Rafael Yglesias: Glückliche Ehe

Im New York der 70er Jahre lernt das 21jährig Ex-Wunderkind Enrique Sabas die drei Jahre ältere Margaret Cohen kennen. Enrique ist ein unkonventioneller Mensch, er hat seine intellektuell angehauchten Eltern, einen tyrannischen, leidenschaftlichen Vater und eine bedürftige, intelligente Mutter im Alter von 16 Jahren verlassen, die High-School abgebrochen und mit 17 dann einen hochgelobten Roman veröffentlicht. Sein zweites Buch konnte den Erfolg des ersten nicht wiederholen und sein dritter Roman bringt ihm kaum noch etwas ein. Dieser Enrique also verliebt sich in die ihm so gegensätzliche gebildete, lebenserfahrene, lebenslustige Margaret, die aus wohlhabendem Haus stammt und die ihr Leben unter Kontrolle hat.

Obwohl Enrique schon mehrere Jahre mit einer älteren Frau zusammengelebt hat, erwischt ihn diese Liebe ohne Vorankündigung. Er merkt, daß ihm Margaret überlegen ist, er macht sich kaum Hoffnung, sie mit irgendwas beeindrucken oder gar für sich gewinnen zu können – und doch muss er was an sich haben, denn beide werden ein Paar, heiraten und bekommen Kinder.

Die erste, stürmische Liebe der beiden überdauert den Alltag nur ein paar Jahre, dann ist sie zerrieben zwischen Kinderhüten, Karrierebestreben und sexueller Ödnis. Enrique hat eine heftige Affäre, wagt dann aber den Sprung in ein neues Leben doch nicht. … eine Geschichte also, die es millionenfach auf der Erde gibt, die so oder so ausgehen wird …… Gut geschrieben ist sie, mit nostalgischen Einsprengseln über das New York der 70er Jahre, das sich so langsam zu dem entwickelt, was es dann ein paar Jahre später ausmacht, die neuen In-Viertel entstehen, eine Art Boheme lebt in Künstlervierteln und macht Karriere – oder auch nicht, so wie Enrique, der seinen Traum vom weltberühmten Romancier begraben muss. Dafür verdingt er sich dann als Drehbuchautor und verdient damit viel Geld. Yglesias erzählt uns nicht genau, was und wie es passiert, aber Margaret und Enrique überstehen die Krise und obwohl sie so unterschiedlich sind, reift ihre Liebe und sie bleiben zusammen. Episodenhaft begleitet der Leser den Autoren durch das Leben seiner Hauptpersonen, durch ihre Konflikte und ihre Sternstunden, so wie sie Enrique in seinen Erinnerungen sieht.

Dies ist das eine Buch im Buch, das den Leser in Rückblicken in das vergangene Leben der beiden Hauptpersonen führt. Es sind, ich sagte es schon, Schicksale, die es millionenfach gibt. Das Besondere ist der zweite Handlungsstrang, den Yglesias gleich zu Anfang des Buches, im 2. Kapitel, beginnt: Margaret liegt im Sterben. Ein metastasierender Blasenkrebs hat in ihrem Körper ein verheerendes Desaster angerichtet, ich will nicht in allen Einzelheiten beschreiben, was uns Yglesias da schildert. Es treten einem – und das nicht nur redewendlich – die Tränen in die Augen.

Die beiden unterschiedlichen Charaktere von Margaret und Enrique treten jetzt, in dieser Situation deutlich hervor. So wie Margaret ihr Leben immer unter Kontrolle hatte, so will sie auch jetzt ihr Sterben kontrollieren. Sie bricht – schon unsäglich gequält – alle Behandlungen ab, einigt sich mit der Hospizärztin darauf, mit Steroiden noch eine Woche gepusht zu werden, um die Kraft zu haben, Abschied zu nehmen. Dann sollen auch diese abgesetzt werden, es wird dann noch ca. 1 Woche dauern, bis Margaret stirbt. Zwei Wochen. 14 Tage zum Abschiednehmen, zum Loslassen…..

