Helene Hegemann: Axolotl Roadkill

Hegemanns Debut-Roman dürfte wohl die erste Sau sein, die dieses Jahr durch das (Literatur)dorf getrieben wird. Eine richtig kleine Medienhype, die um dieses Werk entstanden ist, bzw. wohl mehr wegen der besonderen Umstände, daß eine 17jährige ein solches Buch veröffentlicht, überhaupt verfassen kann. Dann der (kalkulierte, den Verkauf fördernde ?) Sündenfall: einiges im Buch ist garnicht von Hegemann, sondern geklaut…. obwohl: „alles“ ist natürlich auch übertrieben. In der zweiten Auflage, die ich las, ist die nachgereichte Liste der inspirierenden Quellen noch nicht drin, so weiß ich also nichts genaueres [1 – 3]. Etwas verunsichert es schon, wen lobe ich denn eigentlich oder über wen lasse ich mich aus, wenn ich jetzt was über das Buch schreibe? Gehe ich also den Kompromiss ein, daß ich das Buch vorstelle, unabhängig davon, wer den Text jetzt tatsächlich geschrieben hat.

Fast wäre es sowieso nicht so weit gekommen, ich war nach den ersten -zig Seiten kurz davor, das Werk in die Kategorie „aus.sortiert“ zu legen. Aber irgendwie hat es mich dann doch gepackt…

Die Hauptperson des Romans ist Mifti, eine 16jährige Halbwaise (Mutter Suizid), die mit ihren älteren Halbgeschwistern Annika und Edmond zusammenlebt. Der Vater, ein Kulturschaffender, schickt allenfalls Geld, lebt ansonsten mit einer anderen Frau zusammen. Mifti ist ein wildes Kind, ist wild aufgewachsen, sie will nicht erwachsen werden [S. 17 u. 23]. Aus gesellschaftlichen Konventionen wie Schule und Ausbildung hat sie sich ausgeklingt, sie ist therapieresistent, ihr Bekanntenkreis besteht aus älteren Menschen. Ihr Leben ist eine einzige Flucht in die Droge und die Dröhnung, einen Schritt vom Wahn und vom Untergang entfernt. Traum, Alptraum und Realität verschwimmen für Mifti, sie beamt sich permanent in Welten, in denen sie sich ihren Untergang herbei“philosphieren“ kann. Das Buch begleitet sie auf ihren Trips durch die Berliner Nächte, in Bars, zu privaten Feten, fährt mit ihr in der S-Bahn und stolpert durch bekotzte Flure und dröhnt sich in stinkenden Klos zu ….. Verstanden, was Mifti von sich gibt, nein, das habe ich nicht. Substanz habe ich nicht gefunden in ihren Suaden, es gibt sie wahrscheinlich nicht. Sie klingen gut, das sicherlich, werden voller Inbrunst und Überzeugung förmlich herausgeschossen, aber wichtiger als die Bedeutung des Gesagten ist die Stimmung, die Seelenlage, die dahinter steckt: undendliche Wut, Verzweifelung, Angst, Einsamkeit.

Mifti ist der „Axolotl Roadkill“. Der Zusammenhang mit dem titelgebenden Lurch ist offensichtlich: auch dieser verläßt sein Larvenstudium nicht, bleibt als Larve quasi im Zustand eines Kindes und er ist nachtaktiv (was man von Mifti auch behaupten kann, wenn man sie überhaupt als „aktiv“ bezeichnen will….). „Roadkill“ [4]: ein angefahrenes bzw. überfahrendes Tier, hier im übertragenen Sinn Mifti, die vom Leben „angefahren“, d.h., verletzt, überrollt, aus der Bahn geworfen wurde. Nun irrt sie neben der Straße umher, hat die Richtung verloren, ist misstrauisch gegen jeden und doch irgendwie auf der Suche nach einem Platz, an dem sie zur Ruhe kommen kann. Es ist eine der anrührenden Stellen im Buch, wie Mifti nach einem wiederholten Absturz in einem himmelblau gestrichenen Kinderzimmer aufwacht, einen Typen im Türrahmen sieht und sich folgender Dialog enwickelt: „Wie spät ist es?“ – „Fünf Uhr morgens.“ – „Habe ich nur so kurz geschlafen?“ – „Du bist vorgestern Nacht um drei eingeschlafen und hast bis jetzt durchgepennt. Von einem Tag deines Lebens hast du nichts mitbekommen. ..“ [S. 173] Erst in der völligen Erschöpfung gibt sie ihren Widerstand auf und gehorcht dem natürlichen Bedürfnis ihres Körpers, es ist dies auch die Situation, in der sich der einzige, fast schon romantisch zu nennende körperliche Kontakt zu einem anderen Menschen vollzieht.

