück ohne Geld, ohne Auto, nur die Kleider, die er am Leib trägt, bleiben ihm. Nach einem letzten Frühstück im Hotel prellt er die Zeche und beschließt, den langen Heimweg, als Sühne quasi, als Busse, zu Fuss zu gehen, mitten im Winter, kurz vor Weihnachten. Er geht am liebsten in der Nacht, die Dunkelheit schützt ihn, hüllt ihn ein, macht ihn unsichtbar. Menschen weicht er aus, meidet Dörfer und Städte.. Es macht ihm nichts aus zu fallen, auszurutschen, sich blaue Flecken zu holen. Es ist eine Pilgerreise zu sich selbst, die Michael da unternimmt, eine Reise in sein Ich, ähnlich der Aufenthalte alter Eremiten in der Wüste. Er erkennt, daß er die Gedanken sein lassen muss, um zu sich selbst zu finden, ins Da-Sein zu finden….

Zu Hause angekommen ist sein Haus verlassen, Amanda ist ausgezogen, mit den gemeinsam angeschafften Möbeln und Sachen. Es macht ihm nichts aus, seine Frau, seine Ehe ist für ihn eh nur noch Erinnerung, ein Irrtum, eine Art Laune der Natur, die sich korrigiert hat….

Und so wohnt Michael Gardiner jetzt wieder im Haus seiner Jugend, allein, so wie er sich wohlfühlt, eigenbrötlerisch, aber nach seiner Reise auch innerlich „geläutert“.

Das ist in groben Zügen die Handlung des Buches, dessen zwei Erzählebenen im Lauf der Zeit immer mehr verschmelzen bzw. durcheinandergehen: die Erinnerung Michaels an seine Jugend und die durch den Zeitungsartikel in Gang gesetzten Ereignisse, die mti dem Auszug Amandas und seiner Rückkehr ins leere Haus ihr Ende finden.

Was ist Michael für ein Mensch? Für mich ist er nicht wirklich sympathisch. Ein Zögerer, Zauderer, der in seinen Gedanken lebt, in der Wirklichkeit aber eher passiv und wenig gestaltend. Dort, wo er aktiv wird, ist es meist negativ (wie im Fall von Malcom) oder nur vermeintlich (bei Hazel). Seine Ehe beendet Amanda und nimmt ihm damit eine Entscheidung ab. Michael gehört zu den Menschen, die sich selbst genug sind, die ab und zu jemanden brauchen, der sie mit Infos über die Welt versorgt, die aber ansonsten am glücklichsten sind, wenn man sie in Ruhe läßt.

Burnside hat wundervolle Bilder in seinem Buch, Licht und Schatten, der Wind, die Vögel, die Beobachtung der Natur ist Thema vieler Beschreibungen. Zu lesen ist das Buch nicht einfach, der Autor liebt lange Sätze, denen man konzentriert nachgehen muss, um den „Faden“ nicht zu verlieren. Aber das Buch zieht einen andererseits auch an, es fesselt, viele Gedanken, die er formuliert, glaubt man selbst schon gedacht zu haben oder zumindest: „ja, doch, genau….“ Die Zerrissenheit ist sein Thema, das „sowohl – als auch“, das Ambivalente, Unentschiedene…. und doch.. mir ist, als sei eine Wortlawine über mich hinweg gegangen, beeindruckend und gewaltig, aber sie ist jetzt im Tal und was bleibt mir von diesem Buch? Es hat mir durchaus gefallen, gefangen – so wie andere Bücher – hat es mich nicht… kein Gedanke, der mir im Kopf bleibt von diesem Buch, der mich umtreibt und mich ihn weiterspinnen läßt…

… und so ist mein Facit (dem Buch angemessen) ambivalent:

Facit: ein lesenwertes Buch, dessen zentraler Gedanke mir aber nicht klar geworden ist…. aber das kann auch an mir liegen….

John Burnside
Die Spur des Teufels
btb Verlag, 2009, Tb, 272 S.
ISBN-10: 3442739977
ISBN-13: 978-3442739974

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