Lothar Schöne: Das Labyrinth des Schattens

21. März 2010

„Wir haben jetzt in Kürze auch wieder eine Autorenlesung, Lothar Schöne.. Kennen Sie den, das hier ist sein neues Buch…“ Natürlich kannte ich ihn nicht und so nahm ich der Buchhändlerin meines Vertrauens den dargebotenen Band ab und mit nach Hause… So geht es manchmal und derart bin ich also zu einem Buch gekommen, daß mir sehr gut gefallen hat, obwohl es viele Fragen offenläßt….

Sabina-Esther Morane ist Journalistin in Südwestdeutschland. Sie leidet unter einem immer wiederkehrenden Albtraum. Ärzte und Psychologen können ihr nicht helfen, eine ältere Frau, die sie kennen- und schätzen lernt, rät ihr, eine „hypnotische Rückführung“ zu machen. Nach einigem Zögern ist Sabina-Esther bereit dafür und die Frau gibt ihr eine Kontaktadresse in Krakau, denn dort müsse sie hingehen.

Dies tut sie auch, sie fliegt nach Polen und lernt im Flieger einen Mann kennen, der ihr Interesse weckt, obwohl sie glücklich verheiratet ist. In Krakau angekommen trifft sie ein junges Mädchen, das ihr rätselhaft erscheint und sie durch die Stadt führt, auch dem Mann aus dem Flugzeug begegnet sie wieder und er wird immer interessanter für sie.

Die Handlung des Buches spielt auf mehreren Ebenen, die im Verlauf des Buches immer öfter ineinander übergehen. Die Protagonisten erweist sich als sehr sensibles Medium für die Rückführung, schon in der ersten Sitzung gerät sie in zurück in die Zeit, in der ihre Urgroßeltern in Krakau lebten. Und sie trifft auch auf das Mädchen, dem sie am Tag begegnete, wieder…. Sabina-Esther ist verwirrt, umso mehr, als daß sie solche „Zeitreisen“ (so nenne ich sie jetzt mal) auf ihren Spaziergängen oder auch in ihrem Hotelzimmer immer öfter erlebt. Immer schwieriger wird das Auseinanderhalten der Ebenen, es ist nicht zu entscheiden, was real, was Illusion (ob überhaupt…), Einbildung oder Traum ist.

Sabina-Esther erforscht das Leben der Familien ihrer Vorfahren im Jahr 1933. Das sind auf mütterlicher Seite Salomon und Sabina Bester, eine großbürgerliche, wirtschaftlich erfolgreiche jüdische Familie mit liberaler Einstellung. Zwei Töchter haben sie, Hetwa und Hinda. Und in Hetwa verliebte sich Leibisch, der Sohn von Wolf und Esther Friedmann. Wolf Friedmann ist Brillenmacher im jüdischen Viertel [3], strenggläubiger Jude. Leibisch selbst kleidet sich modern und westlich, sein Hormonspiegel hat ihn sogar vor Hetwa in die Arme einer christlichen Schauspielerin getrieben, andererseits studiert er die Schriften und will Rabbi werden. Das jüdische Leben in Krakau in zwei recht extremen Positionen, die nicht vereinbar waren, wie die beiden Liebenden feststellen mussten. Erst die immer stärkere Diskriminierung und auch Verfolgung, die mit dem Wiedererstarken der antisemitischen Strömungen und des Nationalsozialismus in Deutschland auftrat, führte die Familien zusammen. Die Familien überleben die Greuel, werden in alle Weltgegenden verstreut.

Tovosch, so lautet der Name des Mädchens, welches das Kind von Hetwa und Leibisch ist. Und Tovosch ist die Mutter von Sabina-Esther. Und sie ist ihre Führerin und Begleiterin durch das alte Krakau und das neue, denn auch in der Jetztzeit treffen sich Tochter und Mutter und die Tochter akzeptiert schließlich, daß dieses naseweise, kluge, vorwitzige und wunderbare Kind ihre Mutter ist.

Beide, Mutter und Tochter, suchen ein Geheimnis, und sie wissen nicht, wo und wie. Nur daß es eins geben muss, das ist ihnen bewusst. Hilfe erhofft sich Sabina-Esther insbesondere vom Rabbi Liv Jazukovicz, einem Studienkollegen ihres Großvaters. Dieser jedoch spricht zu ihr in Rätseln und Gleichnissen, vordergründig ist er ihr nur bedingt eine Hilfe, er zwingt sie jedoch dadurch, immer tiefer zu forschen.

Wohler fühlt sich Sabina-Esther dagegen in der Gegenwart von Esra Dreichwerd, so der etwas seltsame Name des Mannes, den sie im Flieger kennen gelernt hatte. Gleichzeitig wird sie nicht schlau aus diesem gutaussehenden, geheimnisvollen, gut riechendem, charmanten, schlagfertigen etc pp Kerl. Aber er kann sie verführen, sie küssen sich und die Zeit verliert ihre Bedeutung. Nur das einsetzende Gewitter verhindert mehr.

