Dai Sijie: Wie ein Wanderer in einer mondlosen Nacht

Was ein wunderschönes Cover, so geheimnisvoll, die junge Frau, die die chinesischen Schriftzeichen betrachtet…

Das Buch ist komplex, spielt auf vielen Ebenen, sein Inhalt ist daher nur schwierige wiederzugeben.

Sozusagen vorausgeschickt wird die Geschichte von Pu Yi, dem letzten Kaiser von China, der ein ziemlich exzentrischer Mann gewesen sein muss und der seine ganze Energie daran verwendete, eine äußerst wertvolle, in einer unbekannten Sprache kalligraphierte Querrolle zu übersetzen. Genau diese Rolle zerreisst er in einem Anfall, als er von den japanischen Eroberern in einem Flugzeug aus Peking ausgeflogen wird. Die beiden Hälften fallen aus dem Flugzeug zu Boden….

Und hier setzt die eigentliche Geschichte ein. Peking, 1979. Eine französische Sinologiestudentin lernt einen chinesischen Gemüsehändler kennen und lieben. Im Lauf der Zeit erzählt er ihr seine Geschichte, die vor allem auch die Geschichte von Paul d´Ampere ist, einem französischen Orientalisten, der den Spuren Marco Polos nachwandert, dabei alte Völker und Staaten entlang der Seidenstraße der Vergessenheit entreisst und deren Sprachen entziffert. Und auch eine der Hälften der von Pu Yi zerrissenen Sutrarolle entziffert er: „Wie ein Wanderer in einer mondlosen Nacht….“

Tumschuk, der Gemüsehändler, ist der Sohn von Paul d´Ampere, der mittlerweile in einem Straflager gehalten wird. Er besucht seinen Vater regelmäßig, doch eines Tages findet er ihn im Sterben liegen, von Mithäftlingen erschlagen. Er begräbt ihn und schwört, niemals wieder als Chinese zu leben. Noch immer ist die zweite Hälfte der Rolle verschollen, obwohl d´Ampere so sehr nach ihr gesucht hat und nun macht es sich Tumschuk zu seiner Aufgabe, diese zu finden.

Der Ich-Erzählerin schreibt er einen Brief, ohne zu ahnen, daß diese mittlerweile ein Kind von ihm erwartet. Und auch die Geliebte sucht lange Jahre nach der Rolle, bis sie sich entschließt, diesen Teil ihres Lebens loszulassen.

Und doch.. Jahre später reist sie nach Birma, trifft dort auf die Spuren ihres ehemaligen Geliebten und in der Folge der Ereignisse durch einen schieren Zufall einen wertvollen Hinweis zur Existenz und zum Verbleib der lange Jahre so gesuchten Schriftrolle……

Es ist schier unglaublich, was diese drei Hauptpersonen an Mühen, Entbehrungen und Opfer auf sich nehmen, um ihrem Ziel näher zu kommen. Und gleichzeitig dringen sie auf ihren Reisen, mit ihren Anstrengungen immer tiefer in die Geheimnisse Chinas, seiner Kultur und seiner Seele ein. Ausser dieser sehr komplexen Geschichte, die Sijie mit großer Leichtigkeit ausbreitet, die zu lesen aber nichtsdestotrotz hohe Aufmerksamkeit erfordert ist dieses Buch auch eine Huldigung an die Sprache, die Macht der Sprache und auch an deren Schönheit und Harmonie, die die Seelen der Menschen zu rühren vermag…… Denn all das Beschriebene geschieht, um letztlich einige wenige Zeilen einer unbekannten Sutra zu finden. Aber es sind eben Worte des Erhabenen und bei der Geschichte musste ich unwillkürlich an die Suche nach dem Heiligen Gral denken, obschon dieser ein Mythos ist, die abgängige Sutrenhälfte dagegen nicht.

Bringt diese den Menschen, die sie suchen, die erhoffte Erlösung? Oder ist deren Suche irgendwann im Lauf der Jahre zu einem Selbstzweck geworden, hat sich losgelöst vom konkreten, nimmt die Sutra nur noch als „Vorwand“ für das, was im Grunde nicht erreichbar ist? Tumschuk, sein Vater und die Erzählerin sind nicht nur Suchende, sie sind auch Getriebene, die (auch wenn sie sich wie die Frau zum Teil für Jahre befreien konnten) einfach nicht anders können….. sie versuchen, das Zerrissene wieder zu vereinen, die zerstörte Perfektion der Seidenrolle wieder herzustellen, Zusammenzufügen, was zusammen gehört. Und so les ich die Geschichte der drei Menschen als Geschichte einer unstillbaren Sehnsucht nach Erlösung und folgerichtig endet das Buch auch mit den letzten, so lange gesuchten Zeilen der Worte des Erhabenen, die Suche ist zu Ende .. satori….

Link: – ein Interview mit dem Autor
– eine ausführliche Inhaltsangabe zum Buch

Facit: Faszinierend und sehr vielschichtig. Wahrscheinlich muss man das Buch mindestens zweimal lesen, um es in Gänze zu erfassen….

Dai Sijie
Wie ein Wanderer in einer mondlosen Nacht
Piper, 2009, HC, 310 S.
ISBN-10: 3492050816
ISBN-13: 978-3492050814

2 Kommentare zu „Dai Sijie: Wie ein Wanderer in einer mondlosen Nacht

  1. Also mir hat das Buch seh gut gefallen … so etwas habe ich schon lange nicht mehr gelesen! Es enthält irgendwie märchenhafte Züge, gleichzeitig viel kulturelle Informationen, die Liebesgeschichte und dan noch zuletzt den Schicksalsaspekt (Parallelen zwischen Tumschuk und Paul d`Ampère). Ich habe lange zum Lesen gebraucht, denn ganz verständlich wird das Buch erst zum Schluss: Mit dem letzten Satz kann man quasi die ganze Geschichte nochmal aufrollen. Das macht aber seinen Reiz aus und – wie du bemerkt hast – muss man es auf jeden Fall nochmal lesen.

    Mir kommt das Buch außerdem ein bisschen vor wie der Prototyp eines postmodernen Romans … auch wenn er ja erst 2007 veröffentlich wurde. Und das macht ihn für mich zusätzlich so wertvoll.

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