Die letzten Tage des Paares sind wie ihr Leben: Margaret hat die Kontrolle und Enrique ist froh darüber, daß jemand da ist, der sagt, was er machen soll. Alleine entscheiden ist ihm immer ein Graus gewesen, jetzt wäre er nicht in der Lage dazu. Er ist der Adjudant, der ausführt. Und Margaret bestimmt. Sie sucht sich (gegen den Willen der Eltern, die sie im Familiengrab sehen wollen) ihre Grabstelle aus, mit ihrer bestern Freundin wählt sie die Kleider aus, die sie im Sarg tragen will. Mit ihrer Ärztin bespricht sie die Medikamentation ihrer letzten Tage, Enrique wird beauftragt, an Verwandte, Freunde und Bekannte, von denen sich Margret persönlich verabschieden will, Termine zu geben. All dies macht Enrique, was er nicht schafft, ist dagegen, zu akzeptieren, daß auch er Margret loslassen muss, daß sie sein Leben in wenigen Tagen, Stunden verlassen wird. Und so ist er der einzige, der sich nicht – zumindest nicht so, wie er wollte – von Margaret verabschiedet. Aber auch dies ist nicht wirklich schlimm, Enrique ist eben so und seine sterbende Frau hat auch dies in ihrer letzten Sekunde noch im Griff…..

Margaret bestimmt ihren Todeszeitpunkt selbst, nachdem sie die Hoffnungslosigkeit aller weiterer Bemühungen (und es waren schon so viele…) eingesehen hat. „Ein Ende in Würde?“ (Nuland setzt diesen Untertitel wohlweislich mit einem Fragezeichen), wenn aus dem ganzen Körper Schläuche hängen, wenn man sich in den letzten Nacht noch einkotet, ist es das? (btw: gibt es in NY keine Inkontinenzartikel??). Was ist menschenwürdiges Sterben, wenn der Krebs einen nicht nur besiegt, sondern einen vernichtet und zerstört, einem die körperliche Integrität nimmt? Das ist für mich die zentrale Frage dieses Buches.

Margaret löst sie auf ihre Weise. Sie behält die Kontrolle, obwohl sie – wie sie an einer Stelle sagt – als Patientin schon lange ihre Würde abgegeben hat. Sie bleibt selbstbestimmt, bestimmt die Umstände ihres Todes und gibt ihrem Mann die Kraft, ihre Wünsche in die Tat umzusetzen. Sie nimmt bewusst Abschied, löst Streit auf und Unstimmigkeiten mit ihren Eltern, sie macht alles, um sicher zu sein, daß ihre Lieben nach ihrem Tod versorgt sind. Diese Aufgabe, die sie sich gestellt hat und die sie mit großer Disziplin erfüllt, gibt ihr Kraft, gibt ihr die Gewissheit, loslassen und gehen zu können, wenn sie erfüllt ist.

Wieviel Disziplin braucht man, was für eine Charakterstärke, um so sein Ende zu bestimmen? Wie stark muss man sein… denn das ist sie bis zum letzten Tag, bei aller körperlichen Schwäche. Entgegen allem Anschein ist sie es, die Enrique immer noch trösten und Kraft geben kann, wenn dieser nicht weiter weiß, nicht weiß, was richtig oder falsch ist. Exemplarisch für ihn die Szene, in der er sich fast nicht entscheiden kann, welche von den beiden noch käuflich erwerbbaren Grabstellen er nun nehmen soll, welche seiner Margaret lieber wäre….

Das Buch ist sehr symmetrisch aufgebaut, es schildert die ersten und die letzten drei Wochen im Leben von Margaret und Enrique aus der Sicht des Mannes. Die ersten Wochen geprägt von den Unsicherheiten eines 21jährigen, dem es an Selbstbewusstsein fehlt, der sein Ziel zwar vor Augen hat, aber nicht weiß, wie er es erreichen kann, die letzten drei Wochen geprägt von den Vorbereitungen für den Abschied und den Unsicherheiten und Ängsten des 50jährigen, der nicht weiß, wie er loslassen kann und wie es weitergehen soll. Es ist, ungeachtet der Anmerkung, daß die Geschichte erfunden sei und keine Ähnlichkeit mit lebenden Personen habe, ein autobiographisches Buch. Margaret Joskow, die Frau von Rafael Yglesias, starb 2004 nach 27jähriger Ehe an Blasenkrebs [NY Times, 24-06-04].

