Bernhard Sill: Die Kunst des Sterbens

Die Kunst, deren Sache es ist, uns zu sagen, wie es gelingen kann, mit der Tatsache des Todes umgehen zu können, da wir sie nicht umgehen können, ist die Kunst des Sterbens. … Die Kunst des Sterbens als essentiellen Teil der Kunst des Lebens wieder ins Gespräch zu bringen, ist das, was dieses Buch will.

Der Grundgedanke des Buches ist, daß der Tod als End- und Zielpunkt des eigenen Lebens erkannt und akzeptiert werden muss. Von ihm aus betrachtet läßt sich das eigene Leben in der Rückschau erkennen als sinnvoll gelebt oder als eben nicht sinnvoll. Demzufolge – und für diese Einstellung führt er viele Beispiele aus der Literatur an – soll man jeden Tag so leben, als könne der Tod am nächsten Tag eintreten, das Sterben am nächsten Tag beginnen (was ja auch wirklich so ein kann…..). Ignacio de Loyola beschreibt dies in seinen Regeln so:

…gleich, als wäre ich in der Todesstunde, will ich jene Handlungsweise und Massnahme sorgfältig erwägen, welche ich dann in Bezug auf die gegenwärtige Wahl eingehalten zu haben wünschte; indem ich mich danach richte, will ich jetzt durchaus meinen Entschluss fassen.

… ich will bedenken und erwägen, wie mir bei dem letzten Gerichte zumute sein wird und welchen Entschluss ich dann über die gegenwärtige Frage gefasst zu haben wünsche; und die Richtschnur, welcher ich dann gefolgt sein möchte, will ich jetzt befolgen, damit einst in jener Stunde Wonne und Freude mich erfülle. [1]

Was hier in mittelalterlicher Sprache und unter einem theologischen Gesichtspunkt gefordert wird, ist in die heutige Sprache übersetzt auch für Nichtgläubige eine Handlungsmaxime: Überlege dir, was deine Entscheidungen langfristig für Folgen haben und vermeide es, aus kurzfristigen Motiven, aus einem momentanen Vorteil heraus, zu entscheiden. Nur wenn eine Entscheidung in der Rückschau nicht bereut werden muss, war es eine gute Entscheidung. Und diese Rückschau (bei Ignacio das „letzte“ sprich das „Jüngste Gericht“) ist spätestens dann, wenn und indem wir uns auf unseren Tod vorbereiten. So ist das Wissen um den eigenen Tod, das eigene Sterben Massstab für das Leben und in letzter Konsequenz ist die Kunst des Sterbens eine Kunst des Lebens. Zur Kunst des Sterbens gehört es, daß ein jeder auch Frieden machen kann mit dem, was sein Leben gewesen ist.

Der Tod vor dem Tod

Verschiedene Autoren zitierend (u.a. Brecht und Frisch) widmet Sill sich ausführlich dem „Tod vor dem Tod“, dem Sterben des Menschen oder dem, was den Menschen ausmacht, bevor der physische Tod eintritt:

Alleinsein und alleingelassen werden wollen; keine Freunde haben und dann den Menschen misstrauen und sie verachten; die anderen vergessen und dann vergessen werden; für niemanden dasein und von niemandem gebraucht werden; um niemanden Angst haben und nicht wollen, daß sich einer Sorgen um einen macht; nicht mehr lachen und nicht mehr angelacht werden, nicht mehr weinen und nicht mehr beweint werden: der schreckliche Tod am Brot allein. [2]

Einsamkeit, Beziehungslosigkeit: dieser Mensch ist für mich gestorben, diese radikale Metapher für den Abbruch einer Beziehung. Totschweigen, totreden, mundtot machen, Rufmord begehen: „...Menschen werden zu Mördern, wo und wann das Leben von Menschen kaputt gemacht wird..“ [S. 57]

Und daraus leitet Sill ab [S. 63/4]:

„... Was Menschen dafür zu tun in der Lage sind, dass jeder Mensch ein „Liebhaber“ seines Lebens werden kann, das sollten sie tun. …. Verbündete gegen den Tod vor dem Tod sollten die Menschen sein. … Wenn es schon sein muss, daß wir Todgeweihten diese Welt eines Tages verlassen müssen, dann doch wenigstens so, daß wir bei Lebzeiten füreinander das getan haben, was wir tun konnten, damit im Leben eines jeden von uns (Menschen) nicht jede Menge Tod vor dem Tod, doch dafür jede Menge Leben vor dem Tod gewesen ist.

