Rafael Arozarena: Mararia

17. Oktober 2009

arozarena

Lanzarote, die Feuerinsel nah der afrikanischen Küste – über Jahre hinweg hatte ich dort Urlaub gemacht, die Insel (soweit es einem Touristen ohne Spanischkenntnisse möglich ist) erkundet und mit dem Rad durchfahren. So weckt ein Roman, der auf dieser Insel spielt, diese Insel zum Thema hat, seltsame, heimatliche Gefühle in mir. Natürlich, das Lanzarote der 30er Jahre, in denen der Roman spielt, hat wenig zu tun mit dem der Jahrtausendwende. Der Dorfplatz von Femes ist schon längst nicht mehr bloßer Boden, sondern asphaltiert, schaut man vom „Balkon“ hinunter in die Ebene macht es Der Dorfplatz von Femes kaum Mühe, Playa Blanca zu finden, denn mittlerweile erstreckt es sich über die gesamte Südküste und auch am Wochenende kommen kaum noch die Seeleute hoch nach Femes, um den Wein aus Uga zu trinken, sondern es sind die Touristen, die dort einfallen, die aus dem Ausland, aber auch die einheimischen, die auf Lanzarote ihr Wochenende verbracht haben.

Blick auf den Atalaya

(Die beiden Bilder sind aus dem heutigen Femes, aufgenommen am Dorfplatz, an der Kirche….

Die Gaststube, die Arozarena schildert, in der sein Erzähler sitzt und den Geschichten lauscht, ich habe sie vor meinem geistigen Auge, kann sie mir vorstellen. Natürlich ist auch sie mittlerweile geweißt, eingerichtet und nicht mehr mit der beschriebenen zu vergleichen – aber trotzdem. Vor meinem Auge spielt sich alles hier ab…..

Aber zum Roman… Er spielt wie schon erwähnt, in den 30ger Jahren. Eigentlich würde ich das Buch nicht als Roman bezeichnen, es ist eher einen Sammlung von durch eine sehr lockere Rahmenerzählung zusammengehaltenden und verbundenen Geschichten, Anekdoten, Erinnerungen rund um eine als Person weitgehend im Dunkeln bleibenden Frau, Maria. Diese ist eine Schönheit, weitberühmt und die Männer wollen sie allen für sich erobern. Aber sie erhört keinen, unterwirft sich nicht den Sitten und Gebräuchen. Einen Fremden nimmt sie mit, am Festabend und dieser verläßt erst am nächsten Tag ihr Haus, er wird in Händel verwickelt, die die Eifersucht produziert und kehr nie wieder nach Femes zurück. Einen fahrenden Händler, einen Araber, der ihr den Hof macht, den will sie ein paar Monate später heiraten. Aber dieser überlebt die Eifersucht der jungen Männer im Ort nicht.

Maria hat kein Glück im Leben, die Männer, denen sie sich anvertraut, enttäuschen sie, belügen sie. Auch wenn sie sich zu rächen weiß, für die Menschen wird sie immer mehr zu einer Unheimlichen, eine Räbin, einer Hexe…. niemand weiß, wo sie hingeht, wo sie herkommt, man hört sie nicht gehen, zu schweben scheint sie über dem Boden….

Dies sind die Geschichten, die der Erzähler, und man kann davon ausgehen, daß dieser mit dem Autor identisch ist, im Dorf und auf seinen Spaziergängen hört. Viel tragisches ist darunter, menschliche Schicksale, die aber gottergeben getragen werden. Und in all den Geschichten schwingt eine unheimliche Ebene jenseits der sichtbaren Realität mit. Dies ist nicht verwunderlich, Lanzarote ist heute noch ein stille Insel, ein Ort, der (meidet man die Zentren) dem Wind, der Sonne, dem Sand und den Steinen gehört. Mit diesen muss man sich anfreunden, will man die Insel lieben. Und wie überall, wo die Natur eine gegebene Einsamkeit aufweist und Schroffheit, vermutet man Übersinnliches, verheißt der schwarze Vogel Unglück und ist sowohl die Hand Gottes wie der Atem des Teufels zu spüren. Schatten huschen wie Gespenster durch die Schluchten, Wolken stieben einer Herde wilder Pferde gleich an der Sonne vorbei. Felsen, von Vulkanen geschleudert, teilen sich des Nachts und entlassen geifernde Hunde und wildblickende Katzen in die Freiheit, die den müden Wanderer, der zufällig des Weges kommt, anfallen…..

Arozarena beschreibt und erzählt im schönsten Sinn des Wortes. Er scheut das Blumige nicht, die Ausschmückung, er erweckt die Feuerinsel zum Leben, man meint, die Dürre, die Trockenheit, die Sonne, den Wind, den Mond zu sehen, zu spüren.. Viele der Wege, die seine Figuren gehen bzw. fahren, kenne ich, ich kann sie begleiten, weiß wo sie hinfahren, wie es dort aussieht/-sah (?) Die Schlaglochpisten, mittlerweile fast ausgemerzt, sie haben auch meine Bandscheiben noch malträtiert, den Gang von Playa Blanca hoch nach Femes… diese elend lange Steigung … Die rollenden, vom Wind getriebenen Dornbüsche, die halbverfallenen Ruinen in den Einöden, die Sandstrände im Süden, die Salinen… Eidechsen huschen über die Steine, wenn man Glück hat, sieht man ein Kaninchen rennen und in der Luft einen Greif….

Am Schluss seines Buches sagt der Autor: „Die Insel ist wie eine Frau. Sie ist fruchtbar und diese Fruchtbarkeit muss sie vor dem Teufel verteidigen„. Nun, in diesem Sinne ist Maria ein Bild für die Insel Lanzarote selbst, schroff, unnahbar, abweisend. Aber wer sie liebt (kann man das überhaupt oder verfällt man ihr dann sofort?), der ist bereit, sich ihr hinzugeben, voll und ganz. Und Maria, die Insel, gibt dies zurück… wenn nicht, erschlägt sie einen, vernichtet sie mit ihrer Unnahbarkeit, ihrer Härte und ihrer Unbarmherzigkeit.

Mein durch Subjektivität getrübtes

Facit: eine wunderschön traurige Geschichte, in die man sich fallen lassen kann…..

Links:

lesenwerte Buchvorstellung
Aus den Verlagsangaben
Bilder aus Lanzarote

Rafael Arozarena
Mararia
Konkursbuchverlag Claudia Gehrke, 2009, Klappenbroschur, 256 S.
ISBN 978-3-88769-382-4

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One Response to “Rafael Arozarena: Mararia”


  1. […] erste und wichtigeste Buch überhaupt, mit dem frau sich die Insel erlesen kann heißt: MARARIA. Mararia von Rafael Arozarena ist der Lanzarote-Roman. Er verbindet die Kargheit der Insel, […]

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