Petros Markaris: Live!

Dieser Fall für Kostas Charitos liegt zeitlich vor dem „Großaktionär„, den ich vor einiger Zeit gelesen hatte.

Kostas ist missmutig, ihm ist langweilig. Er ist in langwieriger Rekonvaleszenz, nachdem er sich ein paar Wochen zuvor in einen Schuss geworfen hatte und einen Lungenschuss erhielt. Er lag einige Zeit auf Intensive, dann normal im Krankenhaus und ist jetzt auf Genesungsurlaub zu Hause. Als ob er sich dort erholen könnte, hat doch seine Frau Adriani das Sagen übernommen und er, Kostas, kann sich kaum neben ihr behaupten. Abgesehen davon, daß er im eingenen Selbstmitleid zerfließt und sich lustvoll seiner Apathie und Antriebslosigkeit hingibt….

Doch dann, in einer dieser unsäglichen Fernsehsendungen, die er nicht leiden kann aber dennoch schaut, erschießt sich mitten im Interview der reiche Bauunternehmer Favieros. Eine obskure kleine rechte Gruppe übernimmt die Verantwortung dafür, was zwar unglaubwürdig ist, aber den politisch Verantwortlichen ganz gut in den Kram passt, haben sie doch einen Schuldigen, zumal kurz darauf der latente Ausländerhass in zwei kurdischen Arbeitern Mordopfer findet.

Charitso kommt dies alles suspekt vor, privat versucht er, Informationen zu sammeln, wird sogar von Gitas, seinem Chef, als verdeckter Ermitteler eingesetzt. In diese Untersuchung platzt ein zweiter Selbstmord des Abgeordneten Stefanakos und auch den dritten Suizid eines bekannten Journalisten kann Charitos nicht verhindern.

Wer in diesem Buch einen reinen Kriminalfall sucht, wird enttäuscht sein. Irgendwie erinnert mich Kostas an Inspektor Columbo, genauso eigenbrötlerisch, eigensinnig und scharf kombinierend. Zutaten wie Kriminaltechnik, Forensik, Mitarbeiter gar á la Grissom findet man nicht, die Ermittlungstechnik erschöpft sich in Befragungen, Unterhaltungen und nachdenken darüber. Das höchste der Gefühle ist ein junger Student, der sich mit Computern auskennt und so die Rechner der Suizidierten untersuchen kann. Noch nicht einmal ein Handy nennt Kostas sein eigen und sein Mirafiori findet in Columbos 1959 Peugeot convertible, Model 403, sein Vorbild. Aber (auch hier Columbo gleich), Charitos findet die Lösung des Falls, beharrlich und unaufhaltsam.

Die Lösung führt weit in die wechselhafte Geschichte Griechenlands zurück, in die Zeit der Junta letztlich, also zwischen 1967 und 1974. Die Schatten dieses Regimes reichen bis in die Jetztzeit, alte Seilschaften halten zusammen, protegieren sich weiterhin, manchen macht die Vergangenheit auch erpressbar.

Das Buch ist fast mehr noch als ein Krimi eine Einführung in das Wesen der Griechen und den Charakter Griechenlands. Mal mehr, mal weniger versteckt beschreibt Marakis Missstände wie Korruption, Vetternwirtschaft, das Durchlavieren durch problematische Situationen, die unzureichende Infrastruktur des Landes, vor allem in Athen, aber auch die Schlitzohrigkeit und Verschlagenheit, den Geschäftssinn, die/den es braucht, um in solchen Umständen sein Scherflein ins Trockene zu bringen. Wunderbar zu lesen, wie Kostas bevorzugt in sein Stammcafe mit dem missmutigen Kellner und dem verwässerten Mokka geht, weil er es geniesst, sich darüber zu ärgern.. ein latenter, dem Griechen offensichtlich innewohnender Masochismus. Und seine Abneigung und Abgrenzung dem Rest des Balkans gegenüber, auch die beschreibt Marakis. Fremdenfeindliche Tendenzen gibt es zuhauf, die Ausländer, die den Griechen die Arbeitsplätze wegschnappen – mit diesen Parolen ist auch in Hellas Anhängerschaft zu gewinnen…..

Zum Schluss bleibt ein frustrierter, ratloser Kommissar, der zwar den Fall gelöst hat, dessen Lösung aber keinem hilft außer den Politikern, die um einen Skandal herumkommen, denn er kennt die (überraschende) Lösung, die Hintergründe, kann sie aber nicht beweisen….

Facit: hat man sich an den etwas behäbigen, eigenwilligen Charitos erst einmal gewöhnt, würde man ihm nur zu gerne auf einen verwässerten Mokka einladen…. ein schönes, beschaulich geschriebene Roman aus dem modernen Griechenland.

Petros Markaris
Live!
Diogenes, 2004, HC, 528 S.
ISBN-10: 3257063911
ISBN-13: 978-3257063912

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