Pincus J. Wolfson: Geißel der Niedertracht

Eigentlich brauch ich zu dem Buch garnicht mehr viel zu sagen, Buttgereit [1] hat dies schon so treffend gemacht, daß kaum noch was bleibt. Die Bibelstelle, die Wolfson hier in die Gegenwart (von 1931, dem Jahr der amerikanischen Erstausgabe) überträgt, kann man unter [2] finden. Und die im Buch ab und an erwähnten „Speakeasys“, die der Übersetzer nicht ins deutsche übertragen hat, sind die illegalen Kneipen, die es in den USA zur Zeit der Prohibition gegeben hat.

Aber doch ein paar eigene Gedanken:

Die Story wird in der Ich-Form von der Hauptperson Buck Safiotte erzählt. Dieser ist zum Inspector befördert worden und leicht angesäuert, weil er eigentlich die Ernennung zum Commissioner erwartet und (seiner Meinung nach auch) verdient gehabt hätte. Aber auch als Inspektor läßt es sich leben, er „..würde vorsichtig sein, aber reich und obendrein zufrieden, denn [er] würde unter den attraktivsten Frauen wählen können.„. Sein Revier ist sein Reich, in dem Safiotte unumschränkt herrscht, im wahrsten Sinn über Leben und Tod, denn auch das Töten bereitet ihm keine Probleme, ist doch der Tod das einzig Gewisse, und was kommt es da auf etwas früher oder später an.

In der Ich-Form geschrieben klingt der ganze Roman jedoch wie von einem absolut emotionsfreien neutralen Beobachter berichtet. Wenn Gefühle drohen, kann man immer noch zu einem Drink greifen, leidenschaftslos wird das getan, was notwendig erscheint. Illegale Geschäfte, Korruption sind selbstverständlicher Teil der täglichen Routine.

Und dieser Mann Safiotte, der Frauen bis dahin eher als angenehme Einrichtungsgegenstände ansah, verliebt sich in die Frau eines engen Mitarbeiters. Verliebt sich so sehr in diese Frau, verführt sie (jetzt sind wie mitten in der biblischen Geschichte [2] von David, Batseba und Urijel) schwängert sie und schickt ihren Mann in einen selbstkonstruierten Hinterhalt, in dem dieser dann auch getötet wird.

Wenige Wochen nach der Beerdigung macht er Beth, seiner Liebe (vielleicht auch nur die Frau, über die er Macht haben will, die er keinem anderen gönnt, das ist mir nicht klar geworden) einen Heiratsantrag, den diese annimmt. Sie heiraten, Beth bringt ein Mädchen zur Welt, welches aber im Jahr drauf krank wird und (wie bei David und Batseba) stirbt. Diese Szene ist die vielleicht einzige im Buch, in der Safiotte Gefühle hat. Es zerreisst ihm das Herz, sein Kind sterben zu sehen, ihm nicht helfen zu können, er versucht alles zu tun, was möglich ist, aber es ist zuwenig, das Mädchen stirbt ihm unter den Händen weg.

Wenn Wolfson seinen Protagonisten Safiotte reden oder denken läßt, tut er dies ohne Beschönigungen. Eine klare, analytische Sprache, die nichts verheimlicht oder nach Ausflüchten sucht. Amoralisch ist vllt das geeignete Wort, Moral existiert nicht, die Unterscheidung zwischen Böse und Gut ist nicht mehr gegenwärtig. Zielgerichtet oder nicht, das ist die Handlungsmaxime, und alles, was dem Ziel dient, wird gemacht. Bindungen, Rücksichtnahmen, Freundschaften sind da nur hinderlich, allenfalls werden Gefälligkeiten erteilt oder eingefordert, die dann aber bei entsprechender Gelegenheit wieder abgerechnet werden. So geht Safiotte auch unbeirrbar durch sein Leben, verwundbar wird er in der Tat erst in dem Augenblick, in dem er ein Gefühl zuläßt, nämlich seine Liebe zur Frau seiner Freundes.

In verschiedenen Buchbesprechungen wird davon geredet, daß Wolfson zeigen wollte, daß die Bestrafung des Bösen nicht erst im Fegefeuer, sondern schon auf Erden erfolgt: „Stilistisch überzeugend zeigt Wolfson, dass das Schicksal erbarmungslos, nicht abwendbar ist und Wolfsons Protagonisten sind ihm hilflos ausgeliefert. Die im Diesseits begangenen Sünden werden nicht erst nach dem Jüngsten Gericht gesühnt. Das Fegefeuer lodert bereits in der Gegenwart.“ [3] Das sehe ich nicht so, denn dann hätte das Buch, die Geschichte ja eine Moral. Nein, im Gegensatz zur biblischen Vorlage, in der der HERR David und Batseba straft (und die Geschichte der zwei ist ja damit auch noch nicht vorbei..) gibt es dieses höhere Wesen, das wir alle verehren (um Böll mal wieder zu zitieren), in Wolfsons Buch nicht. Was hier passiert, ist nicht Strafe für Sofiotte und seine Frau, es geschieht einfach, ohne Sinn, ohne Ziel und ohne Zweck. Es hätte jedes Kind treffen können (und es hat viele Kinder getroffen) und hat eben diese eine auch erwischt. Shit happens. Es erscheint nur als Strafe, weil Safiotte verwundbar geworden ist. Nihilistisch, wie Wolfson es in seinem Abschlusssatz ausdrückt: „Jazz und Tränen und Tod.

Facit: Erschreckend, wie Wolfson hier Amoralität vorführt und zwar nicht nur am Einzelbeispiel, sondern an einer ganzen Gesellschaft.

Links:

[1] Das Vorwort zum Buch von Silke Buttgereit
[2] 2Sam: 11, 12,1-16
[3] http://www.x-zine.de/krimi/xzine_rezi.id_8140.htm
[4] Das Buch war Vorlage für den französischen Film „Police“ (1985) mit Depardieu

Pincus J. Wolfson
Geißel der Niedertracht
MAAS-Verlag, 2005, Tb., 269 S.
ISBN-10: 3929010577
ISBN-13: 978-3929010572

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