Herta Müller: Der König verneigt sich und tötet

Ich muß mich im Schreiben dort aufhalten, wo ich innerlich verletzt bin, sonst müßte ich doch gar nicht schreiben.[3]

Das kleine Fischer-Bändchen von Müller enthält 8 autobiographische Essays, in denen sie in der Hauptsache ihr Leben in Rumänien und in Ansätzen auch die sich daraus ergebenden Schwierigkeiten ihres Lebens in Deutschland beschreibt. Obwohl – beschreibt ist eindeutig zu schwach, Müller analysiert, in Teilen seziert sie sogar. Vor allem die Sprache als Medium, mit dem letztlich Erlebtes ausgetausch, durchdacht, erinnert werden muss, ist Gegenstand ihrer Versuche, ihre Vergangenheit, ihre Herkunft und ihr Jetztsein zu verstehen. Ich vermeide bewusst das Wort von der Vergangenheits“bewältigung“, denn – das wird einem bei der Lektüre sehr, sehr deutlich – bewältigt werden kann so eine Vergangenheit nicht. Gelingt es, die Wunden, Schmerzen, Verletzungen, Vernarbungen, die diese in der Seele hervorgerufen hat, als Bestandteil des eigenen Lebens zu akzeptieren und in das Jetztleben zu integrieren, dann hat man schon viel erreicht.

Müller stammt aus einem deutschen Dorf (405 Häuser, ca. 1500 Bewohner) banatischer Landsmannschaft, umgeben von anderen Dörfer mit Menschen, die anderen Ländern entstammten, Rumänien, Slowakien und Ungarn. Die deutschen hatten am Erbe der Nazis zu leiden, erhöhte Pressionen von aussen waren die Folge, und das Wachsen eines dumpfen „Wir“-Gefühls, das unter dem Banner des Brauchtums, der Tradition altes Gedankengut konservierte und eine falsche Überheblichkeit gegenüber den anderen hervorrief. Mit 15 ging Müller in die Stadt aufs Gymnasium (sicherlich kein repräsentativer Werdegang für eine Banatdeutsche, es würde mich interessieren, wie es dazu gekommen ist…). Dort hat sie zu schreiben angefangen und ist dann mitsamt ihren Freunden im Lauf der Jahre in das Visier des rumänischen Geheimdienstes geraten. Das soll hier reichen, mehr zur Biographie ist z.B. dem Wiki-Artikel [1] zu entnehmen.

Der Sprache widmet Müller einen großen Teil ihrer Überlegungen. Sie, die ihr Werkzeug ist, erscheint ihr fast ungeeignet, etwas auszudrücken. Wort folgt auf Wort, schon das eine Verfälschung der Realität, in der so vieles gleichzeitig geschieht. Dann die Bedeutung der Worte, die als Symbol oft nicht das zu Symbolisierende erfasst, zudem noch von jedem Menschen anders verstanden wird. Jedes Verstehen ist auch ein Interpretieren, sehr exemplarisch beschreibt sie dies mit den Verständnisschwierigkeiten, die sie als Muttersprachlerin Deutsch (Banat) in Deutschland hatte, vllt noch hat, denn dies gehört zu ihrer innersten Biographie. Um das Unzureichende der Worte auszugleichen, erfindet sie neue Worte, neue Wortbilder, die aber ihrerseits für den Leser nur schwierig zu verstehen sind.

So sophisticated ihr Sezieren der Sprache ist, so naiv und kindlich erscheinen andere Episoden. Zum Beispiel fühlte sie sich gegen das Ertränkt werden durch den Geheimdienst gefeit, weil das Rumänische kein Wort für „Wasserleiche“ hat: „… kann der Geheimdienst mich gar nicht ertränken. Ich kann doch nicht etwas werden, wofür es in seiner Sprache kein Wort gibt. Diese wortlose Stelle … wie ein Schlupfloch… wenn es ernst wird, schlüpfe [ich] dort hinein, wo es kein Wort gibt.“ [2]

