Umberto Eco: Quasi dasselbe mit anderen Worten

Immer wieder denke ich mir (in irgendeinem der Kommentare in meinem Blog ist es schon einmal angesprochen worden, aber ich finde den natürlich nicht….), was les ich da eigentlich? Es ist doch ein spanischer, italienischer, israelischer, amerikanischer oder was weiß ich für ein Autor (…Autorin) und du liest das hier auf deutsch.. Inwieweit gibt diese Übersetzung denn das Original wieder oder ist schon eine eigene Dichtung…. Die Frage nach der Übereinstimmung von Original und Übersetzung ist im Grunde für jeden Menschen hochinteressant, selbst wenn man in erster Näherung sagt: was soll´s? Hauptsache, das Buch gefällt mir!

Aber wenn man sich überlegt, daß unsere gesamte westliche Kultur (ob gläubig oder nicht) von der Bibel geprägt ist und diese -zig mal von dieser in jene Sprache übersetzt worden ist (von der mündlichen Überlieferung und dem Zeitalter der Steintafeln ganz zu schweigen) und das auch noch mit dieser oder jener Intention… da ist dann schon die Frage: was stand eigentlich ursprünglich mal tatsächlich drin? Und was hat das mit dem zu tun, welches jetzt unser moralisches, ethisches Grundkonzept in der Gesellschaft bildet? Nun ja….

Hier war mir das Buch von Eco hochwillkommen, denn dieser kennt nun beides, das Schreiben, das Übersetzen und mit Sprache kennt er sich sowieso aus.

„Eins zu eins“ – Übersetzungen von Texten (literarische, die hier gemeint sind) gibt es nicht, da Wörter in verschiedenen Sprachen nie deckungsgleich sind. Immer schwingt in einem Begriff eine ganze Wolke von Konnotationen mit, die mitübersetzt werden müssen. Der Kontext ist wichtig, kennt man den nicht, kann man einen Satz wie „Ich gehe jetzt zu dieser Bank da drüben“ nicht übersetzen (Mehrdeutigkeit des Begriffes „Bank“). Dies ein Faktor, wegen dem automatische Übersetzungssysteme oft so lustige Ergebnisse bringen.

Die Intention des Autors muss berücksichtigt werden, dieses „was will uns der Autor mit seinen Worten sagen?“ Was bezweckt er, wie erreicht er es: durch die Wortwahl, die Satzmelodie, den Satzbau, durch Alliterationen, Wiederholungen etc pp….

Ein gutes Kriterium ist die Rückübersetzbarkeit eines Textes in die Originalsprache: Wie gut gleicht dieser Text dem Ausgangstext?

Was will ich überhaupt als Übersetzer? Dem Leser den Text in zum Beispiel seinem historischen Umfeld nahebringen, also mit altertümlicher Sprache, Wortwahl und Ausdrucksweise oder soll (die Menschen also zum Text bringen) oder soll der Text in moderner Fassung zum Leser gebracht werden (wie z.B. die Bibel in ihren jeweiligen überarbeiteten Fassungen).

Das sind natürlich nur einige der Gesichtspunkte, die beim Übersetzen zu berücksichtigen sind…..

Was macht ein Übersetzer, der einen italienischen Roman übersetzt, in dem auf alte italienische Texte, womöglich noch in Zitatform zurückgegriffen wird, wenn das Buch in z.B. englisch übersetzt werden soll, wo diese Texte dem Leser nichts sagen? Im günstigsten Fall kann er auf alte, andeutungsweise analoge englische Texte zurückgreifen: nur: was sollen englische Texte in einem italienischen Buch?

Eco, der ja selbst dicke Romane geschrieben hat, kann aus eigener Erfahrung viele Übersetzungsprobleme diskutieren, entsprechend oft werden Passagen aus „.. der Rose“, „Die Insel…“ oder „Das.. Pendel“ zitiert und diskutiert.

Interessant war für mich auch die Abschnitte über die Übersetzung von Poes „The Raven“, der mich vor geraumer Zeit mal eine ganze Zeitlang in Beschlag genommen hatte.. na ja, nevermore….

Obwohl das Niveau des Buches hoch ist (es kommen Fremdworte vor, die musste ich erst zweimal Buchstaben für Buchstaben lesen, bevor ich mich an das ganze Wort traute…) und ich leider weder italienisch noch französisch kann, war die Lektüre hochinteressant, zumal genügend Beispiele auf englisch und auch auf deutsch vorhanden sind.

Natürlich, als Leser hat man nur den einen Text vorliegen, der eben gedruckt wurde. Und ob dort übersetzt wurde: „Er konnte Insel von Festland nicht unterscheiden“ oder „Er konnte Insel von Kontinent nicht unterscheiden“ ist völlig unerheblich für diesen einen Text, wichtig mag es sein für den Autor, der seinen Ursprungstext ggf. verändert sieht, je nachdem, für welches Wort sich der Übersetzer aufgrund seines Textverständnisses und seiner Kenntnisse der Zielsprache entschieden hat. Und so ist dieses Buch ein wenig wie ein hochinteressanter Rundgang durch den Backstage-Bereich, während man normalerweise ja nur die Show im Rampenlicht verfolgen kann….

Facit: Ein Blick hinter die Kulissen eines übersetzten Textes. Hoch interressant, sehr lehrreich und durch Ecos Formulierkunst in der Übersetzung von Kroeber auch sehr unterhaltsam.

Umberto Eco
Quasi dasselbe mit anderen Worten
dtv, 2009, 464 S.
ISBN-10: 342334556X
ISBN-13: 978-3423345569

Ein Kommentar zu „Umberto Eco: Quasi dasselbe mit anderen Worten

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