Stille….

1. Januar 2010

Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft.

Das Unglück des Menschen rührt daher, daß er unfähig ist, mit sich selbst in einem Zimmer zu sein“, schreibt der französische Philosph Blaise Pascal. Wer Ablenkung meiden und Stille ertragen kann, merkt, wie es um ihn steht. Das ist manchmal schwer auszuhalten und doch eine Sehnsucht.

Schweigen ist mehr als nicht reden. Wer mit allen Sinnen still sein kann, schaltet sein Herz auf Empfang und nimmt tiefer wahr, was innen und außen vor sich geht. Es ist gut, Menschen zu haben, mit denen man beredt schweigen kann und Orte der Stille, an denen die Seele Abstand nimmt und ihren „Eigen-Sinn“ findet – innere Klärung und Stärkung aus der Tiefe des Seins.
„Erst das Schweigen tut das Ohr auf für den inneren Ton in allen Dingen“, weiß der Mystiker Romano Guardini. Wer schweigt und sich im Hören und Wahrnehmen übt, kann sich selbst und anderen näherkommen – und vielleicht auch Gott. Denn auch das Gebet ist zuerst eine Übung, mit sich selbst in einem Zimmer zu sein.
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Tagelanges Schweigen in einem Sesshin, einem mehrtägigen Zen-Kurs: Viele zweifeln anfangs, ob sie das überhaupt „können“. Haben sie sich dann überwunden, entdecken sie oft im Tun, wie sehr ein erfülltes Schweigen zur inneren Mitte führt und, was noch erstaunlicher ist, wie ein gemeinsames Schweigen Menschen miteinander verbindet, die sich nicht kennen und eben nicht auf dem gewöhnlichen Wege durch Worte kommunizieren. Es ist ein „anderes“ Kennen von innen her, das Bewusstsein einer geschenkten Einheit trotz all der Unterschiedlichkeit von Lebenssituationen und Altersstufen.

Eigentlich ist die Erfahrung der Stille der christlichen Tradition nicht fremd. Wie im Zen-Buddhismus kommt sie vor allem aus der Lebenspraxis der Klöster, wird darüber hinaus angeboten in Exerzitien, Geistlichen Übungen, die zur eigenen Mitte und Berufung führen wollen. Einige Tage so im Schweigen verbringen zu dürfen, das bildet ein kostbares Gegengewicht zum erlebten Übergewicht des Wortes in Gesellschaft und auch in Kirche. Denn leider ist aus den normalen Sonntags-Gottesdiensten die „heilige Stille“ völlig ausgezogen und wird oft selbst dort, wo sie sich nahe legt, durch das gesprochene oder gesungene Wort verdrängt. Dabei gehört es zu den Grunderkenntnissen über den Menschen, dass nicht in erster Linie Worte übertragen werden, sondern der Zustand, in dem ich da bin und aus dem dann jegliches Reden und Handeln folgt.

Von Anfang an steht in der Weitergabe des christlichen Glaubens das Unfassliche und damit auch Unsagbare im Vordergrund. Die Auferstehung Jesu als Beginn der „neuen Schöpfung in Christus“ ließ sich nicht durch Worte verstehbar machen; vielmehr heißt es am Schluss der ursprünglichen Fassung des Markus-Evangeliums (16,8), dass Furcht und Entsetzen die Frauen am Grab gepackt hatte und sie niemand etwas davon erzählten,was sie gesehen und erlebt hatten.

Eine alles Begreifen sprengende Erfahrung wird durch Worte eher „verwässert“. Nur in der persönlichen Erfahrung ist es möglich, sich von der Wirklichkeit unmittelbar berühren zu lassen nach dem christlichen Grundwort „Mir geschehe“. Genau hier aber setzt der Zen-Weg ein, und buddhistische Zen-Lehrer fordern von ihren christlichen Schülern, ihrer eigenen Erfahrung treu zu bleiben, ihren Glauben auf der Ebene der Erfahrung zu realisieren. [2]

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Das Schweigen ist keine Pause beim Reden, sondern eine Sache für sich. Ich kenne von zu Hause aus bei den Bauern eine Lebensweise, die sich den Gebrauch von Wörtern nicht zur Gewohnheit machte. .. Je mehr jemand zu schweigen imstande war, desto stärker war seine Präsenz. Wie alle im Haus hatte auch ich gelernt, am anderen das Zucken der Gesichtsfalten, Halsadern, Nasenflügel oder Mundwinkel, des Kinns oder der Finger zu deuten und nicht auf Wörter zu warten. Unter Schweigenden hatten unser aller Augen gelernt, welches Gefühl der andere mit sich durchs Haus trägt. Wir horchten mehr mit den Augen als mit den Ohren. Es entstand eine angenehme Schwerfälligkeit, ein in die Länge gezogenes Übergewicht der Dinge, die wir im Kopf herumtrugen. So ein Gewicht geben die Wörter gar nicht her, weil sie nicht stehenbleiben. Gleich nach dem Sprechen, kaum zu Ende gesagt, sind sie schon wieder stumm. Und aussprechen lassen sie sich nur einzeln und nacheinander. Jeder Satz kommt erst dann an die Reihe, wenn der vorherige weg ist. Im Schweigen kommt aber alles auf einmal daher, es bleibt alles drin hängen, was über lange Zeit nicht gesagt wird, sogar was niemals gesagt wird. [3]