Müller macht sehr, sehr deutlich, daß ein solches diktatorisches Regime in den Menschen unauslöschliche Wunden hinterläßt. Ihr Vater ergibt sich dem Alkohol, erschütternd, wenn sie schildert, wie sie aus der Art, wie sie auf Fotos sieht, wie ihr Haar gescheitelt und ihrer Zöpfe geflochten sind, Rückschlüsse zieht auf den Zustand des Vater zum Zeitpunkt des Frisierens [S. 70]. Die Mutter, jahrelang in ein Lager deportiert, hingegen betäubt sich mit Arbeit. Im Lager waren Kartoffeln „.. der Grund zum Verhungern oder zum Überleben. Meine Mutter hat überlebt und steht in ewiger Komplizenschaft mit der Kartoffel. Kein anderer Mensch hat beim Kartoffelessen diesen Blick wie sie, diesen Atem, für den es … kein Wort gibt. Als müsse sie heute, 50 Jahre später, bei jeder Kartoffel noch einmal am Leben vorbei in den Tod, und umgekehrt. …. “ [4]

Besonders erschütternd ist auch die Schilderung ihrer kurzzeitigen Arbeit in einem Kindergarten („Die rote Blume und der Stock“ hier eine Leseprobe). Schon hier, nicht erst in der Schule, findet sie gebrochene Menschen, 5 jährige, auf Disziplin gedrillte Kinder vor, die, wenn sie nicht mit dem Stock geschlagen werden, unsicher sind: „.. Sie fühlten sich im Stich gelassen, .. in hysterischer Leere, weil die Prügel nicht kamen. Das Weinen unter dem Stock war für sie das einzige, wodurch sie sich als Person spüren. Es hob sie heraus aus dem Kollektiv“ [5]. Müßig zu erwähnen, daß diese Kinder keine Kinderlieder kennen, aber die Parteihymne aus dem Effeff singen konnten.

Müllers Buch ist voll von solchen Beispielen pervertierten Denkens und schonungslos beschreibt sie die Auswirkung auf die Menschen – und unsere (d.h. westliche) mentale Ahnungslosigkeit. Sie nimmt unserer Begriffe auseinander, zeigt das konträre auf, unseren achtlosen Umgang mit der Sprache. Die beliebte Frage zum Beispiel: „Wenn du auf eine Insel müsstest und dürftest nur 10 Bücher mitnehmen, welche…?“ hat für sie eine völlig andere Bedeutung: MÜSSTE sie auf eine Insel, dann wahrscheinlich gerade wegen der 10 Bücher, die sie (nach unserem Verständnis) mitnehmen möchte….. Angst, natürlich ist Angst ein ganz lebensbestimmender Begriff und Zustand, die Isolation, das Misstrauen, die umsich greifende Schizophrenie… Der Gedanke an Flucht beherrscht alle. Auch eine sehr schöne Umdeutung und Klarstellung: Hohe Bonzen fliehen zum Beispiel nicht in den Westen, obwohl sie hohe Bonzen sind, sondern sie haben Parteikarriere gemacht, um (gefahrlos) fliehen zu können….. “ ...das Sich-an-die-Macht-Dienen eine einzige, getarnte Vorbereitung der Flucht. .. “ [6]

Müller macht es einem nicht leicht sie zu lesen, gerade weil sie so genau schreibt und sich auch bemüht, Lücken der Sprachlosigkeit durch eigene Bilder zu füllen. Aber die Mühe, diese Eingangsschwelle zu überwinden, lohnt sich allemal, sie breitet ein erschreckendes und schonungsloses Bild von der Wirkung einer Diktatur auf Menschen aus.

Facit: sehr, sehr intensiv aber auch gerade deswegen sehr lohnend!