Mifti ist intelligent und sprachmächtig, da übertreibt der Klappentext nicht, denn Miftis Sprachmächtigkeit ist ja die des/r Autors/in. Und ja, es gibt Passagen in dem Buch, die haben mich mitgerissen. Dort ist der Furor eines Menschen zu spüren, der in einem Struden steckt und der merkt, wie er verschlungen wird. Diese Passagen sind authentisch, sie gehen unter die Haut, sie sind sprachlich und von der Formulierung her stimmig, alles passt, das Tempo, der Ausdruck, das Timing. Oft sind es Dialoge und Gespräche, Gesprächsfetzen, Monologe in all ihrer Sinnbefreitheit, das Hin und Her, die Ausweglosigkeit, die Perspektivlosigkeit. In vielen anderen Textstellen, in denen Situationen und Abläufe beschrieben werden, hatte ich dagegen den Eindruck, daß hier sich bemüht wurde, diese Stellen waren nicht authentisch, Ausdruck und Tempo habe nicht gestimmt, gekünstelt wirkende Formulierungen, nur des Effekts wegen.

Das F-Wort, ja, das ist ein häufiges Wort im Hegemann´schen Werk. Wie überhaupt der ganze Text gehäuft vulgäres Vokabular verwendet. Auch das passt nicht unbedingt zu einer 17jährigen (oder kenn ich nur die falschen 17jährigen?), es riecht nach gezielter Provokation, wie generell der gesamte Text ein Angriff ist auf die bürgerlichen Lebensnormen. Und wo ist Miftis eigenes Leben? Zerstört durch den Suizid der drogenabhängigen Mutter, der sie auf ihre Weise konsequent nachzufolgen sich anschickt, denn ihr Verhalten kann man nur als latent suizidal bezeichnen. Der Vater hat kapituliert, sich aus der Verantwortung gestohlen und die Geschwister sind als Vorbilder und Beispiele auch kaum zu gebrauchen. So treibt Mifti also vollgedröhnt und kotzend, f**end und schwadronierend durch die Berliner Nächte, Happy End nicht vorgesehen.

Facit: Ein Buch, das man wohl selber lesen muss, zu unterschiedlich die Ansichten. Interessant ist es jedem Fall und an seinen besten Stellen kann es einen mitreissen.

Anmerkung: Irgendwo habe ich neulich gelesen, jeder Autor würde, wenn er schreibt, etwas über sich verraten. Jetzt würde mich schon sehr interessieren, was dies bei Hegemann wäre…..

[1] eine Zusammenfassung der Diskussion gibt´s auf der Wiki: http://de.wikipedia.org/wiki/Helene_Hegemann.
[2] Eine Gegenüberstellung der entsprechenden Passagen aus „Axolotl“ und „Strobo“ in der FAZ: http://www.faz.net/s/RubD3A1C56FC2F14794AA21336F72054101/Doc~E88A9CA72ADE445F390437D064F10C598~ATpl~Ecommon~Scontent.html
[3] vgl auch diese Textgegenüberstellung in der Gefühlskonserve: http://www.gefuehlskonserve.de/axolotl-roadkill-alles-nur-geklaut-05022010.html

[4] Als „Weiterführende Literatur“ könnte dieses Büchlein dienen, in dem der Autor eine bildliche Darstellung und Beschreibung der Fauna macht, nachdem sie dem „road kill“ unterlegen ist. Sie verliert ihre dritte Dimension, ihre körperliche Unversehrtheit und nimmt mannigfache Formen an. Die Bilder erinnern an Scherenschnitte, das Betrachten des Buches ein Vergnügen, bei dem das Lachen oft im Hals stecken bleibt.


Roger M. Knutson
Flattened Fauna
Ten Speed Press; 1987
ISBN-10: 0898151864
ISBN-13: 978-0898151862

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Helene Hegemann
Axolotl Roadkill
Ullstein, 2010, brosch. 208 S.
ISBN-10: 3550087926
ISBN-13: 978-3550087929

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