Isolde Ohlbaum: Von Engeln und anderen Wesen

Ein Geschenk, unerwartet und unverdient, ein Geschenk eben. Aber eins, welches ein spontanes „Oh, wie schön!“ hervorruft.

Isolde Ohlbaum hat ein Auge für die Wirkung. Ihre Fotographien alter Friedhofsskulpturen sind wunderbar und machen melancholisch, nachdenklich. Sie führt einem vor Auge, was für „traurige“ Orte die neuen Friedhöfe heutzutage sind, sozusagen Monokulturen von Grabreihen mit einheitlichen Grabsteinen, in Größe und Ausgestaltung eingezwängt in das starres Korsett der sich überall ähnelnden, ortsüblichen Friedhofssatzung, die auf Gleichmaß, leichte Pflegbarkeit, Verhinderung von Unfällen abgestimmt ist aber nicht auf das, was ein Friedhof sein könnte: ein Ort der Individualität, der das Wesen, die Seele der Verstorbenen in den Gräbern und ihrem Schmuck einfangen und erhalten kann, der auch dem Lebenden Frieden schenken kann, indem er ihm das einen Anker gibt für seine Sehnsucht und Trauer.

Man schaue sich nur den Friedhof von Sankt Marx in Wien an oder eben dieses Buch von Ohlbaum, in dem sie Engelsskulpturen von Friedhöfen aus ganz Europa versammelt. Die Figuren sind aus Stein, scheinen aber in ihrem Inneren zu leben, sie strahlen Ruhe aus, sie geben am Abend die in ihnen gesammelte Tageswärme wieder ab. Es sind Engel, geflügelte Wesen, aber so sinnlich und erotisch sind manche der Skulpturen, daß man unwillkürlich die Hand ausstreckt, um über sie zu streichen, ihre „Haut“ zu spüren, ihre Oberfläche. Weiblich sind die meisten Engel und das sieht man…. es ist ein subtile Erotik, die die Vergänglichkeit des Leibes für einen Moment vergessen läßt, es ist ein verführerisches Spiel von Licht und Schatten, von Leben und Tod, von Geburt und Vergänglichkeit, von Wärme und Kälte, das die Bilder Ohlbaums spielen…. sie regen zum Nachdenken an darüber, wie dieser Tote gewesen sein mag, wie seine Verwandten, daß dieser Engel gewählt wurde zu seinem Begleiter, wie mag er geliebt worden sein oder geliebt haben, wie gestorben, wie lebt er in der Erinnerung weiter…. diese Wesen leiten die Toten in ein anderes Reich, sie beschützen sie, sie wachen über sie, sie trauern um sie, stellvertretend und ewig anstelle von uns, die wir noch auf dieser Erde sind und das Leben noch eine zeitlang weiterleben dürfen.

Ohlbaums Engel sind nicht unvergänglich, auch sie altern. Das Wetter setzt ihnen zu, glättet die Strukturen, von Moos bewachsen, von Efeu überwuchert entschwinden sie langsam dem Blick des Betrachters, ein schönes Bild für die Vergänglichkeit allen Seins, die auch vor dem anscheinend unzerstörbaren, dem Stein, dem Fels, keinen Halt macht….. So vollzieht sich über der Erde, was auch unter ihr geschieht, nur dauert es länger … aber wenn der Engel einen Menschen findet, der sich um ihn kümmert, ihn begleitet und schützt, dann mag er noch lange Zeit der Freund desjenigen sein, auf dessen Grab er wacht….

Die Bilder werden von Gedichten begleitet und kommentiert, von kleinen Geschichten, die uns im Lesen Fragen zeigen, über die nachzudenken ist, über die wir meditieren können, in denen wir Ruhe finden, Trost auch und Frieden…..

Facit: einfach ein schönes Buch

Links und Anmerkungen:

– Isolde Ohlbaum: Denn alle Lust will Ewigkeit: Buchvorstellung hier im blog
Wiki-Liste berühmter Begräbnisstätten
– der abgebildete Engel bewacht eine Grabstätte auf dem Friedhof in Schwarzach, Bayern, das Bild wurde von mir [flattersatz] im Frühjahr 2011 aufgenommen und ist nicht dem besprochenen Buch entnommen.

Isolde Ohlbaum
Von Engeln und anderen Wesen
http://www.derclub.de, 2007, HC, 239 S.

3 Kommentare zu „Isolde Ohlbaum: Von Engeln und anderen Wesen

  1. ja das stimmt und ich habe sie ja um mich stehen: wenn ich den Inhalt von allen nur im Kopf speichern könnte…… dazu reicht mein Spatzenhirn leider nicht aus, aber ich trage es mit Gelassenheit und lese und sammele trotzdem weiter.

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  2. dem kann ich nur zustimmen und ich möchte noch auf ein anderes Buch aufmerksam machen, ist im Elisabeth Sandmann Verlag erschienen und heißt Engel, Fotografien von Clemens Zahn mit einem Essay von Cees Nooteboom, auch hier Haikus, Gedichte…

    Weil wir wollten, daß es sie gibt,
    haben wir die Engel erschaffen –
    um zuweilen für einen Moment glauben zu dürfen,
    es sei möglich, uns mit wenigen Flügelschlägen
    über das >Leben auf der Erde zu erheben und
    in den Bereich der Zeit ohne Zeit zu fliegen.
    Cees Nooteboom

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