Links:

[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Herta_Müller
[2] S. 100/1. Natürlich wird ihr dieser mentale Trostanker genommen. Sie findet eines Tages im Bereich das Friedhofes, auf dem Leichen entsorgt werden (… schleppten magere, herrenlose Hunde Leichenteile hin und her, Finger, Ohren, Zehen. …“ [S. 102]) eine solche Wasserleiche, eine gefesselte, als keine Ertrunkene, sondern eine Ertränkte.
[3] S. 185
[4] S. 145
[5] S. 158/9
[6] S. 168/9

weitere Buchbesprechungen von Müller im blog:

Atemschaukel und
Der Mensch ist ein großer Fasan

Herta Müller
Der König verneigt sich und tötet
Fischer, Frankfurt, 2008; Tb. 203 S.
ISBN-10: 3596175348
ISBN-13: 978-3596175345

19 Kommentare zu „Herta Müller: Der König verneigt sich und tötet

  1. Hallo!!

    Ich hab da eine Frage zu diesem Buch von Herta Müller. Und zwar frage ich mich, ob es im Buch einige Textstellen gibt die die Sprache als Instrument der Unterdrückung, aber auch als Möglichkeit des Widerstands und der Selbstbehauptung gegenüber der totalitären Macht? Und wenn dem so ist, welche sind es oder in wo kann ich sie genau finden?

    Gruß,
    Kai

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    1. lieber kai, das ist eine gute frage, die ich dir aber nicht beantworten kann. es ist einfach zu lange her, daß ich dieses buch gelesen habe, so präsent ist es mir nicht mehr, als daß ich einzelne textstellen benennen könnte…. im grunde ist natürlich das ganze buch eine anklage und damit ein dokument des widerstandes, aber das wird dir nicht weiterhelfen… nein, sry, da kann ich dir das selbstlesen nicht ersparen…
      lg
      fs

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          1. Ich weiß das im Buch sicher ein paar Stellen geben wird, hab vor ein paar Tagen angefangen es zu lesen. Ich hatte nur gehoft ich könnte es mit Geduld lesen, weil ich zur selben Zeit vier andere Bücher lese und immer vergäße ich was gelesen habe xD.
            In Google hab ich auch gesuch, aber nichts konkretes gefunden.
            Ich schätze ich muß zuerst die anderen Bücher fertig lesen und dann das Buch von Herta Müller.
            Dennoch, vielen Dank für die Hilfe ^^!!!

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  2. das 5. zitat aus dem buch ist glaub ich mit der falschen seitenzahl angegeben das zitat müsste sich auf den seiten 158 / 9 befinden und nihct auf den seiten 148 / 9!!
    ich wollte nur darauf hinweisen :)

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    1. merci beaucoup! ich hab´s korrigiert. und: respekt! zu merken, daß das zitat falsch ist, ist ja relativ einfach, aber die richtige seitenzahl zu nennen.. ich nehme daher an, du hast das buch auch gelesen…..

      lg

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      1. ja habe ich .. ich schreibe meine facharbeit über herta müller und ihre vergabekriterien.. deswegen brauche ich vor allem gute beispiele aus ihren büchern um die kriterien mit poesie und prosa belegen zu können und somit zu zeigen dass sie auf jeden fall den nobelpreis verdient hat^^

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          1. ich versuche das wofür herta müller den nobelpreis bekommen hat in 2 ihrer werke zu belegen.. also zum einen für die sachlichkeit der prosa verdichtung der poesie und landschaften der heimatlosigkeit!! :)

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          2. ich habe mich für der könig verneigt sich und tötet und atemschaukel entschieden!! ich finde die 2 bücher gut geschreiben udn ich hatte sie schon gelesen.. jetzt muss ich nur noch beschreiben wieso ich diese bücher gewählt habe.. aber nicht weil ich sie schon kannte natürlich! :)

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  3. Auch ich habe mir nach dem Lesen dieser Vorstellung umgehend das Buch aus der Bibliothek ausgeliehen heute morgen und werde schnellstmöglichst damit beginnen. Vielen herzlichen Dank für diese grandiose Rezension!

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  4. du kannst nicht nur gut schreiben, ich geniesse es auch, wenn du mir die bücher, die dich faszinieren erzählst, sie so intensiv vor augen malst, dass ich lust bekomme sie zu lesen – und es ist dann nicht langweilig sie selber noch einmal zu endecken. bei herta müller bin ich besonders auf die beschreibungen gespannt, die sie für worte findet, die es nicht gibt. dieses ver-rücken der sicht um klarer sehen zu können.

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