Anthony McCarten: Hand aufs Herz

15. Oktober 2009

auto

Tom Shrift ist ein Versager. IQ-mäßig in Mensa-Regionen angesiedelt, dümpelt sein EQ in eher niedrigen Bereichen herum. Nicht seine Intelligenz und sein Wissen ist sein Problem, sondern seine steten Bemühungen, aller Welt dies ins Gesicht zu sagen, seine Unfähigkeit, mit der, mit seiner Wahrheit etwas zurückhaltend umzugehen. Da er ausserdem ein gewisses Maß von Agressivität für überlebensnotwendig hält (herrlich: dieser Nachbarschaftsstreit von ihm, der ganz im Hintergrund der Geschichte versteckt auftaucht…), wundert es kaum, daß sein Freundeskreis eher klein ist und auch seine berufliche Karriere nicht beispielhaft verläuft.

Auf der anderen Seite steht Jess Podorowski als Gegenfigur. Nach einem tragischen Autounfall ihres Mannes verwitwet, versucht sie alles, sich und ihre behinderte Tochter durchzubringen. So arbeitet sie als Politesse und verbringt einen großen Teil des Tages damit, die Beleidigungen und den Hass der von ihr mit Knöllchen versehenen Autofahrer auf den Straßen Londons in sich hineinzufressen. (Hierbei treffen sich auch Jess und Tom zum ersten Mal…) Sie ist zurückhaltend, schüchtern, das Dulden und Erleiden ist ihr zur zweiten Natur geworden.

Dritter im Bunde ist Hatch Back, Besitzer eines Autohauses, das er von seinem Vater übernommen, aber nicht wie dieser zum Erfolg, sondern mehr oder weniger in den Ruin geführt hat. Ihm fällt als letzten verzweifelten Akt zur Rettung seiner Firma via Aufmerksamkeit und Publicity eine haarsträubende Aktion ein:

Derjenige, der am längsten mit seiner Hand einen von ihm ausgelobten schicken Landrover berührt, bekommt diesen als Belohnung (Konsequenterweise sollte der Roman also eher „Hand aufs Auto“ heißen….).

Soweit in etwa der Plot der Geschichte, die McCarten uns erzählt. Und zwar tierisch gut! Man kann sich denken, daß die von Hatch initiierte Aktion ausser Jess und Tom noch eine ganze Reihe anderer, mehr oder weniger gescheiterter Gestalten anlockt, die sich um das Auto scharren und nach strengen Regeln (alle 2 Stunden 5 Minuten Pause für eins der drei Dixis, Schlafen verboten, eine Hand immer am Auto) ihre Hand an/auf das Blech pressen.

Mehr will ich zum Inhalt des Buches garnicht sagen. Man kann sich ja vorstellen, das der Autor sich ein paar der Figuren herausgreift und sie charakterisiert, den Ex-Soldaten zum Beispiel, den ehemaligen Nachtwächter, auch Matt, den Jungen aus reichem Haus, der endlich mal nichts geschenkt haben, sondern etwas durch eigene Leistung verdienen will…. natürlich: einer nach dem anderen scheidet aus dem „Rennen“ aus, das McCarten über weite Passasen wie eine Art Kammerspiel schildert. Insbesondere der Schlafmangel fordert seinen Tribut, nur mit äußerster Willensanstrengung können ihm die Akteure entgegentreten. Immer stärker werden auch die körperlichen Beschwerden, die Schmerzen in den Gelenken, den Knochen, den Füßen.. Der Sieger bleibt über 5 Tage ohne Schlaf….

Was will der Autor uns mit seinem Buch sagen? Zum einen ist es natürlich spannend zu lesen, wie er diese Geschichte vor uns ausbreitet und entwickelt (der Stoff schreit geradezu nach Verfilmung…). Aber so wie die Schinderei der Protagonisten immer härter wird, so beschreibt er andererseits auch eine Art innerer Läuterung seiner Hauptfiguren Jess und Tom. Diese, durch den Wettbewerb aneinandergekoppelt, können sich nicht ausweichen und geraten immer wieder aneinander, sagen sich bisher ungehörte Wahrheiten. Könnten sie sogar stimmen? Innere Zweifel tauchen auf am bisherigen Selbstbild, die körperlichen Strapazen machen sie bereit, sich selbst in Frage zu ziehen. Ich will die Aktion nicht mit einer z.B. Meditationsübung vergleichen, aber der nach einigen Tagen herrschende absolute Ausnahmezustand, in den sie notwendigerweise geraten, wirft alles bisher als sicher und gegeben erachtete durcheinander und öffnet sie für neue Gedanken, neue Erkenntnisse.

Und ein zweites beschreibt McCarten: wie sich der Mensch, wenn er sich einer (auch einer so blöden Aufgabe wie dieser) verschreibt, selbst in ein Gefängnis begibt. Trotz der Qual, die sie durchstehen müssen, sind die letzten 4 Figuren nicht fähig, sich zu verabreden und gemeinsam den Wettbewerb zu beenden. Sie vertrauen einander nicht und sie sind nicht in der Lage, die Prioritäten neu zu setzen: sie wollen einfach um jeden Preis ihr Ziel erreichen. Ihnen bleibt gar keine andere Wahl. Aber welche Befreiung, wenn sie dann doch über ihren Schatten gesprungen sind, losgelassen haben (kennen wir dies nicht alle in etwas kleinerem Massstab?) Aber vielleicht ist es diese Eigenschaft, diese Hartnäckigkeit, die einige (natürlich nicht alle, wahrscheinlich sogar die wenigsten) Menschen haben, die äußergewöhnliche Leistungen überhaupt erst möglich macht: Weltumsegelungen, in Taucherflossen zum Nordpol und ähnliches….. und manchmal vllt sogar ganz sinnvolle Sachen, die Einzelne gegen den geballten Widerstand der Übrigen durchfechten.

Das sind für mich die beiden großen Themen des Buches. Aber natürlich bietet der Roman auch das „Übliche“: eine zarte Romanze, Lug und Betrug, das Scheitern von Träumen und den schon erwähnten Nachbarschaftsstreit…. gute, gut lesbare Unterhaltung eben. Und auch aus diesem Grund habe ich das Buch fast nicht aus der Hand gelegt und in einem Rutsch durchgelesen.

Facit: ein gutes Buch, spannend geschrieben, eine interessante Studie auch über menschliches Verhalten

Anthony McCarten
Hand aufs Herz
Diogenes, August 2009, HC, 319 S.
ISBN-10: 3257067305
ISBN-13: 978-3257067309

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