Thor Kunkel: Kuhls Kosmos

Da ich im Frühjahr ja einige Probleme hatte, über den normalen Buchhandel an Bücher von Pulp Master zu kommen (um es genauer zu sagen, selbst auf Nachfragen hin wurde einfach nicht geliefert….), habe ich mich gefreut, neulich per Zufall zumindest mal wieder zwei Bände gefunden zu haben. Einer davon ist Kunkels Geschichte, die uns den 19 (!) jährigen Kuhlmann („Kuhl“) als Hauptperson vorstellt.

Kuhl entstammt dem Frankfurter Problemstadtteil „Kamerun“, hat sich aber, nachdem er bei einem Raub zwei Männer getötet hat, mit dem Geld nach Nassau abgesetzt, dem auf den Bahamas. Dort gibt er das Geld mit vollen Händen aus, im teuersten Golfclub, dem geilsten Schlitten und seinen neuen Bekannten, die kaum besser sind als er, aber eine Menge mehr Geld haben. Daß sein in Kürze aufgebraucht sein wird, rechnet sich Kuhl aus und stilgereicht mit dem Ende der 70er Jahre plant er auch sein Dasein hier auf Erden abzuschließen.

Kunkel läßt Kuhl sein Leben, zumindest das der letzten Monate, erzählen, Kuhls Kosmos eben. Es ist geprägt von gnadenloser Selbstüberschätzung, mit der der abgebrochene Fernsehtechniker auf seine Mitmenschen hinabschaut. Ein Lelben hart am Rande des schnöden Gelderwerbs durch Arbeit: ultra-ultra-low… nicht Kuhls Ding. Er und seine Freunde spekulieren eher auf leicht abzugreifendes Geld, kleine Gaunereien, sie pflegen die großen Träume wie Rio, der sich mit irgendeiner synthetischen Droge den Abschuss gegeben hat und sich nun dauernd bei der NASA bewirbt und kommen mit der Realität nicht klar. Manchmal dämmert das sogar Kuhl, denn (so eine kurze Erhellung zwischendurch), obwohl sie absolut die Durchblicker sind, sitzen sie doch immer nur in der Scheisse. In der Tat. Selbst Shortie ist ihnen über und die so ultralow aussehende Kassierin des Kaufhof vermasselt ihnen das simple Abgreifen von ein paar Flaschen Sprit für die Silvesterfeier, eine Aktion, die völlig aus dem Ruder läuft und zum Schluss eine Menge Blut nach sich zieht…. immer in der Scheisse eben.

Hier auf Nassau inszeniert sich Kuhl als cooler Gangster, schwadroniert über das Leben, die 70er Jahre, die sich dem Ende zuneigen, pflegt seinen Lebensüberdruss. Von einem seiner neuen Freunde aus dem Golfclub wird er gefragt, ob er einen Porno produzieren will, was er aber nicht will. Doch den ultimativen Abgang findet er hier: von einer Geisha geritten im Augenblick des Höhepunkts sich eine Kugel in die Birne jagen… absolut hula und stilvoll.

Das Buch kennt keine positiven Figuren, alle liegen irgendwie neben der Spur. Einzelheiten der Story läßt Kunkel oft im Dunkeln, klärt sie nicht auf, so den Mord an Kuhls Freund Rio („... dem bringt jetzt der Maulwurf die Post.„) bei der Flucht aus dem Kaufhof bleibt vieles im Dunkeln ebenso wie bei Kuhls großer Flucht nach funky Nassau. Nur, daß sein geplanter Abgang nicht klappt (ebenso wie der eine oder andere vorherige Versuch…), weil sich in diesem einem, kleinen aber entscheidenden Moment nur ein Schuss löst, da ihm im Eifer des Gefechts und Geschaukel der Matratze die Pistole aus der Hand gefallen ist, das ist klar und danach schläft Kuhl dann erschöpft ein….

Für seine 19 Jahre schwadroniert und „philosophiert“ Kuhl ein wenig zu cool, ebenso wir mir sein Auftreten bei all seiner Selbstüberschätzung zu überzeichnet ist für dieses Alter. Aber das Lebensgefühl, die Sicht, die er hat, kommt gut rüber, insbesondere in den Dialogen, den szenischen Abschnitten. Das Gesalbadere der vorgeblichen Reflektionen über Gott und die Welt ist mir zum Teil zu langatmig, nimmt Tempo aus der Geschichte, mal abgesehen davon, daß es irgendwann auch einfach nervt….

Kunkel, dies ein schöner Zug von ihm, läßt einen großen Teil der 70er Jahre noch einmal Revue passieren (der letzte Silvesterabend ist dazu ein passender Anlass), vor allem, was die Musik angeht. Im Anhang ist sogar das Verzeichnis der Plattensammlung von Rio wiedergegeben.. das ein oder anderer AHA-Erlebnis für die, die diese Zeit mitgelebt haben….

Facit: mal wieder was anderes, ein kuhles stück text aus der trasheimer. halbwegs hula.

Thor Kunkel
Kuhls Kosmos
Pulp Master; August 2008, Tb, 333 S.
ISBN-10: 3927734411
ISBN-13: 978-3927734418

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