Das Leben nach dem Tod

Sill ist katholischer Moraltheologe und setzt als solcher die Existenz Gottes fraglos voraus. Insofern widmet er sich auch dem Leben nach dem Tod und geht auf Begriffe wie „Himmel“, „Fegefeuer“ und „Hölle“ ein. Ich war da auch etwas skeptisch, muss aber sagen, da Sill die Liebe Gottes zu seinen Geschöpfen als zentrales Element in den Mittelpunkt seiner Argumentation stellt, kommt er zu sehr tröstlichen Interpretationen dieser Begriffe. So stellt er zwar dar, daß die Existenz einer Hölle zwangsläufig aus der Freiheit des Menschen, sich für oder gegen Gott zu entscheiden, folgert. Aber Gott in seiner unendlichen Liebe zu uns Menschen würde nie den Versuch aufgeben, einen Menschen, der sich gegen ihn entschieden hat, nicht doch noch für sich zu gewinnen….. Man kann davon halten, was man will, aber zumindest unterscheiden sich die Sill´schen Deutungen fundamental – und zwar sehr sympathisch – von den Schreckensvisionen, von denen früher immer die Rede war und an die sich vllt der eine oder andere (so wie ich) noch aus dem Religionsunterricht erinnern kann.

Facit: Das Buch hat (ich habe es im letzten Kapitel angedeutet) einen sehr stark theologischen Hintergrund, nichtsdestoweniger ist die Quintessenz dessen, was Sill schreibt auch dann gültig, wenn man nicht an Gott glaubt oder nicht auf diese Art. Von Format und Inhalt her könnte es eins der Bücher sein, die einen im Leben stetig begleiten.

[1] zitiert nach: Die Exerzitien und das Tagebuch des Ignacio de Loyola, Matthes & Seitz, München, 1978, S. 126
[2] Dorothee Sölle, zitiert auf S. 54

Bernhard Sill
Die Kunst des Sterbens
Verlagsgemeinschaft topos plus, 2009, TB, 102 S.
ISBN-13 978-3-8367-0691-9

4 Kommentare zu „Bernhard Sill: Die Kunst des Sterbens

  1. Ich finde die von dir vorgetragenen Thesen des Autors sehr überzeugend. Ich habe kürzlich „Älter werden“ von Silvia Bovenschen gelesen und dort zitiert sie Adorno: „Wer aber verzweifelt stirbt, dessen ganzes Leben war umsonst“.

    Ich bin der Ansicht, man sollte den eigenen Tod immer mitbedenken. Mit Verdrängung und Phantasien von ewiger Jugend ist ein würdevolles Älterwerden (und damit geht es ja schon früh los) nicht möglich.

    LG
    Carmen

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    1. In Bereichen, in denen es z.B. um Geld geht („soll ich wirklich.. das ist aber doch x euro teurer als ich dachte“) denk ich mir seit Jahren schon: „Werden dir die 20 Euro, die du jetzt sparen kannst, in 5 Jahren noch irgendwie helfen?“ Meistens nein….

      Schwieriger ist es eben in persönlichen Entscheidungen, vor allem, wenn auch noch andere Menschen davon betroffen sind, weil sie die Konsequenzen mittragen müssen.

      … und manchmal werden Entscheidungen zum Dilemma, weil man das Gefühl hat, überfordert zu sein, kein Kriterium zu haben, nach dem man sich richten kann.

      Aber auch das macht das Leben aus: die Gefahr, Fehler zu machen.

      Ich würde nicht sagen, daß ich meinen eigenen Tod immer mitbedenke. Aber ich bin mir bewusst, daß Entscheidungen unter Umständen Konsequenzen haben, die über Jahre oder für immer wirksam sind. Auch wenn gerade dieses Wissen mich manchmal lähmt (siehe Überforderung: was ist nun richtig?), ist es wichtig, sich darüber klar zu sein.

      .. andererseits: manchmal ist es auch richtig, aus dem Bauch heraus zu entscheiden und garnicht so lange zu überlegen…

      .. ach, leben ist wirklich nicht immer einfach… ;-)

      Ich danke dir für deinen Kommentar!

      liebe grüße
      fs

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  2. Die Rezension macht schon neugierig und auch nachdenklich. Die Zeit rennt und so langsam schleicht sich die Gewissheit, nicht alles erwünschte noch leben zu können, ins Bewusstsein. Traurig aber wahr, die Trägheit des Geistes ist eine starke Kraft.

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