Es ist gut, daß Schöne keinerlei Anstalten macht, zu erklären, was mit Sabina-Esther passiert. Es ist einfach so, daß sie, wenn sie in Krakau an Stellen vorbei spaziert, die im Leben ihrer Familie eine Bedeutung hatten, in diese Zeit zurück“fällt“. Insofern fällt man beim Lesen nicht ins Grübeln, ob dies überhaupt möglich ist oder nur Zeichen einer ernsten psychischen Erkrankung der Hauptperson. Diese Dimension des Romans bleibt also im Dunkeln, am Schluss kann man sich natürlich auch darauf einen Reim machen, sich eine Erklärung zusammenstellen.

Auf den ersten Blick spinnt Schöne zwei Fäden: er erzählt (und machmal musste ich an Isaac Bashevis Singer denken, der so wunderbare Schilderungen des jüdischen Lebens im polnischen Stedl geschrieben hat…) auf der einen Seite exemplarisch an den zwei Familienzweigen Einblicke über das Leben der Juden um 1933 in Krakau, einer bis dato relativ liberalen Stadt („Wenn der Antisemitismus in Polen grollt, hüstelt Krakau nur…“). Wunderschön das Kapitel: „Jüdischer Nonsens in koscherer Rede“, in dem als lauschender Beobachter die Gesellschaft, die sich zum 55. Geburtstag von Salomon Bester versammelt hat, porträtiert. Zionisten, Kommunisten, Idealisten, Realisten: alle sind sie dort, kommen zu Wort und reden doch nur. Wunderbar und schrecklich zugleich der Satz, mit dem Sabina, Salomons Frau, von einem der Gäste charakterisiert wird: „Originelle Person deine Mutter, ganz originell. Ich mag sie“. -„Aber vom Sozialismus versteht sie leider nicht“, ergänzte sein Freund, „sie kennt ihn nur aus der Erfahrung, nicht aus der großartigen Theorie. …“ Die Erfahrung Sabinas, von der gesprochen wurde, war, das ganze Dörfer in Russland „.. zum Wohle der Revolution nach Sibirien geschafft …“ wurden….

Der zweite Erzählstrang ist die immer wieder auftauchende Frage nach der Bedeutung des Buches Hiob [1] im Alten Testament. Das Buch Hiob, das ist die Wette Gottes mit dem Teufel, daß und ob Hiob auch dann, wenn ihm alles genommen wird, noch den Glauben behält. Es ist die schier den Verstand raubende Frage danach, welche Berechtigung, welchen Sinn das Böse in der Welt hat, wenn Gott doch in seiner Güte existiert [2]. Es ist ein (aber das ist meine persönliche Meinung) unlösbarer Widerspruch zwischen einem Gott in Güte und Allmacht und der Existenz des Bösen oder der Freiheit des Menschen, Böses zu tun. Und alle feinsinnigen, rabulistisdchen Erklärungsversuche können diesen Widerspruch nicht wirklich lösen. Und daß es das Böse gibt, sah man in Auschwitz und auch in Srebrenica, sieht man jeden Abend in der Tagesschau…. ok, das hat aber nichts mit dem Roman zu tun. Oder nur wenig, denn sicherlich taucht in dieser Zeit, 1933, in der der Roman in wesentlichen Teilen spielt, das Böse am Horizont auf, die Zeit, in der den Juden in ihrer Gesamtheit wie Hiob alles genommen wird. Mehreren Millionen sogar das Leben.

Diese Theodizee-Frage ist also eine der Hauptfragen des Buches, auf die immer wieder zurückgekommen wird. Und letztlich, diese Lösung bietet der Roman für eine Interpretation an, ist es nur die Liebe, die dieses Böse überwinden kann, denn das Böse mag auf der Suche nach der Liebe sein, aber es kann sich die ihm ihrem Wesen nach fremde Liebe nicht vorstellen und wenn es sie dann doch erfährt, überwältigt sie es.

Das Buch trägt einen als Leser, es ist, als ob man in einem Boot einen Fluss hinunterfährt und am Ufer diese und jene Geschichte miterleben kann. Es erzählt eine Geschichte, eine Geschichte mit märchenhaften Zügen, denn es geschehen Sachen, die von Raum und Zeit losgelöst passieren, keinen bekannten Gesetzen gehorchen. Und trotzdem (was heißt trotzdem, auch Märchen sind sehr ernsthaft…) ist die Geschichte nicht einfach nur eine Geschichte, es geht um die grundlegende Frage nach der Freiheit der Wahl, die der Mensch hat, es geht um die Frage, woher das Böse kommt und welchen Sinn es hat und damit geht es letztlich auch um die Frage nach Gott.

Facit: Mir hat das Buch sehr gut gefallen, auch wenn es viele Fragen offenläßt. Oder gerade deswegen.

Links:

[1] Das Buch Hiob
[2] Wiki-Artikel zum Theodizee-Problem
[3] Wiki-Artikel über Kazimierz
[4] zum Bericht über die Autorenlesung
[5] Wikiartikel über Lothar Schöne
[6] zum sehenswerten Buchtrailer bei youtube: http://bit.ly/9Z3aCo

Lothar Schöne
Das Labyrinth des Schattens
Klöpfer & Meyer, 2010, HC, 300 S.
ISBN 978-3-940086-43-3

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