Drei Texte – die ersten beiden aus dem kirchlichen Umkreis, der letzte von einer Schriftstellerin – die sich mit dem Schweigen rsp. der Stille auseinandersetzen. Alle drei verweisen auf Charakteristika: Im Schweigen erfolgt die Begegnung mit sich selbst, Schweigen erhöht die Fähigkeit zur Wahrnehmung, die Achtsamkeit sich selbst und dem anderen gegenüber und Schweigen ist nicht einfach die Abwesenheit, das Fehlen von Geräuschen, Schweigen, die Stille ist eine Qualität an sich.

„Wer mit allen Sinnen still sein kann“: schweigen also auch mit den Gedanken, Stille herstellen im Herzen, in der Seele, um das wahrzunehmen, was bleibt, wenn alles andere schweigt: „Sich von der Wirklichkeit unmittelbar berühren lassen.“ Keine leichte Übung, wir sind es nicht gewohnt, die Gedanken schweigen zu lassen, nur wahrzunehmen, uns nur berühren zu lassen: wir sind getriebene, zu berühren. Wir nehmen nicht den Baum wahr am Wegesrand, sondern wir sehen eine Kastanie. Unsere Gedanken ordnen schon, bevor wir uns berühren lassen.

Der Schweigende greift mit seiner Aufmerksamkeit tief in sich hinein, lässt sich berühren in seinem Grund. Das Schweigen steht im Dienst dieser Wandlung, öffnet einen Raum, in dem nicht nur das Äußere, sondern nach und nach auch das Innere still wird.“ So formuliert es Rheinbay [2]

In der Stille wird, wie es Müller schreibt, die Präsenz erhöht. Strukturieren meine Gedanken das Wahrzunehmende nicht mehr, werde ich Teil davon, hebe ich die Grenzen, die mein Intellekt setzt, auf. Der Schweigende wird zum Teil der hinter allem stehenden Wirklichkeit und so wahrgenommen – und er nimmt sich selbst so wahr.

Schweigen schafft Gemeinsamkeit. In der Gruppe schweigen schafft eine Verbindung, weil Schweigen aller Sinne eine universale Sprache der Seele ist, nämlich das sich der Wahrnehmung öffnen und das Einswerden in dieser Wahrnehmung.

Die „Reduktion“ auf Wahrnehmung ohne Bewertung, Einordnung oder Strukturierung schärft die Sinne für das, was im Reden untergeht. In einem stillen Raum fangen die Dinge an zu reden, Geräusche, die sonst nicht zu hören sind, werden laut, Stimmungen werden spürbar, Schwingungen dringen durch.

Alte Kirchen, Meditationräume, aber auch die Kathedrale eines Buchenwaldes, ein Sonnenuntergang oder ein Musikstück können unmittelbar auf unser Innerstes wirken, unsere Seele zum Schwingen bringen, uns einhüllen, uns der Wahrnehmung öffnen. Buchstäblich fehlen uns in solchen Momenten die Worte und der Versuch, dieses Empfinden in Worte zu fassen, zerstört es.

Ergänzung vom 11. Januar 2010:

Ein sehr schönes Wort habe ich heute gelesen [4]:

Wenn du stille wirst, wird dir geholfen

Wo sich der Raum der Stille öffnet bzw. wir uns dem Raum der Stille öffnen, da öffnet sich uns der Raum des Geheimnisses bzw. da öffnen wir uns dem Raum des Geheimnisses.

[1] M. Kirschstein in: sonntags, Andere Zeiten e.V., Hamburg, www.anderezeiten.de
[2] P. Paul Rheinbay, S.A.C., Rede, ohne die Lippen zu bewegen
[3] Herta Müller, Der König verneigt sich und tötet, Ffm 2008
[4] das Zitat ist von Goethe, die Textstelle aus: Sill B.: Die Kunst des Sterbens, Kevelaer 2009, S. 95 bezieht sich auf Gedanken des Philosophen Peter Wust
[5] Eine Broschüre zum Jahr der Stille

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