Richard K. Breuer: Brouillé

19. April 2010

Geschichtsunterricht der anderen Art. Aber ich war ja durch den „Tiret“ [1] schon vorgewarnt…. So legt uns Breuer, der Wiener Schriftsteller, der im Eigenverlag veröffentlicht, jetzt sein neuestes Werk der geplanten Tetralogie über die Zeit im Frankreich am Vorabend der Revolution 1789 vor.

Auch wenn das Wissen um die Geschehnisse im ersten Band nicht notwendig sind zum Verständnis des Zweiten (was andererseits ja auch heißt, daß beide Bücher nur durch die handelnden … ähhh.. dialogisierenden …. Personen und die äußere Rahmenhandlung verbunden sind….) seien noch einmal kurz die dialogisierenden Personen vorgestellt, zum einen der französische Marquis d´Angelique [4], ein französischer Adliger, der sich der beiden anderen, die da sind: (i) der polnische Gelehrte Aleksander Mickiewicz und der junge Amerikaner Duport, der in diesem Band immer noch an den Blessuren leidet, die ihm der Überfall (siehe erster Band) beibrachte, annimmt.

Das Szenario spielt im Spätwinter/Vorfrühling 1789 nicht allzu weit weg von Paris auf dem Schloss (und dessen quelliger Umgebung) des Vicomte des Moucel bei Valleé-Chessy. Es gärt in Frankreich, es ist unruhig. Missernten, Wetterunbillen, die drückende und ungerechte Belastung der einfachen Leute durch die Grundbesitzer sowie der Einfluss aufklärerischen Denkens führen dazu, daß auch die ungebildeten Menschen nicht mehr alles hinnehmen wollen. Selbst der Adel bemerkt diese Klimaänderung, ist er doch in der Tat mittlerweile gezwungen, die Sachen, die er kauft, auch zu bezahlen, weil die Bürger/Handwerker sie sonst einfach nicht mehr beliefern. Und wie sollte man in der Gesellschaft bestehen, wenn der aktuelle in-Schneider einem keine Röcke mehr näht? All dies zusammengenommen sah der König sich gezwungen, die Versammlung der Generalstände einzuberufen, zu der auch der dritte Stand, sprich die einfachen Bürger und Bauern, ihre Vertreter, die in einem aufwändigen Verfahren zu wählen waren, schicken konnte.

Zur Vorbereitung der Wahl wurden von allen drei Ständen Beschwerdehefte, „Cahiers de doléance“ [6] erfasst, von denen die des Dritten Standes in den Urwählerversammlungen diskutiert und zur Annahme beschlossen wurden; die Vertreter der Intelligenz waren schon in diesen Versammlungen die Wortführer. Die Existenz und weite Verbreitung dieser Cahiers zeigt das Fortschreiten des Pressefreiheit während der Vorbereitungen zur Wahl. Es gab allerdings auch Musterhefte und Vorlagen, die man benutzte, so wie man sich wohl auch in gewissen Zirkeln zweifellos darüber unterhielt [5]. Ein Vorgang, den Breuer in seinem Buch sehr schön anschaulich und plastisch schildert, inclusive der Verwunderung des Vicomte, der die Vorgänge in seinem Einflussbereich nicht so recht fassen kann.

In dieses revolutionäre Ambiente also versetzt Breuer unsere drei Helden. Sie sind Gast auf dem Schloss des Vicomte, Mickiewicz unter einem falschen Namen und einer erfundenen Profession, auf die hin ihm der Schlossherr seine Bücher zur Überprüfung überläßt. Damit will er die Arbeit seines neuen Verwalters überprüfen lassen, dessen Vorgänger Winterhalter kürzlich ermordert worden war. Diesen Vorgang aufzuklären ist das Ziel Mickiewiczs und des Amerikaners Duports.