Es ist ein Buch, das weh tut. Yglesias schafft den Spagat zwischen neutraler, teilnahmsloser Nüchternheit und kitschiger Darstellung. Er bleibt sachlich, aber er berührt. Er schildert, was ist, so wie es ist, dadurch vermeidet er Ekel und Abscheu vor den vielerlei Ausscheidungen und Flüssigkeiten, den körperlichen Malaisen, die Margaret ihrer Krankheit ver“dankt“. „Sterben in Würde“, das hängt wohl auch viel von den Menschen ab, die den Sterbenden in den letzten Stunden begleiten……

Facit: jetzt fehlen mir die angemessenen Worte.. die falschen sind: keine einfache, aber eine sehr lohnende Lesekost….

Rafael Yglesias
Glückliche Ehe
Klett-Cotta; Februar 2010, HC, 430 S.
ISBN-10: 3608937072
ISBN-13: 978-3608937077

2 Kommentare zu „Rafael Yglesias: Glückliche Ehe

  1. Ja, so kann man das Buch lesen und bewerten – jedoch: intoniert es wirklich mehr als ein paar Lebensweisheiten, die jedermann haben kann, der mit halbwegs offenen Augen aufnimmt, was ihm Alltag und Medien aufgeben? Vielleicht drückt der Text aus, was verdrängt, jedenfalls nicht ausgesprochen wird, allenfalls beim Abschied aus dem Leben, wenn eine Person dafür Kraft hat und Dominanz. Der „Spagat zwischen neutraler, teilnahmsloser Nüchternheit und kitschiger Darstellung“ soll gewahrt sein, was wohl so zu verstehen ist, daß insgesamt eine bewegend Lebens- und Liebesgeschichte entstanden sei. Eines steht dem im Weg: zu oft unangemessene, groteske Wortbildungeheuer, ein Overkill des Ausdrucks, der doch nur einen Mangel an Ausdruckskraft verdeckt. Da hat Yglesias der Drehbuchautor den Romancier verdorben. Eine ärgerliche Schwäche, die ihm und den Lesern ein strengeres Lektorat hätte ersparen können.

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    1. Erst einmal ein Danke für deinen Kommentar!

      Natürlich ist es „nur“ eine bewegende Geschichte über eine Liebe und ein Sterben. Und ebenso natürlich sind es Lebensweisheiten, die jedermann, der mit offenen Augen durch die Welt geht, selbst erkennen kann. Insofern bietet das Buch kaum etwas substantiell Neues, das ist richtig.

      Aber ist es nicht auch die Kunst des Autoren, solche „alltäglichen“ Situationen so zu schildern, daß wir als Leser – uns sei es auch nur in der Imagination – miterleben, mitdurchleben können, daß wir im Inneren davon angerührt werden? Du sprichst die Verdrängung an: ein ganz natürlich, auch sehr sinnvoller Schutzmechanismus der „Seele“ oder Psyche (wie immer man das zuordnen will), denn man kann nicht tagsaus, tagein nur an Tod, Krankheit, Sterben denken. Um so wichtiger, wenn diese Verdrängung mal aufgehoben wird, uns dieses Thema wieder bewussst gemacht wird. Danach können wir es ja auch wieder wegschliessen, verdrängen – und trotzdem haben wir was gelernt, und wenn es nur sei, daß wir Gefühle wie Trauer, Wut oder Resignation zulassen in solchen Situationen können.

      Was du mit „…groteske Wortbildungeheuer…“ meinst, ist mir nicht klar…… vllt hast du ein oder zwei Beispiele?

      lg
      fs

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