Wie schon oben angedeutet, das Buch lebt nicht von Aktionen (allenfalls ein paar Slapstick-Einlagen von Mickiewicz und hin und wieder ein kurzes Aufzucken des ansonsten gemächlich dahingurgelnden Handlungsflusses….), sondern vom Dialog [2]. Und das beherrscht Breuer gut, die Dialoge sind durchgängig flott zu lesen, witzig, an manchen Stellen sogar geistreich, oft auch informierend.. doch, das ist wirklich unterhaltsam und mit Gewinn zu lesen. Gelegenheiten zum Gespräch gibt es viele, sind doch eine Menge von Personen in die Handlung involviert, die Kriminaltechnik ist noch sehr unterentwickelt und so kann der Erkenntnisgewinn in der Tat nur durch das Gespräch erfolgen. Man kommt Verschwörungen auf die Spur, Intrigen, zwischendurch flicht Breuer immer wieder geschichtliches ein und zwar der Art, die in Geschichtsbüchern eher nicht zu finden ist. Ob und wie Breuer den Kriminalfall auflöst, will ich nicht verraten, das wäre unfair, aber ich habe beim Lesen immer das Bild von Peter Ustinov in seinen Poirot-Filmen vor Augen gehabt: den unbestechlich-logischen Kombinierer, der aus dem Haufen der Indizien mit untrüglicher Sicherheit die richtige Conclusio zieht.

Überhaupt das Thema „Verschwörung“…. Breuer gibt uns im abschließenden Monolog von Mickiewicz ein paar seiner Ansichten zum deren Wesen mit, zum Verhältnis von Schein und Sein, von der Möglichkeit des Erkenntnisgewinns und dem Erreichen der Wahrheit. Und nimmt man das Vorwort seines Buches noch dazu, so scheint er Parallelen zu sehen zur heutigen Gesellschaft, die sich auch immer weiter aufsplittet in diviergierende Gesellschaftsschichten, die dem (Geld)Adel entsprechen und wiederum dem einfachen Mann, der deren Treiben nur zuschauen kann.

Was gäbe es sonst noch zu sagen? Soweit ich als Laie dies sagen kann, scheint mir der Ton und die Atmosphäre der Handlung gut getroffen, die in das Werk einfliessenden historischen Fakten sind interessant und mit den Marquis und Mickiewicz und deren Wortgefechte könnte man fast als eine Art Buddy-Komödie bezeichnen. Und das das Buch als Buch ein Schmuckstück ist, ist bei Breuer ja mittlerweile state of the art.

Facit: Ein schönes Büchlein für ein paar Stunden und ein Fläschchen Rotwein.

Anmerkungen:

[1] Richard K. Breuer: Die Liebesnacht des Dichters Tiret
[2] Eigentlich wollte ich an dieser Stelle das Bonmot, daß nicht nur Dialoge im Roman vorkommen, sondern auch Monologe, Trialoge, Tetraloge, Pentaloge etc pp.. nicht entgehen lassen, aber ich musste mich belehren lassen, daß Dialoge auch von mehreren Personen geführt werden können, da das gr. „dialogos“ wohl einfach nur „Gespräch“ bedeutet…. [3]. Schade, schade, schade…..
[3] http://www.etymologie.info/~e/d_/de-unlogi.html
[4] les ich den Namen des werten Marquis, habe ich immer die Angelique-Bände von **** vor Augen…
[5] Zitat aus: „Von den Generalständen zur Revolution
[6] Dies auch der Untertitel des Buches von Breuer
[7] Die WebSite des Autors: http://www.1668.cc/

(Bei dem besprochenen Buch handelt es sich um ein Rezensionsexemplar des Autoren)

Richard K. Breuer
Brouillé
Breuer, Richard K., 2010, Tb, 360 S.
ISBN-10: 3950249826
ISBN-13: 978-3950249828

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2 Responses to “Richard K. Breuer: Brouillé”


  1. Merci für die Buchbesprechung :-)

    Wie versprochen, gibt’s dafür natürlich ein Madeleine-E-Book gratis. Jetzt muss es nur noch fertig werden ;-)

    Servus aus Wien
    Richard

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  2. […] der Bücher Blog Lesefieber.ch leser-welt.de Buch-Ratschlag Schreibtäter tcboyle Hedoniker aus.gelesen Bewerten: Share this:E-MailTwitterFacebookLike this:LikeSei der Erste, dem dieser post […]

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